Hinter jedem Fehler steckt ein System

Baden-Baden (dk) – Lese-Rechtschreibschwächen lassen sich gut beheben. Davon ist der Sprachdidaktiker Dr. Hans-Georg Müller überzeugt. Im Interview spricht er über seinen neuen Rechtschreibtrainer.

Hans-Georg Müller lässt seine Erfahrungen als Deutschlehrer und Rechtschreibtrainer in sein Buch einfließen.  Foto: Die Hoffotografen

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Hans-Georg Müller lässt seine Erfahrungen als Deutschlehrer und Rechtschreibtrainer in sein Buch einfließen. Foto: Die Hoffotografen

Von Daniela Körner

Dass Lese-Rechtschreibschwächen organische Ursachen haben, ist laut Dr. Hans-Georg Müller meist unwahrscheinlich. Er sieht die Ursachen eher in ungünstigen Lernbiografien und ist überzeugt, dass jedes Kind durch gezieltes Training richtig schreiben lernen kann. Für Eltern hat er einen Rechtschreibtrainer konzipiert. Der promovierte Sprachdidaktiker und habilitierte Linguist lehrt an der Universität Potsdam als Privatdozent und betreibt eine Lernplattform. BT-Redakteurin Daniela Körner sprach mit ihm.

Badisches Tagblatt: Herr Dr. Müller, wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Rechtschreibtrainer für Eltern zu konzipieren?

Dr. Hans-Georg Müller: Ich habe jahrelang als Rechtschreibtrainer gearbeitet, danach war ich zwölf Jahre lang Deutschlehrer an einem Gymnasium. Von Eltern mit Kindern, die Rechtschreibprobleme hatten, habe ich immer wieder gehört: „Ich möchte ja gerne üben, aber mein Sohn wehrt sich, und es ist schwierig, ihn überhaupt an den Schreibtisch zu bekommen.“ Für Lese-Rechtschreibschwierigkeiten gibt es eigentlich einen doppelten Grund vor: Der eine ist fachlich, der andere aber rein emotionaler Natur. Wir neigen dazu, Tätigkeiten zu vermeiden, die uns nicht so liegen. Das Problem liegt aber für die Schüler darin, dass sie das Schreiben nicht vermeiden können. Sie müssen sich mit etwas auseinandersetzen, was ihnen seelische Pein bereitet.

BT: Wann werden die Probleme offensichtlich?

Müller: Das fängt meistens in der Grundschule an, wird aber häufig nicht entdeckt. Man kann aus den falschen Gründen richtig schreiben: Wenn Grundschüler Wortbilder einfach auswendig lernen, wird das zum Problem – nämlich dann, wenn immer mehr Wörter hinzukommen. Forschungen zum Analphabetismus haben ergeben, dass viele Schüler zunächst unauffällig sind. Welche Strategien sie anwenden, wissen wir nicht unbedingt. Entdeckt wird eine Schreibschwäche oft erst, wenn die Probleme sich bereits verfestigt haben. Kinder, die Misserfolge erleben, fangen oft an, sich noch mehr anzustrengen. Wenn aber die Strategie falsch ist, nützt das nichts. Sie brauchen also eine neue Strategie – und Erwachsene, die ihnen helfen, zu erkennen, wie die richtige Strategie aussieht und wie die Schüler gegensteuern können.

BT: Warum sprechen Sie die Eltern an? Ist es nicht Aufgabe der Schule, sicherzustellen, dass alle Schüler richtig schreiben lernen?

Müller: Im Grunde ist das richtig. Doch die Lehrkräfte stehen vor 20 oder 30 Schülern. Und bei allem, was wir machen, kommt es auf einen Punkt wesentlich an: auf das Feedback. Hier muss der Lehrer Kompromisse eingehen. Ein verzögertes Feedback ist aber meist der Anfang der Probleme – dies gilt übrigens auch für Mathematik. Ich bin überzeugt, dass es bei den allermeisten Schülern an der falschen Lernbiografie liegt. Folge ist ein riesiges emotionales Defizit, und dieses wiederum zerstört den Lernwillen.

Wenn mein Kind sagt „Mir ist Rechtschreibung egal“, ist das eine Schutzbehauptung

BT: Was ist in Ihren Augen die wichtigste Voraussetzung, dass gemeinsames Lernen von Eltern und Kindern funktionieren kann?

Müller: Der wichtigste Punkt ist: Mein Kind muss das selbst wollen. Wenn ein Kind sagt „Ich will das nicht, mir ist Rechtschreibung egal“, ist das eine Schutzbehauptung, eine emotionale Entlastungsstrategie. Dies kennen wir alle von Tätigkeiten, die uns nicht liegen.

Frage: Bis der Erfolg sich in Noten niederschlägt, brauchen Schüler einen langen Atem. Wie halten Eltern sie bei der Stange?

Müller: Rechtschreibtraining ist kein Sprint – es ist ein Marathon: Entscheidend sind die Erfolgserlebnisse. Eltern können ihren Kindern ein Erfolgserlebnis bieten, ihm zeigen, was es bereits gelernt hat.

BT: Und wenn das Kind wieder mit einer Fünf nach Hause kommt?

Müller: Dann ist das Feedback der Eltern angesagt. Sie können dem Kind zum Beispiel sagen, was es gut umgesetzt hat. Viele Kinder mit Rechtschreibproblemen denken: Sie machen alles falsch. Das ist aber nicht so. Eltern können sie dazu bringen zu erkennen: Ich habe zwar Schwierigkeiten mit der Groß- und Kleinschreibung, das Dehnungs-h setze ich aber immer richtig. Dieses Gefühl brauchen die Kinder.

BT: Das können Eltern wirklich leisten?

Müller: Meiner Erfahrung nach nicht automatisch, aber sie können es lernen. Eltern haben einen Vorteil: Sie sind motiviert – und sie reflektieren. Wenn sie sich die Zeit nehmen, haben Eltern gute Chancen, dass das Training funktioniert. Hilfreich sind da Rituale. Sie helfen uns, eine schöne Zeit zu haben, obwohl wir gerade etwas tun, bei dem wir nicht so motiviert sind.

BT: Sie sprechen von gut trainierten und ungünstigen Schreibschemata. Können Sie ein Beispiel nennen?

Müller: Denken Sie an die fokussierende Großschreibung: Viele Menschen schreiben Wörter groß, die sie für wichtig halten. Das findet man überall: Zum Beispiel den Satz „Hier kann man Kopieren“. Aus der Lernpsychologie weiß man: Fehler sind keine Zufälle – sondern oft ausgesprochen systematisch. Sie deuten auf eine bestimmte Strategie hin. Wendet ein Kind eine falsche Strategie an, muss man diese erst einmal erkennen.

Hans-Georg Müller: Jedes Kind kann richtig schreiben lernen, Dudenverlag, 274 Seiten, 14 Euro.


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