Heidelberger Absage: Rückschlag fürs Vocalensemble Rastatt

Rastatt (cl) – „Wieder ein schmerzlicher Rückschlag“ sei die Absage des Heidelberger Frühlings fürs Vocalensemble Rastatt, sagt Chorleiter Holger Speck. Die „Klingende Residenz“ soll es aber geben.

Musizieren ist für ihn eine Art Herzensbildung: Holger Speck, Künstlerischer Leiter des Vocalensembles Rastatt.  Vocalensemble

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Musizieren ist für ihn eine Art Herzensbildung: Holger Speck, Künstlerischer Leiter des Vocalensembles Rastatt. Vocalensemble

Von BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

Mit der gestrigen Absage des Heidelberger Frühlings sind auch heiß ersehnte Konzertträume fürs Vocalensemble Rastatt jäh geplatzt. Eine Rückkehr auf die Bühne zum Jubiläum des bedeutenden internationalen Musikfestivals Mitte April wäre ein Auftakt nach Maß gewesen für den über 30-jährigen, renommierten Chor aus dem Badischen, der, Grammy-nominiert, in der jüngsten Vergangenheit häufig als Opernchor auf der Bühne des Festspielhauses Baden-Baden stand und auch sonst bundesweit bei Festivals dabei ist. Über ein Jahr lang hatte das Ensemble wie unzählige andere Musiker und Sänger keine Bühnenauftritte mehr. Ein Warm-Up hatte Holger Speck, der Künstlerische Leiter des Vocalensembles, vor den Proben Anfang April vorgesehen. Jetzt soll daraus eine „Art Arbeitsphase zum Qualitätserhalt“ werden, wie der Karlsruher Musikprofessor und Chorgründer im Gespräch mit BT-Redakteurin Christiane Lenhardt gestern erklärte.
BT: Herr Speck, der Heidelberger Frühling ist gestern abgesagt worden, wo das Vocalensemble für zwei außergewöhnliche Konzerte gebucht war. Was bedeutet diese Entscheidung für den Chor?
Holger Speck: Das bedeutet wieder einen schmerzlichen Rückschlag, denn die Sänger sind bereits in der Vorbereitung, und auch ich bereite mich seit Wochen auf die anspruchsvollen Konzerte vor.
BT: Sie hätten bald mit den Proben beginnen wollen. Soll das geplante Warm-up trotzdem stattfinden, um sich mal wieder zusammen zu treffen?
Speck: Wir werden nun die hoffentlich Ende März angekündigten belastbaren und verlässlichen Verordnungen zur Kultur abwarten und dann sehen, ob wir vor den Sommerkonzerten noch eine Art Arbeitsphase zum Qualitätserhalt machen können.
BT: Im vergangenen Jahr sind dem Vocalensemble schon etliche hochkarätige Termine wegen Corona weggebrochen.
Speck: Unsere erste große Absage war Beethovens Neunte mit Paavo Järvi in der Frankfurter Alten Oper und beim Musikfest Bremen. Das wäre unser Highlight fürs Beethovenjahr geworden. Ich will aus dem Vocalensemble zwar keinen Verleihchor machen, aber wir versuchen eine Mischung, ab und zu mit großen Orchestern und berühmten Dirigenten oder Solisten zu arbeiten, wie auch im Festspielhaus Baden-Baden bei großen Opernproduktionen. Wir lernen da immer sehr viel und profitieren, wie auch unsere Träger, auch in Sachen internationaler Ausstrahlung.
BT: Was bedeutet die Absage solcher Großprojekte finanziell für den Chor?
Speck: Das bedeutet den Verlust aller Konzert- und Aufnahme-Honorare. Wir sind aufgrund der öffentlichen Förderung von Stadt und Land Gott sei Dank nicht existenziell bedroht. In Baden-Württemberg ist die Wertschätzung für die Kultur, gerade in solchen Zeiten sehr hoch, wie kaum in einem anderen Bundesland. In einer kulturellen politischen Landschaft zu sein, wo man weiß, Kultur wird nicht nur als Zückerchen gesehen, sondern sie hat eine gesellschaftsbildende, humanistische Wertigkeit, das ist schon schön.
BT: Ist die öffentliche Förderung ein besonderer Ansporn?
Speck: Eine hohe Qualität, überregionale Ausstrahlung und auch Präsenz in der Region, wie zum Beispiel durch unsere Konzertreihe der „Klingenden Residenz“ sind Kriterien, die unsere Förderung legitimieren. Ich kann nicht durchschnittliche Sachen machen und dafür eine Förderung wollen. „Exzellenz aus der Region“ ist auch ein Zeichen der dezentralen Kulturpolitik in Baden-Württemberg. Es findet nicht alles in Stuttgart statt, sondern wir haben auch das Freiburger Barockorchester, das kurpfälzische Kammerorchester und viele andere herausragende Ensembles.

Das Vocalensemble Rastatt fühlt sich im Rastatter Schloss zu Hause. Einmal im Jahr bringt es die Barockresidenz zum Klingen. Foto: Vocalensemble

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Das Vocalensemble Rastatt fühlt sich im Rastatter Schloss zu Hause. Einmal im Jahr bringt es die Barockresidenz zum Klingen. Foto: Vocalensemble


BT: Ist das Vocalensemble immer noch ein Studentenchor wie in seinen Anfangsjahren?
Speck: Wir haben tatsächlich ohne finanzielle Mittel und mit Studenten angefangen. Da war kein Sponsor, der die Gründung eines Profi-Chores ermöglicht hätte. Mittlerweile ist es so, dass wir mit Sängern arbeiten, die an der Schnittstelle zwischen Hochschule und professionellem freiberuflichem Tätigsein stehen oder bereits in Rundfunk- oder Theaterchören singen. Aber es sind schon in der Regel junge Sänger, die überhaupt die Flexibilität für projektbezogene Arbeit haben. Wenn jemand fest im Sattel sitzt wie zum Beispiel in einem Rundfunkchor, dann geht es nicht so einfach, ihn für eine Projektwoche beim Heidelberger Frühling zu engagieren.
BT: Haben Sie viele Wechsel im Ensemble?
Speck: Die Fluktuation ist Teil eines freien, projektbezogen arbeitenden Chores. Es gibt aber durchaus immer über längere Zeit einen Stamm, der quasi einen „Klangkern“ bildet. Ich kenne auch die andere Seite und habe auch mit einigen Rundfunkchören gearbeitet in Zagreb, Ljubljana – das ist eine völlig andere Arbeitsweise. Da hat man „Dienst“. Weil der Chor aber jeden Tag zusammen probt, hat er naturgemäß schon einen Klang entwickelt. Dafür schleicht sich mitunter eine gewisse Beamtenmentalität ein. Wenn wir im Vocalensemble eine Woche beisammen sind, wird intensiv gearbeitet und nicht auf die Uhr geschaut. Man darf beide Chorarten aber nicht gegeneinander ausspielen. In Deutschland haben wir eine wunderbare, weltweit einzigartige Kulturlandschaft, die hoffentlich bald Weltkulturerbe ist.
BT: Wie ist die Besetzungsgröße des Vocalensembles?
Speck: Wir haben Besetzungsgrößen von 16 bis 60, je nach den Erfordernissen des jeweiligen Stils in der Musik. In der Alten Oper Frankfurt oder beim Musikfest in Bremen wäre es für die Beethoven-Konzerte eine große 60er Besetzung gewesen. Für barocke Musik arbeiten wir schon auch sogar mal solistisch. Die beiden Videos, die wir zuletzt gemacht haben, waren auch nur mit acht Sängern. Ich mache die Besetzung abhängig von der Stilistik. Es ist auch eines unserer Markenzeichen, dass wir romantische Musik mit einer romantischen Besetzung machen und barocke mit einer barocken Besetzung. Man versucht, historisch informiert zu agieren, so gut es die Konzertsäle zulassen.

Faust“-Projekt für „Klingende Residenz“ im Sommer im Rastatter Schloss


BT: Beim Heidelberger Frühling wäre das Vocalensemble am 15. April gemeinsam mit dem Pianisten Igor Levit aufgetreten. Für den 16. April war ein geistliches Konzert des Chors geplant. Was geschieht mit den vorgesehenen Programmen, gibt es alternative Ideen oder werden sie fürs nächste Jahr aufgehoben?
Speck: Unsere beide Konzerte werden ins Programm des Heidelberger Frühlings 2022 übernommen werden; die genauen Termine werden in den nächsten Wochen mit der Festivalleitung vereinbart.
BT: Es hätte ein ungewöhnlicher Auftritt mit Igor Levit werden sollen.
Speck: Das Programm war eine Idee des Festivals. Levit ist ein Musiker, der sehr rhetorisch denkt, auch instrumental sehr sprechend, erzählend denkt. Die barocke Musik ist eigentlich eine rhetorische Kunst, auch die Instrumentalmusik spricht und denkt in Motiven, wie bei einer Sprache: Hauptsilbe, Nachsilbe, schwer, leicht, Betonungen, Längen und so weiter. Levit hat eine große Affinität zur Vokalmusik. Die Motetten von Bach sind ein Highlight der barocken Vokalmusik, das kommt wunderbar zusammen.
BT: Das zweite Konzert hätte der Chor alleine gegeben. Werden Sie dieses geistliche Programm bei einem eigenen Konzert singen können?
Speck: Dieses Programm war exklusiv für den Heidelberger Frühling konzipiert. Aber eventuell gibt es trotzdem Möglichkeiten, es modifiziert anderen Veranstaltern anzubieten. Das muss jetzt alles erst geprüft werden, die Entscheidung des Festivals hat uns ja auch gestern erst erreicht.
BT: Was war geplant?
Speck: Dafür hatte das Festival die Idee, nach so langer Zeit ohne Auftritte vor Publikum, eine Art Sehnsuchtsraum zu öffnen. Musik ist sehr oft doch ein Sehnsuchtskatalysator, weil sie Räume eröffnet, einen Sog bildet und das Materielle hinter sich lässt. Weil Schwingungen nicht sichtbar sind, ist sie eine transzendentale Kunst. Das Motto habe ich dem Libretto eines Schumann-Chores entnommen, aus dem der Konzerttitel stammt: „in des Himmels Ferne“. Das Konzert sollte einen nicht konfessionellen, aber transzendentalen Charakter bekommen.

Chor und Publikum: „Da findet dann auf beiden Seiten eine Art Herzensbildung statt“


BT: Für seine transzendentalen, entrückten Klänge ist das Vokalensemble besonders bekannt. War das ursprünglich Ihre Absicht?
Speck: Ich höre oft von außen Äußerungen, wie ‚euer Klang ist aufgefüllt mit Emotionen‘. Vielleicht ist es das, was uns zur Marke macht. Parameter wie Homogenität oder wie Intonationsreinheit sind ja selbstverständlich im professionellen Bereich. Wenn Corona eines bewirkt hat, dann ist es, dass uns noch bewusster geworden ist, dass Musik viel, viel mehr ist als professionelle, gute Interpretationen. Dabei können urmenschliche Prozesse angeregt werden, sie ist eine wunderbare Form von Kommunikation.
BT: Welche Rolle spielt der Dirigent dabei?
Speck: Vielleicht lässt sich das mit der Funktion des „Mediators“ beschreiben. Ich vermittle zwischen dem genausten studierten Werk, den Sängern und dem Publikum. Im besten Falle kann dann die Musik Fantasieräume öffnen, zum Nachdenken anregen oder empfindsamer werden lassen. Wenn ich das Publikum im Rücken habe, spüre ich sehr genau die Atmosphäre, eine Art von Getragensein, eine Energie. Da findet dann auf beiden Seiten eine Art Herzensbildung statt. Das kann aber auch in anderen Kunstarten geschehen, zum Beispiel, wenn man ein tolles Kunstwerk betrachtet.
BT: War das Streaming ein guter Ersatz für die Konzerte?
Speck: Es ist ganz sicher kein adäquater Ersatz. Wenn aber nichts anderes möglich ist, dann kann man unter geschützten Bedingungen wenigstens auf diese Weise präsent sein. Daher haben wir auch Videos produziert im schönen Ahnensaal der Rastatter Residenz. Aber sicher sind Streams oder Produktionen kein Äquivalent fürs Live-Musikmachen von Mensch zu Mensch in einer einzigartigen Atmosphäre eines Konzertraumes. Der Mensch ist kein digitales Wesen. Die Technik war eine Brücke für uns in dieser Zeit zu unserem Publikum. Aber ich habe das Gefühl, dass Streams inflationär und damit auch beliebig werden. Es bleibt dabei, ein Konzertsaal ist ein Konzertsaal und nicht zu ersetzen, auch nicht durch den tollsten Bildschirm oder die tollste Sound-Anlage.
BT: Singen in Pandemiezeit gehört ja zum Schlimmsten, was man machen kann.
Speck: Ja, der Aerosolausstoß ist beim Singen natürlich viel höher als beim Geigespielen. Aber man weiß mittlerweile auch, dass ein Profi eine andere Konzentration von sich gibt, weil die Luftverwirbelung bei einem professionell hergestellten Gesangston nicht so stark ist wie beim lauten Sprechen, der Profi-Sänger arbeitet quasi inhalativ. Nichtsdestotrotz bleibt es beim – unter Umständen virenbelasteten – Aerosolausstoß. Es ist wirklich schlimm: Man will Musik machen, weiß aber, dass man verantwortlich und sehr vorsichtig sein muss. Ich darf nicht die Gesundheit meiner freiberuflichen Sänger und des Publikums riskieren. Daher haben wir im Zweifel immer abgesagt, als ein unverantwortliches Risiko einzugehen.

„Der Aerosolausstoß beim professionell hergestellten Gesangston nicht so stark“


BT: Wann haben Sie den Chor zuletzt gesehen?
Speck: Wir haben uns im September noch für die Videos gesehen. Da sah es noch relativ gut aus mit den Inzidenz-Zahlen. Man konnte im Schlosssaal lüften, hatte genügend Abstand mit maximal acht Sängern und Musikern. Das konnte ich verantworten. Meine Mitarbeiter und ich waren natürlich in regem organisatorischem Kontakt mit den Sängern, aber ich habe den Chor seither nicht mehr gehört. Die Sänger müssen für sich üben und ihre Stimme fit halten, so dass sie wieder einsteigen können, wenn’s wieder losgeht. Die Stimme ist ja ein muskulärer Apparat, der leistungsfähig gehalten werden muss.
BT: Gibt es schon weitere Pläne für dieses Jahr?
Speck: Wir haben unsere Stammkonzertreihe in Rastatt: die „Klingende Residenz“. Sie fiel letztes Jahr aus, wird hätten „Acis and Galatea“ von Händel gemacht. Jetzt wollen wir kein Orchesterprojekt machen, weil der Ahnensaal unter Pandemiebedingungen zu klein ist. Der Karlsruher Musikwissenschaftsprofessor Thomas Seedorf, hat mir die relativ unbekannte Schauspielmusik zum „Faust“ von Conradin Kreutzer empfohlen. Er war unter anderem in Wien Hofkapellmeister und hat eine Fassung für Klavier, Sänger, Solisten (Gretchen, Faust, Mephisto) komponiert. Es gibt am Anfang Geisterchöre und Studentenchöre in Auerbachs Keller. Eine Schauspielerin spricht eine Strichfassung des „Faust“, sodass diese Aufführung eine Konzertlänge mit Musik aufführbar ist. Der SWR ist dabei.
Dann gibt es noch eine Anfrage des Festivals in Bad Urach von Florian Prey, Hermann Preys Sohn, wo wir ein Rossini-Konzert geben sollen. Die Weihnachtshistorie in Berlin ist als Wiederaufnahme geplant. Die großen Festivals sind im Moment wahnsinnig zurückhaltend, privat finanzierten Festivals fehlen die Sponsoren. Im Moment muss man mit angezogener Handbremse agieren. Große Projekte gehen vielleicht erst wieder 2022/23.

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Erstellt:
5. März 2021, 22:00 Uhr
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