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Motor für eine bessere Zukunft

Baden-Baden (red) – Wenn ab 14. Januar dreimal die Tanzshow „Ballet Revolucion“ im Festspielhaus gezeigt wird, dann geht es auf der Bühne nicht nur um Lebensfreude pur, sondern auch um ein staatliches Tanzprojekt, das eiserne Disziplin erfordert (Foto: Mertens).

Sechs Stunden Training jeden Tag legen die Basis für die weltweiten Gastspiele der temperamentvollen Show. Mertens

© mame

Sechs Stunden Training jeden Tag legen die Basis für die weltweiten Gastspiele der temperamentvollen Show. Mertens

Von Markus Mertens

Im ersten Atemzug kubanischer Abendluft vermischen sich Diesel, Tabak und Schweiß zu einem Treibstoff der Geschichte. Denn während perfekt restaurierte Oldtimer von Cadillac bis Buick um die Wette strahlen, zeichnen sich tiefe Ringe um die Augen all jener, die an ihren Steuern sitzen – rastlos darauf wartend, immer neue Menschen in die Magie ihrer Nation eintauchen zu lassen. Schon hier, am Flughafen von Havanna, zeigt sich, dass Kuba kein gewöhnlicher Staat ist, sondern zu einem Inselreich heranwuchs, in dem sich Stolz, Aufbruch und Revolution ganz organisch überkreuzen.

Das hat historische Gründe, die zwischen dem sozialistischen Sieg Ende der 50er und internationalen Embargos in Richtung Mangelwirtschaft weisen, aber auch Geschichten von Geisteskräften erzählen, wie sie nur auf der Insel so zu spüren sind. Denn selbst – oder vielleicht gerade – in der größten Not entzünden sich im karibischen Paradies ungeahnte Kräfte, die aus dem patriotischen Stolz der eigenen Souveränität, aber auch von der ländlichen Idylle rühren.

Wer in Havanna durch die Vororte der großen Städte schlendert, entdeckt grelle Graffitis auf grauen Betonwänden, in Cafés ergeben sich aus kurzen Instrumentalsessions spontane Konzerte. Der Tanz scheint da nur eine logische Konsequenz. Nicht zuletzt, weil hier demjenigen eine große Zukunft bevorsteht, der sein Leben den kreativen Künsten widmet. Es sind diese beiden Phänomene, Kunst und Sport, mit denen sich das Individuum von der Masse abzuheben vermag. Im Tanz begegnen sich beide in inniger Umarmung.

Vielleicht erwählten sich Produzent Jonathan Lee und Choreograf Roclan Gonzalez Chavez gerade deshalb Havanna, um Kult und Kultur eines kreativen Zentrums tänzerisch aufzubereiten, von dem die Welt gehört haben musste. Was als „Ballet Revolucion“ seit 2011 durch die Kontinente zieht, verdient seinen Namen dabei mit jedem Schritt. Denn wo sich das Feuer von Salsa, Rumba und Mambo in einer Sekunde brennend entlädt, warten im nächsten Augenblick schon Breakdance, Walzer und klassisches Ballett, um in ihrer westlichen Verve zu überzeugen.

Dass Grenzen bewusst zerfließen, zeigt den Willen eines Kollektivs, das stolz auf die karibischen Wurzeln bleibt, aber auch frohen Mutes zu neuen Gefilden aufbricht. Choreograf Chavez nennt das im Gespräch den „Moment organischer Verschmelzung“ – doch die Wahrheit geht noch weiter. Wer dem 14-köpfigen Ensemble beim täglichen, sechsstündigen Training über die Schulter blickt, bezeugt einerseits einen Drill, der an sowjetische Vergangenheit denken lässt, gleichzeitig aber auch längst zu einer eigenen Formsprache gefunden hat.

Vorausgedacht wird diese Philosophie an Orten wie der Escuela Nacional de Ballet Fernando Alonso in Havanna. Wer es – wie die heute 30-jährige Mariem Valdes Martinez – schafft, einen von aktuell 465 heiß begehrten Plätzen zu erhaschen, darf nach der großen Karriere greifen. Denn obgleich sich jedes Jahr tausende Kinder und Jugendliche bewerben: Eingang finden nur die Besten in das vom Staat komplett geförderte Internats-System aus Bildung und Unterricht, erlerntem Handwerk und kreativer Vervollkommnung. Mariem bezeichnet diesen Prozess nicht von ungefähr als „Sieg über die dunklen Kapitel der Vergangenheit.“ Ein Satz mit Wirkungscharakter.

Zum einen, weil Tänzerin Jennifer Tejeda Meneses im Gespräch eindrucksvoll klarstellt, dass allein „der Weg zur Freiheit“ die Höchstleistungen erträglich mache, mit denen man den eigenen Körper im Ballett täglich schinden müsse. Zum anderen ist es oft auch die Distanz zum eigenen Glück, die progressiv überwunden werden muss. Wer wie Yordi Perez Cardoso aus einer der Provinzen stammt, muss für den Weg vom Geisterdorf bis auf die große Bühne oft alles geben.

Dass Yordi den Sprung aus dem Niemandsland an die Escuela de Arte Benny More nach Cienfuegos schaffte, war demnach nicht nur ein Wink des Schicksals, sondern das Resultat von Wille, Disziplin und Überzeugung gleichermaßen. Wer bereit ist, sich für ein gutes Leben bedingungslos einzubringen, kann es weit bringen. Yordis erste Sportlehrerin, Dagmara Alvarez Rodriguez, erinnert sich noch heute an einen zierlichen Kerl, der sich mit Fleiß und Disziplin zu einem muskulösen Mann entwickelte.

Am Ende ist „Ballet Revolucion“ nicht weniger als ein Motor, der ein neues Kuba von innen und außen anstößt. Die Tänzerin Alayn Garcia Mendez sagt dazu im Gespräch: „Wir sind nur ein winzig kleines Sandkorn einer riesig großen Pyramide.“ Doch wenn Korn für Korn an die richtige Stelle fällt, könnte ein gesundes, lebensfrohes Kuba am Ende auch auf der Insel für jene funkensprühende Lebenslust stehen, die das „Ballet Revolucion“-Ensemble Abend für Abend fühlbar werden lässt.

„Ballet Revolucion“ gastiert am 14., 15. und 16. Januar im Festspielhaus Baden-Baden.

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Erstellt:
11. Januar 2020, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 20sec

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