Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Lesetipps der Sportredaktion

Baden-Baden (red) – Anlässlich des „Welttags des Buches“ sind Redakteure der Sportredaktion ihre Schränke und Regale durchgegangen und haben ihre liebsten Schmöker ausgepackt, um sie vorzustellen.

Moritz Hirn, Frank Ketterer und Christian Rapp (von links). Foto: Hirn

© moe

Moritz Hirn, Frank Ketterer und Christian Rapp (von links). Foto: Hirn

Imperium aus dem Kofferraum

von Moritz Hirn

Ein kurzer Prolog: Ich liebe Turnschuhe und bin das, was man im Fachjargon einen „Sneakerhead“ nennt. Diese Leidenschaft für sportliches Schuhwerk ist in meinem Fall zwar weit entfernt davon, manische Züge anzunehmen, aber – so viel sei an dieser Stelle zugegeben – rund zwei Dutzend Paare in meinen Regalen tragen den „Swoosh“, die legendäre Nike-Sichel. Bei Menschen mit einer derartigen Begeisterung für einen rechten und einen linken Schuh landet irgendwann fast zwangsweise „Shoe Dog“ auf dem Nachttisch, die Autobiografie des Nike-Gründers Phil Knight. Auf knapp 450 Seiten schildert der Unternehmer, selbst ein ganz passabler Mittelstreckenläufer, seinen eigenen Werdegang: Wie er sich als Mittzwanziger 50 Dollar von seinem Vater lieh, unter dem Label „Blue Ribbon“ Laufschuhe aus dem Kofferraum seines Autos verkaufte, aus dem Jahrzehnte später ein Milliardenimperium und der weltgrößte Sportartikelhersteller werden sollte. Es ist eine Geschichte von zermürbendem Stillstand, bitteren Niederlagen und wiederkehrenden Anfeindungen, aber auch durchschlagenden Erfolgen, bahnbrechenden Innovationen und engen Freundschaften. Knight erzählt sehr detailreich, teils unterhaltsam, bisweilen aber auch langatmig. Rund 100 Seiten weniger hätten dem Werk durchaus auch gut zu Gesicht gestanden. Dennoch ist das Buch absolut lesenswert, für Fans der Marke, aber vor allem auch für Unternehmensgründer – „just do it!“

Phil Knight: „Shoe Dog“, FinanzBuch Verlag

Außergewöhnlich gewöhnlich

von Christian Rapp

Dirk Nowitzki steht im Badezimmer vor dem Spiegel und stopft das weiße Hemd in die hellblaue Hose. 21 Jahre ist das fast tägliche Routine für den Würzburger, so wie das anschließende Zähne putzen und die obligatorische Pre-Game-Pasta. Doch nun, an diesem Nachmittag des 9. April 2019, macht sich Deutschlands Basketball-Legende ein letztes Mal fertig – für den finalen Auftritt in seinem American Airlines Center, der Spielstätte der Dallas Mavericks, Nowitzkis sportliches Wohnzimmer der letzten zwei Dekaden. In dem das „German Wunderkind“ vom schlaksigen „Bub“ (O-Ton Holger Geschwindner) erst zu einem gestandenen Mann reift, und schließlich zu einem Hoffnungsträger und Liebling einer ganzen Stadt wird.

Als sich Dirk Nowitzki schließlich die Krawatte binden will, schießen ihm Tränen in die Augen, es faltet ihn zusammen. Ausgerechnet dieser 2,13-Meter-Riese wirkt in diesem Moment zerbrechlich. Plötzlich ist seine Frau Jessica neben ihm, umarmt ihn, stützt ihn. Als dieser „emotionalste Moment des Tages“ – obwohl er Stunden später von 20000 Fans frenetisch gefeiert und von seinen Idolen Scottie Pippen, Larry Bird und Co. in den sportlichen Ruhestand gehuldigt wird –, wie er später zu Protokoll geben wird, überstanden ist, wirft er sich kaltes Wasser ins Gesicht, putzt sich die Zähne und zieht den Krawattenknoten zu. Beobachtet wird dieser intime Moment von Schriftsteller Thomas Pletzinger, der in den vergangenen sieben Jahren zu einem Teil von Nowitzkis Kosmos wurde. Pletzinger begleitete den großen Blonden zu zahlreichen Auswärtstrips, war stiller Beo-
bachter der allsommerlichen, schweißtreibenden Trainingseinheiten in der verstaubten Turnhalle im oberfränkischen Rattelsdorf und Gast in Nowitzkis Haus in Dallas.

Pletzinger tritt dem deutschen Sportstar jedoch nie unangenehm nahe, sondern wahrt eine respektvolle Halbdistanz. Aus der Perspektive einer Nebenfigur beschreibt er in „The Great Nowitzki“ den Protagonisten – dessen Handlungen, dessen Gedanken. Kein Wunder, wirkt die Biografie fast wie ein Roman, zieht den Leser mit jeder weiteren Seite in seinen Bann. Allein durch den bemerkenswerten Schreibstil und Pletzingers Liebe zum Detail hebt sich das Werk von anderen Sport-Biografien, die meist eine gefühlskalte Aneinanderreihung von Statistiken und Auflistung der sportlichen Meriten sind, wohltuend ab.

Pletzinger gelingt auf den 512 Seiten aber nicht nur eine brillante Nahaufnahme des außergewöhnlichen Menschen Nowitzki, vielmehr macht sich der Schriftsteller auf die Spurensuche, weshalb eine ganze Stadt einen normalen 2,13-Meter-Typen aus Franken verehrt, ja beinahe liebt. So erzählt der 45-Jährige etwa von einem Taxifahrer und dessen erster Begegnung mit Dirk Nowitzki, von einem Parkanweiser („Dirk, mein Sohn, in dieser Stadt darfst Du überall parken.“) und einem Fan, der wegen seiner Liebe zum NBA-Champion von 2011 gar Schläge einstecken muss.

Darüber hinaus ist „The Great Nowitzki“ ein Buch über Freundschaft, Vertrauen und Empathie. In den Hauptrollen Dirk Nowitzki und sein Lehrmeister Holger Geschwindner, dieser irrwitzige, etwas verrückte Basketball-Professor. Geschwindner schleift den Würzburger mit seinen unorthodoxen Trainingsmethoden nicht nur zu einem der besten Basketballer der Geschichte, sondern bietet ihm auch eine Hilfestellung für das Leben. Durch Geschwindner blickt Nowitzki über den sportlichen Tellerrand hinaus, entdeckt die Liebe zur Literatur und Musik, zusammen unternehmen sie abenteuerliche Reisen. Über 25 Jahre hinweg entwickelt sich eine Beziehung, die für Außenstehende nicht zu Greifen ist, und weit über das orangene Leder hinausgeht. Dirk und Holger. Holger und Dirk.

Als Thomas Pletzinger nach dem letzten Spiel in Nowitzkis Karriere am Flughafen in Dallas die vergangenen sieben Jahre Revue passieren lässt, kommt er zu folgendem Schluss: „Dirk Nowitzki ist wie wir. Nur viel, viel besser.“

Thomas Pletzinger: The Great Nowitzki, Kiepenheuer & Witsch.

Zum Artikel

Erstellt:
23. April 2020, 10:25 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 32sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Themen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.