Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Nicht nur Wörterclown und Lachpoet

Ettlingen (red) – Dass Badisch eigentlich immer den treffsichersten Ausdruck liefert – das ist für den Mundartdichter Harald Hurst nichts Neues. Er sieht sich selbst als Wörterclown, doch seine Texte sind mehr als nur einfach heiter, sie geben den Badenern erst ihr Selbstbewusstsein (Foto: pr).

Nicht nur Wörterclown und Lachpoet

© pr

Von Matthias Kehle

Es war in den 1980er-Jahren: Frankophile Deutschlehrer mit Baskenkappe versuchten, den Gymnasiasten in Baden ihren Dialekt auszutreiben. Gleichzeitig begann ein junger Referendar namens Harald Hurst nach seinem Studium der Anglistik und Romanistik Gedichte und Prosatexte zu schreiben. In badischer Mundart. Und diese hatten es in sich.

Er schrieb über seine Erfahrungen in einer Wohngemeinschaft, über die Menschen auf der Straße oder am Fließband („ach meine blumenärschige/ am gurkendosenband) und war friedensbewegt: „d’Militärzeit/ hat noch kai’m g’schad‘/ sagt mein Holzfußonkel“. „Lottokönig Paul“ hieß das erste Buch von Harald Hurst, und so skeptisch der junge bärtige Mann auf dem Cover schaut, hat er wohl nicht geahnt, dass er einmal weit mehr als 100 000 Bücher in badischer Mundart verkaufen würde, dass er der wohl populärste Badener überhaupt, ja sogar „Badener des Jahres“ und Träger des Thaddäus-Troll-Preises werden würde. Heute wird der in Buchen im Odenwald geborene Autor 75 Jahre alt. Wer den Rotwein liebenden Bonvivant über Jahrzehnte begleitet hat, weiß, dass er viele Höhen und Tiefen durchschritten hat: Nun ist er ein gelassener, lebenskluger Senior.

In den vergangenen 40 Jahren sind etwa 20 Bücher und CDs erschienen, zuletzt 2017 „So isch’s wore“. Fast jeden noch so großen Saal in Baden-Württemberg hat er mit Publikum gefüllt und bestens unterhalten. Anfangs zusammen mit seinem früh verstorbenen Kollegen Kuno Bärenbold, heute meist mit dem Kabarettisten und Musiker Gunzi Heil. Wir Badener haben Harald Hurst unser Selbstbewusstsein zu verdanken. Wie oft hat er sich in seinen Texten liebevoll über die Schwaben amüsiert, die wenig mit der entspannten badischen Lebensweise gemein haben.

Nach und nach haben sich in den Sprachgebrauch so manchen Badeners Hurst-Zitate eingeschlichen, einige sind stehende Redewendungen geworden. Wenn der Badener gedenkt „g’mütlich zu sitze“, dann tut er dies in bestimmten Kneipen in Fachwerkhäusern mit Butzenscheiben, die es nur hier gibt. Wenn im südlichen Ausland ein Bierglas umfällt, ruft er mit Harald Hursts Figur „En Lappe prego!“

Dabei darf nicht vergessen werden, dass einige Gedichte wie „Salut Schtroßburg“ große Poesie sind – Hurst ist nicht nur „Wörterclown und Lachpoet“, wie er sich selbst einmal nannte. Wie ihr Autor haben die Figuren die Höhen und Tiefen des Daseins, der Liebe und des Altwerdens erlebt. Sie sind mit ihm und seinen Fans gereift und im besten Falle ein wenig weise geworden.

Inzwischen veranstaltet der baden-württembergische Ministerpräsident Mundartkongresse und frankophile Deutschlehrer lesen ihren Schülern aus Hursts Büchern vor. Der Jubilar genießt heute vermutlich einen guten Primitivo oder Syrah, wohl nicht zu Hause in seiner Wahlheimat Ettlingen, wo er aus seiner Wohnung direkt aufs Treiben des Marktplatzes blickt. In seiner alten elektrischen Schreibmaschine wird ein Blatt stecken, auf dem ein wunderbarer Entwurf steht, wie jener Klassiker, der in unzähligen Anthologien und Lesebüchern steht:

„Flirt// sie guckt/ ob i guck/ aber i guck net// i guck/ ob sie guckt/ aber sie guckt net// aber irgendwie/ habe mer/ uns gucke g’seh.“

Zum Artikel

Erstellt:
29. Januar 2020, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 33sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.