Körpersprache: Was steckt hinter Putins Drohungen?

München (BNN) – Der Münchner Körpersprache-Experte Stefan Verra sieht in Wladimir Putins Körpersprache beunruhigende Signale für den Westen.

Demonstrative Härte und Entschlossenheit: Mit seinem entfesselten Krieg gegen die Ukraine treibt Russlands Präsident Wladimir Putin Europa in eine der schwersten sicherheitspolitischen Krisen seit dem Zweiten Weltkrieg. Foto: Alexei Nikolsky / dpa

© Alexei Nikolsky

Demonstrative Härte und Entschlossenheit: Mit seinem entfesselten Krieg gegen die Ukraine treibt Russlands Präsident Wladimir Putin Europa in eine der schwersten sicherheitspolitischen Krisen seit dem Zweiten Weltkrieg. Foto: Alexei Nikolsky / dpa

Von BNN-Redakteur Alexei Makartsev

Die finstere Drohung, die weltweit für Gänsehaut sorgt, fällt wie beiläufig in einem knappen, sachlichen Satz: „Ich befehle dem Verteidigungsminister und dem Generalstabschef, die strategischen Streitkräfte in eine besondere Bereitschaft zu versetzen.“ Die beiden Uniformierten am Tisch mit Wladimir Putin nicken und sagen: „Zu Befehl!“

Die wenige Sekunden lange Passage in einem am Sonntag verbreiteten Video aus dem Kreml hat es in sich. Mitten in einer schweren Sicherheitskrise Europas macht der Oberbefehlshaber über das weltweit größte Atomwaffenarsenal deutlich, dass er zu allen Mitteln greifen könnte, um seinen Willen durchzusetzen.

Bereits einige Tage zuvor hatte Putin den Nato-Staaten für den Fall der Einmischung in den Ukraine-Krieg mit Konsequenzen gedroht, die sie „in Ihrer Geschichte noch nie erlebt haben“.

Töne, wie man sie lange nicht mehr gehört hat

Es sind Töne, wie man sie aus Moskau seit vielen Jahren nicht mehr gehört hat. Seitdem rätselt die Welt: Hat sich Putin noch unter Kontrolle? Meint er es wirklich so? Stefan Verra glaubt: Ja.

Der 48-jährige Österreicher, der in München lebt, ist Coach und Experte für nonverbale Kommunikation, mit der Menschen oft mehr vermitteln als mit ihren Worten. Gestik, Mimik, Körperhaltung, Stimme: Unbewusst oder trainiert senden wir alle bestimmte Signale aus, die mit entscheidend sind, ob uns andere glaubwürdig, offen, sympathisch oder bedrohlich finden.

Verra hat kürzlich ein Buch mit dem Titel „Die Körpersprache der Mächtigen“ veröffentlicht. Er hat Putin schon länger im Blick. Mit Unbehagen hat der Experte die öffentlichen Auftritte des Kremlchefs beobachtet, die den Krieg vorbereitet haben und ihn begleiten.

Im Gespräch mit unserer Redaktion sagt Verra: „Die Durchsetzungsfähigkeit, die Putin mit seiner Körpersprache signalisiert, hat ihn im Inland bestärkt und bringt nun den Westen in Bedrängnis. Offensichtlich verfolgt er die Strategie, immer tiefer in die Krise hineinzugehen. Da seine Körpersprache so wenig Offenheit und Wertschätzung zeigt, wird es immer schwieriger, mit erhobenem Haupt aus dieser Nummer heraus zu kommen.“

Menschen wie Tiere greifen im Alltag auf Verhaltensweisen zurück, die ihre Spezies vor vielen Generationen erlernt hat. So sind in Gefahrensituationen oft Einscheidungskraft, Mut und Stärke gefragt. Man „bietet jemandem die Stirn“: Der Ausdruck, der die furchtlose Entschlossenheit beschreibt, passt laut Verra sowohl zu kämpfenden Steinböcken, die mit Wucht ihre Schädel aufeinander knallen, als auch zu Putin, der seine Gegner einschüchtern will.

Menschen wie Tiere „bieten die Stirn“

Er hat es in den Auftritten des Präsidenten immer wieder beobachtet, besonders in den Wochen vor Kriegsbeginn, als Putin eine Reihe von westlichen Politikern im Kreml empfangen hat: Die nach vorne geneigte Stirn, der stechende Blick, die unbewegten Gesichtszüge und Worte, die mit Druck dem Gegenüber entgegengeschleudert werden. Verra beschreibt Putin als eine „Wand“, an der alles abprallt und mit der man besser nicht zusammenkrachen sollte.

„Er setzt sich hin an diesen ewig langen Tisch, hört Scholz oder Macron zu, senkt seinen Kopf und schaut sein Gegenüber aus tiefen Augen lange an, so wie der Vater seinem Kind klarmachen will: ,Du brauchst mich jetzt nicht anzulügen‘.“ Der Kremlchef habe in der Körpersprache nichts Neues erfunden, aber in die Diplomatie eine seltene, direkte Aggressivität eingebracht, urteilt der Fachmann. Dies sei bei anderen Politikern seines Ranges „unter dem Mantel der Diplomatie verdeckt“.

Putin zeige, dass es ihm ernst sei und bringe das mit großer Überzeugung herüber. Daneben würden Figuren wie Olaf Scholz oder Joe Biden manchmal blass aussehen, sagt Verra. Der US-Präsident wirke alt, seine Bewegungen zeigten zu wenig Agilität und Energie, die man in Krisenzeiten brauche. Der neue Bundeskanzler sei körpersprachlich seiner Vorgängerin ähnlich, kritisiert der Experte. „Scholz polarisiert wenig, anders als Macron, der die große Bühne sucht. Er ist sehr zurückhaltend, wirkt brav, lächelt relativ wenig und spricht leise.“

Verra findet die Außenwirkung des Kanzlers seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine nicht ganz optimal. „Da steht Olaf Scholz, der verkündet, dass der Krieg begonnen hat. Er will die Schwere und Bedeutsamkeit der Situation klarmachen, hat dabei aber zu wenig Körperspannung. Arme, Schultern und Mundwinkel hängen spannungslos herunter.“ Diese Körpersprache sei zu passiv und lasse das Tempo vermissen, das Putin an den Tag lege, bemängelt Verra. „Die Signale der Geschlossenheit und Entschlossenheit, die deutsche Politiker nach Moskau senden, sind nicht wirklich überzeugend.“

Als positives Beispiel nennt er Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron, der es mit einer Kombination aus Charme und Härte mit Russlands Staatschef durchaus aufnehmen könne. Der Franzose soll angeblich einer der letzten westlichen Politiker sein, mit denen Putin noch spricht.

Am nächsten Tag nach der Atomdrohung hat Macron in einem Telefonat mit dem Kremlchef vor den geopolitischen Auswirkungen gewarnt, die Putins Entscheidungen haben könnten. Die Antwort des Russen sei „klinisch kalt“ gewesen, zitiert der „Spiegel“ einen Berater aus dem Élysée-Palast. Stefan Verra geht noch weiter und glaubt, eine alarmierende Diskrepanz zwischen Putins verbalen Muskelspielen und dessen Auftreten zu erkennen. Er bezeichnet sie als eine „Asymmetrie“.

Putin zeigt „Asymmetrie“

Als er den Befehl zur Erhöhung der nuklearen Gefechtsbereitschaft erteilt habe, habe Putin mit den breit aufgestützten Ellenbögen und vor sich verschränkten Fingern auffällig „salopp“ gewirkt, erklärt Verra. Das häufige Blinzeln zeige, dass er frei gesprochen habe. In einer ähnlichen Situation hätte sich US-Präsident Biden an ein Pult gestellt und einen vorbereiteten Text abgelesen, sagt der Fachmann.

Dagegen wirke Putins Körpersprache „unvorbereitet“. Russlands Präsident erinnere ihn an einen „Vereinsvorsitzenden, der seinen Vorsitz schon zu lange innehat“, sagt Verra. Es sei diese Diskrepanz zwischen den scharfen Worten und der „formlosen“ Körpersprache, die bei Beobachtern große Unsicherheit auslöse.

Er sieht äußerlich keine Gründe für die Annahme, Putin wäre nicht länger zurechnungsfähig. „Er wirkt eher wie ein Mann, der sich seiner Position so sicher ist, dass er sich nur noch mit willfährigen Gefolgsleuten umgibt und sich nicht einmal in Haltung bringen muss, selbst wenn er solche mächtigen Worte sagt“, sagt Verra.

Wenn Menschen zu lange in einer Position seien, neigten sie zur Überzeugung, dass der Job ihnen gehöre. „Putin erweckt den Eindruck, dass Russland ihm gehört und er deswegen selbstverständlich mit Atomraketen drohen kann. Das merkt man deutlich an seiner Körpersprache, und ich halte dies für sehr gefährlich.“

Lesetipp: Stefan Verra - „Die Körpersprache der Mächtigen“, Heyne Verlag, 312 S., 11,99 Euro

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