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Luzider Blick auf Machtstrukturen

Baden-Baden (sr) – „Der Rest ist Schweigen“: Viele Zitate stammen aus Shakespeares Hamlet und man weiß es oft gar nicht. Jetzt gibt es Gelegenheit, das Stück am Theater Baden-Baden zu erleben, in einer zwar langen, aber stimmigen Inszenierung von Harald Fuhrmann (Foto: Klenk).

Das klassische „Hamlet“-Bild: Friedhofsszene mit Simon Mazouri in der Titelrolle, Patrick Schadenberg, Michael Schmitter und Holger Stolz (von rechts) im Theater Baden-Baden. Klenk/Theater

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Das klassische „Hamlet“-Bild: Friedhofsszene mit Simon Mazouri in der Titelrolle, Patrick Schadenberg, Michael Schmitter und Holger Stolz (von rechts) im Theater Baden-Baden. Klenk/Theater

Von Sabine Rahner

Acht exzellente Schauspieler, dazu eine ausgetüftelte Bühnentechnik und herausfordernd lange drei Stunden und 25 Minuten braucht Regisseur Harald Fuhrmann, um Shakespeares „Hamlet“ am Theater Baden-Baden neu zu erzählen. Die Geschichte ist grausam – und sehr erhellend. Immer wieder frappiert darin Shakespeares Modernität, seine Menschenkenntnis, sein luzider Blick auf Machtstrukturen und Abhängigkeiten. Daran scheint sich seit 1604 nichts geändert zu haben.

Das auf eine gläserne Multifunktionswand reduzierte Bühnenbild und die sinnfälligen Kostüme (beides von Timo Dentler und Okarina Peter) tragen wesentlich zum geschlossenen Charakter dieser eindrucksvollen, zeitgemäßen Aufführung bei. Fuhrmann entwickelt die Geschichte um den jungen Dänenprinzen Hamlet zeit- und raumlos auf verbrannter Erde, jede einzelne Szene ist intensiv, der finale Fechtkampf effektvoll. Er betont die dramatischen Wendepunkte genauso wie die witzigen und derben Details Shakespeares, aber nie bloß um eines Gags willen, sondern immer wohlbegründet.

Es sind die Menschen, die für die Katastrophe in Helsingör verantwortlich sind – kein Naturereignis hat hier gewütet, sondern Machtgier, Ruhmsucht und Neid haben sich ausgebreitet, begünstigt durch willfährige Untergebene, die der Tyrannei aus eigenem Kalkül dienen. Mit wurmartiger Geschmeidigkeit scharwenzeln diese Figuren um den neuen König herum.

Ophelia als


starke Frau

Die Baden-Badener Aufführung nimmt eine aktuelle Übersetzung zur Grundlage, bei der Marius von Mayenburg Shakespeares Text ohne Versmaß in heutige Alltagssprache übertragen hat. Damit gehen zwar einige der bekanntesten Zitate flöten, die neue Sprache macht die Geschichte aber auch auf neue Art interessant. Ophelia ist hier weit entfernt von dem zarten Opfer, das an Hamlets Veränderung still zugrunde geht, sie ist eine starke junge Frau, die die gesellschaftlichen Fesseln hinterfragt und zur E-Gitarren-Begleitung ihren Frust hinausschreit. Die Bühnenmusik von Christian Kuzio unterstreicht mit unheilvollen Beats das Geschehen, in den dunkelsten Szenen verstummt auch sie.

Shakespeares Tragödie ist so kunstvoll konstruiert, dass man nie den Faden verlieren darf, sonst geht man in den vielen Hofintrigen unter. Die Kostüme helfen, das Personal zu unterscheiden: In Schwarz gekleidet Hamlet und Ophelia, die wirklich um den alten König trauern. Polonius, einer der wichtigsten Gefolgsleute des neuen Machthabers, kombiniert in seinem raffinierten Anzug Schwarz und Hellgrau und passt so in beide Lager. Der neue König Claudius und die von ihm stolz übernommene bisherige Königin kleiden sich in Rot, aber man sieht noch schwarze Farbverläufe, die sie nicht ganz ablegen können. Es herrscht ein rüder Ton, selbst der Geist von Hamlets gütigem Vater kann nur noch mit enthemmtem Geschrei zur Rache aufrufen. Alles läuft auf die Katastrophe zu, bei der Schuldige und Unschuldige gleichermaßen den Tod finden.

Simon Mazouri zeichnet die Titelfigur brillant als einen offenen, ehrlichen, sensiblen jungen Mann, der an den veränderten Verhältnissen und an der Sinnlosigkeit seines Racheauftrags verzweifeln muss. Den kalkulierten Wahnsinn täuscht er sprachlich und gestisch vor – eindrücklich, aber nie zuviel.

Sebastian Mirow macht die Kälte und die Besessenheit des neuen Königs deutlich, und die Panik, die ihn zunehmend beherrscht. Er gibt auch dem Geist des ermordeten Königs und Bruders seine Stimme, ein wütender Ruheloser, der nach Vergeltung giert.

Stephanie Brehme zeigt die zwischen allen Stühlen sitzende Königin als würdevolle Frau und lässt ihr das Geheimnis, ob sie von der Ermordung des ersten Mannes wusste oder nicht. Mayla Häuser imponiert als aufbegehrende Ophelia, die das männliche Machtsystem durchschaut, ohne dagegen anzukommen.

Michael Schmitter liefert als Höfling Polonius eine besonders zugespitzte Charakterisierung einer subalternen Persönlichkeit, die sich bis zur Selbstaufgabe verbiegt. Als Totengräber kann er in der Schlussszene noch eine veritable kleine Valentiniade beisteuern. In weiteren Rollen überzeugen mit individuellen Pointierungen Cyril Hilfiker (Laertes), Patrick Schadenberg (Horatio) und Holger Stolz (Rosenkranz).

Luzider Blick auf Machtstrukturen

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Erstellt:
20. Januar 2020, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 53sec

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