Jeder ist seines Glückes Schmied

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Autor Wolfram Frietsch philosophische Ansätze und Ideen vor. Dieses Mal geht es um Die Geschichte von Armut und Aussichtslosigkeit.

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Von Wolfram Frietsch

Jeder hat einen Ort, zu dem er sich hinwünscht, der ihm Frieden und Geborgenheit verspricht, der ihm eine Quelle des Trostes und der Hoffnung ist. Manche sagen dazu Himmel, andere Nirvana, wieder andere Paradies. Ein Platz, an dem Mühe und Kummer sich auflösen, an dem Arbeit und Anstrengungen nichtig werden. Was aber wäre, wenn der Traum nach einem solchen Ort verloren ginge? Wenn statt Zuversicht Hoffnungslosigkeit sich breitmachte?

In einem Gespräch mit dem Hauptmann sagt Woyzeck: „Unsereins ist doch einmal unselig in der und der andern Welt, ich glaub‘ wenn wir in Himmel kämen, so müssten wir donnern helfen.“ Was kann es Trostloseres geben, als selbst im Himmel nicht erwünscht zu sein?

„Woyzeck“ ist ein Dramenfragment, das Georg Büchner (1813–1837) hinterlassen hat. Es basiert auf dem Leben des Johann Christian Woyzeck, der seine Geliebte am 21. Juni 1821 aus Eifersucht erstach. Woyzeck wurde am 27. August 1824 in Leipzig hingerichtet. Psychiatrische Gutachten wollten seine Unzurechnungsfähigkeit beweisen – erfolglos.

Mangelnde Möglichkeit des Menschen

Das sozialkritische Drama, das bis heute Leser in seinen Bann zieht, vermittelt eine Weltsicht, für die die Lebensumstände prägend an der Entwicklung des Menschen wirken. Büchner sieht dabei nicht nur das Missverhältnis zwischen Arm und Reich, sondern er thematisiert auch die mangelnde Entwicklungsmöglichkeit des Menschen.

Wir denken, dass wir unseres Glückes Schmied sind, dass wir es selbst in der Hand haben, was aus uns wird. Jeder kann alles erreichen, wenn er sich nur genügend anstrengt, so wird gesagt. Dass daran Wahres ist, soll nicht bestritten werden. Doch manchmal sind es die Ausnahmen, die uns das Ganze mit anderen Augen sehen lassen. Woyzeck bildet solch eine Ausnahme. So verachtenswert der Mord ist, so fordert diese Tat auch die Frage nach der Verantwortung der anderen.

Wenn Frank McCourt in seinem Buch „Die Asche meiner Mutter“ – einem autobiografischen Roman über seine Jugend in Irland – schreibt: „Wenn ich auf meine Kindheit zurückblicke, frage ich mich, wie ich überhaupt überlebt habe“, macht dies betroffen. Sollte Kindheit nicht voller Geborgenheit und Zuversicht sein? Frank McCourt wächst dagegen in einer irischen Familie auf, in der Verzweiflung, Armut, Krankheit und Tod präsent sind. Auf allem lastet der Geschmack der Ausweglosigkeit. Der Vater sorgt nicht für die Familie, die Mutter ist überfordert, seine Zwillingsbrüder sterben – ein ständiger Kampf ums Überleben bestimmt alles.

Kindheit meint Überlebenskampf. Hygiene oder gesunde Ernährung gibt es nicht, wenn es nur ums Überleben geht. Weil es nichts zu Essen gibt, hebt Frank das fettige Zeitungspapier vom Boden auf, in dem zuvor noch Fish und Chips eingewickelt waren, von denen er aber nichts abbekommen hatte, und leckt das Fett von der mit Druckerschwärze gesättigten Zeitung ab, sich fragend, was er wohl morgen essen werde.

Texte legen nahe, dass es die Umstände seien

Beide Werke – „Woyzeck“ und „Die Asche meiner Mutter“ – haben viele, sehr viele Leser gefunden, die sich darüber Gedanken machten, die litten und Wut in sich spürten. Viele haben begriffen, dass es so etwas nicht geben darf, dass Kinder leiden, Menschen gequält und erniedrigt werden oder man ihnen die Hoffnung nimmt. Die Frage bleibt, warum kann aus der Verzweiflung keine Tat, aus dem Elend und der Not keine Hoffnung und Zuversicht und aus der Fremdbestimmung keine Selbstbestimmung gestaltet werden? Die Texte legen uns nahe, dass es die Umstände seien.

Der Leser kann sich dazu einbilden, dass, wenn nur ein paar anders gedacht hätten, wenn es so etwas wie Solidarität oder Gemeinschaftsgefühl, Wertschätzung oder Hilfe zur Selbsthilfe gegeben hätte, wenn also der Doktor mit Woyzeck nicht diese unsäglichen Experimente angestellt und der Hauptmann seinen Soldaten nicht ständig drangsaliert hätte, dann hätte das Leben eine andere Richtung nehmen können. Oder wenn die Kirche, die Regierung, die Unternehmer... im ärmlichen Irland der 1930er Jahre mehr Mitgefühl gezeigt hätten, dann... Doch dem war nicht so. Warum nicht?

Frank McCourt brach als junger Erwachsener nach Amerika auf, in ein „rundherum tolles Land“. Davon hatte er geträumt. Im Gegensatz zu Woyzeck bekam er sein Leben in den Griff. Ist damit aber die Geschichte von Armut und Aussichtslosigkeit zu Ende?

Literaturempfehlung: Georg Büchner. Woyzeck. Stuttgart 1999.

Frank McCourt: Die Asche meiner Mutter. München 1998.

Vor zwei Wochen schrieb Wolfram Frietsch über Bewusstsein und Selbstbewusstsein.

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Erstellt:
26. September 2020, 16:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 14sec

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