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Kritik muss kompetent sein

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Autor Wolfram Frietsch alle zwei Wochen philosophische Ansätze und Ideen vor. Dieses Mal geht es um Kritik, die der Kompetenz bedarf.

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Von Wolfram Frietsch

Einen Turm aus Bauklötzen aufzubauen, ist schwierig und zeitaufwendiger, als ihn umzuwerfen. Sich nach einer Rede zu Wort zu melden und diese zu beanstanden, ist leichter, als selbst die Rolle des Redners einzunehmen. Zu kritisieren ist ein wichtiges und westliches Werkzeug, das wir zur Verfügung haben, aber es bleibt ein zweischneidiges Schwert. Kritik ist meist schmerzhaft. Sie kann verletzten und entmutigen, kann aber auch helfen, sich zu verbessern und weiterzuentwickeln. Jeder, so der Eindruck, fühlt sich heute dazu berufen, zu kritisieren oder zu urteilen.

Die Frage, warum man es sich antut, ein Buch zu schreiben, eine Rolle zu spielen, Künstler oder Politiker zu sein, ist nicht leicht zu beantworten. Die Gründe liegen eher nicht darin, Freude an viel Kritik zu haben, sondern in der Vorstellung, etwas ausdrücken zu wollen, mitzuspielen oder einfach das zu tun, was einem entspricht. Doch das muss nicht immer das sein, was einem allgemeineren Qualitätsmaßstab entspricht.

Wahrscheinlich ist dies eine mögliche Erklärung dafür, dass bei TV-Castingshows Kandidaten gezeigt werden, die nicht die Möglichkeit haben, diese Herausforderung zu bestehen. Die Frage, die sich aufdrängt, lautet: Haben sie denn keine Freunde, die ihnen sagen, dass sie weder geborener Sänger, noch Tänzer noch Model noch Entertainer sind? Es ist gerade das Perfide dabei, dass der Eindruck entsteht, dass, wenn ich unter der Dusche so manchen richtigen Ton treffe, mein Gesang auch für die Öffentlichkeit reichen würde. Doch dem ist nicht so.

Was leicht aussieht, ist hart erarbeitet

Die Wahrheit ist viel einfacher. Zwar kann es Menschen geben, denen alles zufliegt. Aber selbst sie kommen an einen Punkt, an dem sie sich professionelle Hilfe von Trainern oder Lehrern holen, um sich weiter zu verbessern. Ein musikalisches Genie wie Mozart musste als Kind stundenlang üben und das Tag für Tag. Die Aussage, dass Genie 95 Prozent Transpiration und fünf Prozent Inspiration sei, gilt weiterhin.

Alles, was auf der Bühne oder im Fernsehen leicht aussieht, ist hart erarbeitet und wird so oft wiederholt, bis es perfekt sitzt. Es würde irritieren, wenn sich Nachrichtensprecher bei jedem Satz verhaspeln. Wir würden unser Geld zurückverlangen, wenn ein Künstler beim Konzert nur jeden dritten Ton träfe.

Es mag cool sein auf einer Bühne zu stehen, aber auf das Was und Wie auf der Bühne kommt es an. Es ist ein Unterschied, ob man am Stammtisch im Laufe eines Abends launige Sprüche zum Besten zu geben vermag oder ob man auf einer Bühne steht, um Comedy zu machen, die auf den Punkt genau sitzen muss.

Wenn etwas nicht gelingt, der Künstler sich überschätzt hat oder die gesamte Performance nicht in den dafür erforderlichen Rahmen passt, dann darf und muss das beanstandet werden dürfen. Kritik muss sein. Dennoch sollte der Ursprung der Kritik nicht vergessen werden.

Im philosophischen Sinne ist Kritik eine prüfende Beurteilung. Wer kritisiert, muss also wissen was und vor allem warum er etwas kritisiert. Ein „Gefällt-mir-nicht“ ist keine Kritik, sondern eine Meinung. Eine Kritik zu begründen, bedarf der Kompetenz. Hier treffen sich Künstler und Kritiker. Beide sollten über ausreichend Fachkenntnisse verfügen. Beiden sollte bewusst sein, dass die Verpflichtung vor der Kunst als Darbietung ebenso hoch zu bewerten ist wie die Verpflichtung vor dem Menschen, der kritisiert wird.

Literaturempfehlung

Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft. Hamburg 1998.

Vor zwei Wochen schrieb Wolfram Frietsch in seiner Kolumne über die ideale Schule.

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Erstellt:
23. Mai 2020, 19:45 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 46sec

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