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Gut oder Böse?

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Autor Wolfram Frietsch alle zwei Wochen philosophische Ansätze und Ideen vor. Dieses Mal geht es um den Übergang zwischen Gut und Böse.

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Von Wolfram Frietsch

Wir sind es gewohnt, in Gegensätzen zu denken: Hell und Dunkel, Böse und Gut, Groß und Klein. Im Grunde ist daran wenig auszusetzen, denn gerade durch den Gegensatz erkennt man das Eigene. Kritisch wird es, wenn ich Gegensätze als Lebensmaxime anerkenne und nach dem Motto verfahre: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich.

Ich schließe also von einer Handlung, einem Gedanken oder einer Annahme auf das Gegenteil. Wenn wir dies genauer betrachten, dann gibt es weder für die Annahme von Gegensätzen noch dafür, aus etwas auf etwas anderes zu schließen, einen Grund. Die Welt um uns herum zeigt, dass es weder schlagartig dunkel wird, noch dass wir den Übergang von einer Jahreszeit zu einer anderen genau bestimmen können.

Wir können nicht einmal mit Sicherheit sagen, was hell oder dunkel, böse oder gut ist. Für den einen ist es böse, wenn er beleidigt wird, der andere hat ein dickes Fell und ihm macht das nichts aus. Wieder andere sehen in Verbrechen den Ausdruck des Bösen. Gleichzeitig wird dieses Böse aber nicht absolut gesehen, denn es besteht die Möglichkeit der Rehabilitation. Selbst eine lebenslange Haftstrafe kann nach einigen Jahrzehnten aufgehoben werden. Und wie oft kommt es vor, dass Freunde zu Feinden und Feinde zu Freunden werden? Wie oft hat man eine Wut auf jemanden, ehe sich herausstellt, dass alles ein Missverständnis war? Wo also liegt die Grenze des Übergangs vom einen zum anderen, von Gut zu Böse, von Freund zu Feind? Können wir mit Exaktheit den Grad des Guten bestimmen?

Leben besteht aus Schattierungen

Könnten wir eine absolute, für alle einsehbare Antwort auf die Frage nach Gut und Böse geben, wäre es einfach. Dann wäre beispielsweise ein Diktator böse, weil er sein Volk unterdrückt. Doch selbst nach dem Tod eines Diktators gibt es Befürworter, die behaupten, dass er entweder nicht so schlimm gewesen sei oder dass man Verständnis für ihn haben müsse. So unglaublich es klingen mag, aber auch die schrecklichste Tat wird einen Befürworter finden, und wenn es der Täter selbst ist. Eine absolut verbindliche Antwort kann es nicht geben. Unser Leben besteht aus Schattierungen und wechselnden Einsichten.

Nun geht es hier nicht um eine moralische Debatte, sondern darum zu zeigen, dass die Grenzen fließend sind, dass es kein Absolutes gibt, sondern um eine Positionierung innerhalb eines Systems von Möglichkeiten. Man könnte sagen, dass Böse und Gut zwei Extreme auf einer horizontalen Skala darstellen, die sich gegenüberstehen. Statt eines trennenden Abgrundes, wie es die Annahme des Gegensatzes suggeriert, sind die Übergänge fließend und unmerklich gerät man von der einen auf die andere Seite.

Die „dunkle Macht“ aus dem Star-Wars-Universum ist zwar vorhanden, aber jene, die sie anerkennen und sich ihr anschließen, müssen dies wollen und tun. Sie werden zwar zu dieser dunklen Seite getrieben oder verführt, aber es ist ihr Entschluss, sich dem „Bösen“ schicksalhaft zu ergeben.

Das Wesentliche: Ich kann mich entscheiden

Eine exakte Grenze der Gegensätze zu suchen, ist vergeblich. Viel eher gleicht dies einem Tanz zweier Boxer, die sich annähern, zurückweichen, Treffer einstecken oder austeilen, beliebig oft und beliebig lange. Ich sollte mir bewusst sein, dass alles was ich tue auf einer Skala angeordnet werden kann, und ich das Lichte und das Dunkle gleichermaßen im Blick haben muss. Manchmal bin ich näher am Lichten; manchmal näher am Dunkel. Ich muss die Strahlkraft, Dynamik und Lebendigkeit der Welt einsehen und erkennen, dass Leben Bewegung und Veränderung und nicht Beharrung und Gegensatz bedeutet. Dann obliegt es mir, wie ich mich entscheide. Aber, und das ist das Wesentliche: Ich kann mich entscheiden.

Literaturempfehlung:

Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse. Zur Genealogie der Moral. München 1999

Vor zwei Wochen schrieb Wolfram Frietsch über Kritik, die der Kompetenz bedarf.

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Erstellt:
7. Juni 2020, 17:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 59sec

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