Höchst effektiver Sport-Club Freiburg

Stuttgart(mi) – Auf höchst effiziente Art und Weise kam der SC Freiburg zum Bundesliga-Auftakt zu einem 3:2-Derbyerfolg beim VfB Stuttgart.

Nils Petersen (links9 erzielte den Freiburger Führungstreffer und war auch am zweiten SC-Tor maßgeblich beteiligt. Foto: Matthias  Schrader/AP

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Nils Petersen (links9 erzielte den Freiburger Führungstreffer und war auch am zweiten SC-Tor maßgeblich beteiligt. Foto: Matthias Schrader/AP

Von Michael Ihringer

Auch wenn nur 7123 Zuschauer im weiten Rund der VfB-Heimstätte erstmals nach einem halben Jahr anwesend waren, hat sich auch nach dem Bundesliga-Wiederaufstieg nichts an der Atmosphäre in Stuttgart verändert. Die notorischen „Bruddler“ auf der Haupttribüne sind infolge Corona nicht verschwunden. Kommen in Bälde die bisweilen rabiat-fanatischen Hardcore-Fans aus der Cannstatter Kurve massenhaft hinzu, ergibt das in Krisenzeiten traditionell ein explosives Gemisch. Wer Mercedes und Porsche vor der Haustüre hat, will auch den VfB als Premiumprodukt em-pfinden. Doch die großen (Meister-)Zeiten unter Armin Veh und Christoph Daum liegen lange zurück.

In den vergangenen Jahren hat selbst der vergleichsweise kleine Sport-Club Freiburg dem schwäbischen Fußball-Stolz den Rang abgelaufen. Im Ländle-Derby zum Saisonstart haben die Südbadener diesen Status beim 3:2-Auswärtssieg untermauert. Es waren die ersten drei Punkte im für beide Teams absehbaren Abstiegskampf, für SC-Trainer Christian Streich zugleich der erste Erfolg beim VfB überhaupt.

Eine Stunde lang kam angesichts einer reifen, stabilen und höchst effektiven Teamleistung keine Wehmut nach den schwerwiegenden Abgängen der Stützen Schwolow, Koch und Waldschmidt auf, die letzte halbe Stunde mit teils chaotischen Szenen im eigenen Strafraum gegen einen mit dem Mut der Verzweiflung anrennenden Aufsteiger geben allerdings Anlass zur Vorsicht. So schön und entspannt wie die vergangene wird die zweite Corona-geprägte Saison nach Lage der Dinge nicht.

So wussten die nach Schlusspfiff glückseligen Sieger den gelungenen Saisonstart demgemäß richtig einzuordnen. „Wir spielten eine hervorragende erste Halbzeit, waren saueffektiv und setzten immer wieder Nadelstiche“, verwies Nils Petersen auf den ersten Teil der unterhaltsamen Partie. „Ab der 60. Minute haben wir die Kontrolle verloren und etwas glücklich gewonnen“, relativierte Streich. „Am Ende dürfen wir das nicht zulassen“, verfiel auch Torwart-Blitzstarter Florian Müller nicht in Euphorie.

Am Dienstag vom FSV Mainz ausgeliehen, am Mittwoch erstmals mit den neuen Teamkollegen trainiert, und am Samstag mit einigen Glanzparaden den Sieg gerettet: So etwas nennt man eine Glückswoche. „Ich wurde hier super aufgenommen“, sagte der 22-Jährige, der dem anderen Neuzugang Benjamin Uphoff vorgezogen wurde.

Super waren auch die herausgespielten SC-Treffer. Bei Petersens unbedrängtem Kopfballtor hatte Roland Sallai die präzise Flanke geliefert (8.), beim 0:2 schloss der Ungar eine Traumkombination nach Grifos Freistoß und Petersens genialem Hackentrick per Abstauber ab (26.). Beim 0:3 legten Jeong und Höler perfekt für den mittlerweile erblondeten italienischen Ideengeber Grifo auf (48.).

Der emsig bemühte VfB zahlte bis zu diesem Zeitpunkt viel Lehrgeld für das mitunter naive Zweikampfverhalten, Sicherheitsabstand galt nicht nur für die Zuschauer im weitgehend leeren Stadionkessel. „Wir hatten viel mehr Torschüsse als Freiburg, aber jetzt wissen wir, was es heißt, in der Bundesliga zu spielen“, erkannte Daniel Didavi den neuen Härtegrad. Dabei war es ermutigend, wie die Schwaben mit dem stets gefährlichen Wamangituka weiter offensiv dem drohenden Heimdesaster trotzten. Denn schon vor dem deprimierenden 0:3 waren Chancen vorhanden, doch neben Müller rettete auch SC-Innenverteidiger Dominique Heintz auf der Linie, als Wamangituka den SC-Torwart bereits überwunden hatte (16.). Als die in der 4-1-4-1-Formation angetretenen Südbadener in den passiven Verwaltungsmodus umschalteten, geriet der scheinbar sichere Sieg nochmals in ernsthafte Gefahr. Nun kam auch der letzte Pass beim VfB an, Kalajdzics 1:3 (71.) und Wamangitukas 2:3 (81.) sorgten für eine dramatische Schlussphase, in der sich der SC nicht mehr befreien konnte und mit letzter Kraft über die sechs Minuten Nachspielzeit rettete.

Am Ende verblüffte, wie viel Krach 7123 Menschen machen können. Lernt der VfB schnell hinzu und bleibt der SC seiner Linie treu, könnten beide am Saisonende was zu feiern haben. Mit hoffentlich dann größerer Partykulisse.

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Erstellt:
20. September 2020, 18:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 51sec

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