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Grandioses Lichtereignis in der Nachtlandschaft

Freiburg (red) – Für die Weihnachtstafeln des Hochaltars im Freiburger Münster hat der bedeutende Renaissance-Künstler Hans Baldung Grien eines der beliebtesten Motive der Kunst, die „Geburt Christi“, vor rund 500 Jahren ganz neu als Nachtlandschaft entwickelt (Foto: Viering).

Radikal herangezoomt malte Baldung das alte Bildmotiv: Der Betrachter wird gewissermaßen Teil des Ereignisses von „Christi Geburt“ (1539) in der Kunsthalle Karlsruhe.

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Radikal herangezoomt malte Baldung das alte Bildmotiv: Der Betrachter wird gewissermaßen Teil des Ereignisses von „Christi Geburt“ (1539) in der Kunsthalle Karlsruhe.

Von Christiane Lenhardt

Für die Weihnachtstafeln des Hochaltars im Freiburger Münster hat der bedeutende Renaissance-Künstler Hans Baldung Grien eines der beliebtesten Motive der Kunst, die „Geburt Christi“, vor rund 500 Jahren ganz neu entwickelt: als tiefdunkle Nachtlandschaft mit einem grandiosen Lichtereignis. Hier zeigt der Meister vom Oberrhein mit Wurzeln in Schwäbisch-Gmünd, wie virtuos er Lichteffekte auf die damals als Bildträger benutzten Holztafeln zaubern konnte, um das Wunder der Heiligen Nacht zu visualisieren.

Nachtbilder waren in der deutschen Malerei zu Beginn des 16. Jahrhunderts noch eine Neuheit. Erst die Künstler der Barockzeit, Rubens und Rembrandt vor allem, setzten in ihrer Hell-Dunkel-Malerei viel später derart dramatische Lichtquellen ein. Der leidenschaftliche Maler und Zeichner Baldung, in jungen Jahren Mitarbeiter in der Nürnberger Werkstatt Albrecht Dürers, erschuf zahlreiche Andachts- und Altarbilder – der Hochaltar im Freiburger Münster ist sein Hauptwerk.

Der Wandelaltar des Münsters „Unserer lieben Frau“ ist ganz dem Marienleben gewidmet. Die beweglichen Außentafeln werden zur Weihnachtszeit zugeklappt – damit das volle weihnachtliche Programm der Altarkunst sichtbar wird: „Verkündigung“, „Heimsuchung“, „Christi Geburt“ und „Flucht nach Ägypten“.

Für den Großauftrag im Münster zog Baldung zusammen mit seiner Frau Margarethe Herlin 1512 von seinem Wirkungsort Straßburg, einem der damals bedeutendsten Kunstzentren nördlich der Alpen, nach Freiburg. Bis 1518 befand sich seine Werkstatt im dortigen Franziskanerkloster.

Baldung gelang auf dem Altar eine besonders innige Darstellung der Heiligen Nacht mit der knieend betenden jungen Maria vor dem hell erstrahlenden, auf einem Tuch schwebenden Jesuskind, das von hilfreichen Engelchen hochgehalten wird. Der bärtige Josef verbirgt sich mit gesenktem Blick in Marias Rücken. Nächtliches Dunkel umgibt die Heilige Familie, vom neugeborenen Kind geht ein göttlicher Glanz aus.

Bei dieser Darstellungsweise, die für seine folgenden Weihnachtsbilder verbindlich blieb, spielt die zu jener Zeit weitbekannte Geburtsvision der Hl. Brigitta von Schweden eine Rolle. Die Klostergründerin aus dem 14. Jahrhundert hatte während ihrer Pilgerreise ins Heilige Land im Traum die Geburt Jesu auf damals ganz unübliche Weise erfahren: Ihr erschien eine liebliche Maria mit goldglänzendem langen Haar als Zeichen der Jungfräulichkeit, die ihren Mantel auf dem Boden ausbreitete. Nach der Geburt kniete sie vor dem Jesuskind, das nackt zu ihren Füßen lag; von ihm gingen Strahlen aus, die heller waren als die Sonne, so die Vision der frommen Adligen.

Baldung intensivierte diese religiöse Vorstellung einer von kosmischen Lichterscheinungen märchenhaft verzauberten Geburtsszene in der Heiligen Nacht auch in seinen späteren Weihnachtsdarstellungen. „Baldung ist ein Erneuerer der christlichen Ikonographie“, sagt der Karlsruher Kurator Holger Jacob-Friesen –  „bei ihm kommt neben der Geburt der Tod ins Spiel.“ Vor allem im Spätwerk entwickelte er einen individuell geprägten Manierismus mit exzentrischen Bilderfindungen.

Zwei meisterhafte Weihnachtsdarstellungen Baldungs, die derzeit in der Großen Landesausstellung „Hans Baldung Grien – heilig/unheilig“ in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe zu sehen sind, zeigen diese dunkle und helle Seite der Heilsgeschichte. Um 1530 malte der wieder in Straßburg ansässige Künstler einen Christusknaben, der so hell leuchtet, dass Josef sich geblendet fühlt und auch der Engel sich abwendet von der Strahlkraft. Nur Maria hält diesem Licht stand, das ist ihre privilegierte Stellung. Das orangegelbe Strohdach der Unterkunft fährt wie ein leuchtender Kometenschweif quer über die Szenerie von Bethlehem. Gottvater, der im Himmel klein erscheint, hält schon das Kreuz in Händen.

Diese Anspielung auf die Passion und den Tod enthält auch die 1539 entstandene „Geburt Christi“ der Kunsthalle Karlsruhe. Maria als lieblich schöne junge Mutter in Halbfigur ist fast bildfüllend im rechten Teil des Andachtsbilds. Die trotz der dunklen Umgebung leuchtend satte Farbigkeit der Gewänder der Figuren und Baldungs Vorliebe für kostbare Stoffe fallen auf diesem Bild auf, unterstreichen das hohe Ansehen der Heiligen Familie.

Sechs Jahre vor seinem eigenen Tod geht Baldung hier noch radikaler mit dem alten Bildmotiv um. Er zoomt sich dicht heran, zeigt die Heilige Familie als Halbfiguren, was untypisch war in der deutschen Kunst dieser Zeit. Und auch hier ist kein holder Knabe im lockigen Haar zu sehen. Zwei Engel stützen das bleiche Kleinkind, dessen Windel zugleich ein Leichentuch ist. „Es ist eigentlich eine Engel-Pieta“, deutet Jacob-Friesen: „Engel, die einen toten Christus halten und beklagen – deswegen die Leichenblässe und dieses Tuch, das eigentlich das Leichentuch ist.“ Hier werden Geburt und Tod ineinander geblendet, Anfang und Ende der Heilsgeschichte zusammengeführt in einem Bild. „Dieses Kind ist geboren, um zu sterben. Das ist im Grunde die religiöse Aussage des Bildes, was hier auf ungewöhnliche Weise zum Ausdruck gebracht wird.“

Die traurigen Augen des aus dem Bild herausblickenden Jesuskinds machen den Betrachter gewissermaßen zum Teil der Szene: Typisch Baldung – der Betrachter ist stets in seine Kunst einbezogen, soll über die Herausforderungen des Lebens, über seine Sterblichkeit und den Tod nachdenken und Schlüsse für das eigene Leben daraus ziehen.

Der traditionell geprägte, innovative Künstler, Spross einer Gelehrtenfamilie, die sich in Straßburg niederließ, zeigt in seinen Werken ein hohes Maß an humanistischer Bildung. Seine Malerei regt auch die heutigen Betrachter noch zum Nachdenken an. Baldung Grien lebte in einer Zeit der Umwälzungen zwischen Renaissance, Humanismus und Reformation, die in Straßburg ein Prozess von zehn Jahren zwischen 1520 und 1530 war. Die radikalen gesellschaftlichen und religiösen Neuerungen haben sein über 40 Jahre hinweg entstandenes Werk beeinflusst.

Nach seiner Rückkehr aus Freiburg ab 1518  lebte Baldung bis zu seinem Tod 1545 in der Kunstmetropole Straßburg. Er erwarb ein Haus in einer wohlhabenden, gebildeten Gegend Straßburgs, zählte selbst zur Elite der Stadt, erlangte durch Immobiliengeschäfte Wohlstand. Kurz vor seinem Tod im Alter von 60 Jahren wurde er noch zum Ratsherren gewählt.

Grandioses Lichtereignis in der Nachtlandschaft

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Nur Maria ist nicht geblendet vom leuchtenden Jesusknaben in der Geburtsszene von 1530; das Strohdach erscheint wie ein Kometenschweif.

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Nur Maria ist nicht geblendet vom leuchtenden Jesusknaben in der Geburtsszene von 1530; das Strohdach erscheint wie ein Kometenschweif.

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Erstellt:
24. Dezember 2019, 00:00 Uhr
Lesedauer:
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