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Mit starken Kontrasten und tiefer Emotionalität

Baden-BadenTheatralische Wucht am Klavier (rud) – Dirigent Jakub Hrusa lässt mit den Bamberger Symphonikern im Festspielhaus echte Bekenntnismusik hören: mit starken Kontrasten und tiefen Emotionen. Auch Solistin Hélène Grimaud am Klavier entfaltet eine fast theatralische Wucht (Foto: Manolo Press/Michael Bode).

Die Bamberger Symphoniker befeuern im Festspielhaus die Emotionalität von Solistin Hélène Grimaud am Klavier. Manolo Press/Michael Bode

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Die Bamberger Symphoniker befeuern im Festspielhaus die Emotionalität von Solistin Hélène Grimaud am Klavier. Manolo Press/Michael Bode

Von Georg Rudiger

Die atemlosen Synkopen der hohen Streicher verbreiten Unruhe und ziehen dem Hörer den Boden unter den Füßen weg. Die Schleiffiguren in den Bässen klingen bedrohlich, auch als sie am Samstagabend von den Bambergern Symphonikern im Festspielhaus Baden-Baden ganz leise gespielt werden.

Mozarts Klavierkonzert in d-Moll KV 466 beginnt in einer sehr angespannten, hochemotionalen Atmosphäre, die beim vollen Bläsereinsatz im Forte eskaliert. Die schmetternden Naturtrompeten des Orchesters sorgen für zusätzlichen Thrill. Dirigent Jakub Hrusa interpretiert das bekannte Konzert als echte Bekenntnismusik: mit starken Kontrasten und tiefer Emotionalität.

Hélène Grimaud
trägt Zuspitzung mit

Dieser Mozart könnte Beethoven sein, zumal auch die Solistin Hélène Grimaud am Klavier diese Zuspitzung mitträgt. Ihre linke Hand betont den Basslauf. Die schnellen Läufe werden von der Französin in die Klaviatur gemeißelt. Besonders eindrucksvoll in der Solokadenz, wenn sie parallel in Oktaven geführt sind. Das entfaltet eine ungeheure, fast theatralische Wucht. Grimaud artikuliert aber auch die lyrischen Passagen deutlich. Ihrem Ton fehlt es durch den eher harten Anschlag hier an Wärme. Gerade der zweite Satz, die schlichte, verhaltene Romanze leidet unter dieser Überdeutlichkeit. Hier wäre mehr Kantabilität gefragt, um auch gerade den Kontrast zum hochdramatischen Mittelteil herauszuarbeiten, der von Grimaud als einziger Rausch musiziert wird.

Die Bamberger Symphoniker befeuern diese Emotionalität, auch wenn die Tuttieinsätze nicht immer genau mit den dahinrasenden Sechzehnteln des Klaviers übereinstimmen.

Die Repetitionen der Streicher sind Nadelstiche. Der Pauker greift zu Holzschlägeln, um die rhythmischen Impulse noch deutlicher zu markieren. Den überfallartigen Beginn des Finales musiziert Hélène Grimaud mit Verve. Ihr Mozart verharrt nie auf der Stelle, sondern drängt immer nach vorne, ehe nach der fulminanten Solokadenz die Bamberger Symphoniker den Satz in den abschließenden Akkordschlägen mit zwei Ausrufezeichen versehen.

Eine große Nähe zu Beethoven ist auch in der Sinfonie in D-Dur des tschechischen Komponisten Jan Václav Vorisek zu spüren, die sein Landsmann Jakob Hrusa ausgegraben hat. Auch hier prallen ganz unvermittelt Kontraste aufeinander wie im eröffnenden Allegro con brio, auch hier werden Motive abgespalten und auf engstem Raum miteinander kombiniert wie im Scherzo. Aber so radikal wie sein großes Vorbild ist Vorisek dann doch nicht. Das Kehrausfinale erinnert eher an Haydn und bleibt verspielt. Auch eine böhmisch-folkloristische Note ist in den Bläsern herauszuhören.

Nach der Pause geht es dann wirklich um den Jubilar, dessen 250. Geburtstag die Musikwelt in diesem Jahr feiert. Die zweite Symphonie von Ludwig van Beethoven ist nicht so häufig im Konzert zu hören. Sie steht zwischen der geistreichen, brillanten 1. Symphonie und der mächtigen, Grenzen sprengenden Eroica, mit der Beethoven die Orchestermusik revolutionierte. Chefdirigent Hrusa bürstet zwar nichts gegen den Strich, aber zeigt schon mit aufgerautem Streicherton, starken Akzenten und einem federnden, immer transparenten Klangbild, dass er das Unkonventionelle, Aufrührerische, Dramatische dieser Musik in den Vordergrund stellt. Da gehen auch manches Mal die Zwischentöne verloren. Das Trio des Scherzos wirkt etwas gehetzt. Das behutsame, mit reizvollen Farbwechseln musizierte Larghetto könnte man sich noch gesanglicher vorstellen. Aber die Symphonie gewinnt durch die Zuspitzung auch an Profil. Und wie die Bamberger Symphoniker in einem Höllentempo mit großen dynamischen Kontrasten das Finale zu Ende jagen, das hat internationale Klasse!

Großer Jubel im Festspielhaus, für den sich Jakob Hrusa und sein Orchester mit einer vibrierenden Version der Ouvertüre zu Mozarts Oper „Le Nozze di Figaro“ bedanken.

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Erstellt:
13. Januar 2020, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 45sec

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