Liebe und Selbsttäuschung

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Autor Wolfram Frietsch philosophische Ansätze und Ideen vor. Dieses Mal geht es um „Die Leiden des jungen Werthers“ und „Dshamilja“.

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Von Wolfram Frietsch

Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki soll gesagt haben, es gebe nur zwei Themen in der Literatur: Liebe und Tod. Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ (1774) vereinigt beides, eine unglückliche Liebe und den daraus resultierenden Freitod.

Werthers Selbstmord ist Endpunkt einer aussichtslosen Liebe oder aber, was ebenso naheliegt, Abschluss einer ästhetischen Irrfahrt. Der Reisende, ohne Verpflichtung und ohne materielle Not, verliebt sich in Charlotte S., genannt Lotte. Sie ist aber dem Amtmann Albert versprochen, den sie auch heiratet. Werther schreibt zahlreiche Briefe, die seine Befindlichkeit nach dem „ächten“ Leben offenlegen. Er begehrt Lotte nicht einfach, er ästhetisiert sie, überhöht sie, macht sie zum Symbol seiner Sehnsucht, die, falls sie jemals erhört würde, in sich zusammenfallen müsste. Werther lebt von seiner Einbildungskraft und Selbsttäuschung: „Ich weiß nicht, ob täuschende Geister um diese Gegend schweben, oder ob die warme himmlische Phantasie in meinem Herzen ist, die mir alles rings umher so paradiesisch macht.“ Es ist das Paradies des Empfindsamen, der ein Objekt seiner Sehnsucht braucht und es in Lotte findet.

In einer berühmten Szene des Romans sieht Werther Lotte dastehen, umringt von ihren jüngeren Geschwistern, während sie Brot von einem Laib abschneidet. Dieses Bild von Lotte berührt Werther tief, und es ist gerade diese „Ein“-Bildung, die am Anfang einer unglücklichen Liaison steht. Er verliebt sich nicht in eine reale Person, sondern in eine Ästhetik des Blickes. Er verbringt Zeit mit ihr in der Hoffnung, dass sie ihn ebenfalls liebt.

Unsterblich in Ästhetik des Unerfüllten

Doch Lotte entscheidet sich gegen Werther und dieser wird sich für sie, die dies sicher nie verlangt hätte, in einem beinahe selbstgefälligen Heldenpathos hingeben: „Daß ich des Glückes hätte teilhaftig werden können, für dich zu sterben!“ – Lotte wird wenig davon gehabt haben, zumal die Pistole, mit der sich Werther erschießt, von ihrem Mann stammt. Doch die zahlreichen Leser sehen in diesem Tod ein Zugeständnis an die eigenen Gefühle, die in Entdeckerlaune die neu entdeckte Natur in das Leben transkribieren, wodurch Werthers Freitod einen übergeordneten Sinn erhält. Löste er für viele die Fesseln, die das Leben bisher bannten, und machte „Werther“ in seiner Ästhetik des Unerfüllten unsterblich.

Sich von Fesseln zu befreien, ist auch ein Thema von Tschingis Aitmatow (1928-2008) aus Kirgistan. In „Dshamilja“ (1958) erzählt er die Liebesgeschichte von Dshamilja und Danijar. Dshamilja ist zwar unnahbar, ihr Mann Sadyk kämpft als Soldat an der Front, steht aber im Mittelpunkt des Interesses. Danijar, ein Frontrückkehrer, ist ein Außenseiter, der zudem ein Bein nachzieht. Täglich fahren sie mit anderen Getreide an den Bahnhof. Mit seiner zurückhaltenden, verschlossenen Art gelingt es Danijar, die Aufmerksamkeit von Dshamilja zu gewinnen, zumal er auch noch singen kann, Lieder der Sehnsucht nach Leben, Weite und Freiheit.

Doch das ist es nicht alleine, was Dshamiljas Aufmerksamkeit erregt. Danijar trägt einen für ihn zu schweren Sack Getreide die Treppen hoch in den Speicher. Er strauchelt mehrmals, doch er will nicht aufgeben und schafft es schließlich. „Als er schließlich schwer atmend und hinkend die Treppe herunterkam, hingen seine Arme schlaff wie Peitschenhiebe herab. Alle machten ihm schweigend Platz.“

Lange Zeit ist unklar, was dies in Dshamilja auslöste. Doch dies leitet den Wendepunkt ein, und die Hauptcharaktere verlieben sich, von den anderen unbemerkt, ineinander. Als Dshamiljas Mann von der Front zurückkommt, fliehen beide in ein gemeinsames Leben, folgen zusammen einer unbestimmten Sehnsucht: „Wo mögt ihr jetzt sein“ (...), welche Straße wandert ihr entlang? Bei uns gibt es viele neue Straßen in der Steppe (...)“ Ihr Aufbruch ist mehr als ein Weggang. Was Werther und Lotte abgeht, Dshamilja und Danijar verkörpern es, wenn auch unbestimmt als Hoffnung, dass es immer ein Leben geben wird, ein Leben, das getragen werden kann von einer gefundenen Liebe der entdeckten Gemeinsamkeit.

Literaturempfehlung: Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werthers, Stuttgart 1999.

Tschingis Aitmatow: Dshamilja, Frankfurt 1988.

Vor zwei Wochen schrieb Wolfram Frietsch über ungeschriebene Regeln.


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