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Pflegeeltern schenken Kindern familiären Lebensort

Dillenburg (dpa) – Pflegeeltern schaffen Stabilität für Kinder, die nicht bei ihren Eltern aufwachsen können. Doch was passiert zwischen der ersten Idee, ein Kind aufzunehmen und dem Einzug?

Die Lebensform spielt keine Rolle. Aber Pflegeeltern, die einen Säugling oder ein Kleinkind aufnehmen, sollten nicht älter als 45 bis 50 Jahre sein. Foto: Warnecke/dpa

© dpa-mag

Die Lebensform spielt keine Rolle. Aber Pflegeeltern, die einen Säugling oder ein Kleinkind aufnehmen, sollten nicht älter als 45 bis 50 Jahre sein. Foto: Warnecke/dpa

Können Sie das Kind noch heute aufnehmen?“ Julia Seibert und ihr Mann sitzen am Frühstückstisch, als ein Mitarbeiter des Jugendamtes anruft. Es gebe da ein potenzielles Pflegekind, ein Mädchen, 13 Monate alt. Noch sei es im Krankenhaus, aber gegen 15 Uhr werde es entlassen.

„Es ging alles ganz schnell“, erinnert sich Julia Seibert, die in Dillenburg in Hessen lebt. „Wir hatten nur fünf Minuten Bedenkzeit.“ Fünf Minuten, in denen die Seiberts eine Entscheidung trafen, die sich für sie auch sieben Jahre später richtig anfühlt. In der Zwischenzeit sind zwei weitere Pflegetöchter, heute acht und vier Jahre alt, dazugekommen. „Es ist einfach schön, eine Familie zu sein“, sagt die 36-Jährige.

Pflegefamilien kommen dann ins Spiel, wenn Kinder nicht bei ihrer leiblichen Familie aufwachsen können. „Ihre Aufgabe ist es, einen familiären Lebensort zu schenken. Der ist für die Pflegekinder wertvoll, weil sie dort bekommen, was sie bislang in ihrer Kindheit versäumt haben“, erklärt Bertram Kasper aus Marburg. Der Sozialarbeiter leitet den Geschäftsbereich Erziehungsstellen des St. Elisabeth-Vereins, der Pflegefamilien unterstützt.

Interesse beim Jugendamt bekunden

Die Pflegekinder bringen zum Teil schwere „Rucksäcke“ mit, in denen Verlust, Gewalt oder Vernachlässigung stecken. Und der Bedarf an Pflegefamilien steigt. Kasper schätzt, dass im Jahr 2020 etwa 90000 Kinder in Deutschland in Pflegefamilien leben.

Wer mit dem Gedanken spielt, ein Pflegekind aufzunehmen, meldet sich beim zuständigen Jugendamt. „Dort können potenzielle Pflegeeltern in ersten Gesprächen herausfinden, ob sie die Voraussetzungen erfüllen“, erklärt Annette Frenzke-Kulbach, Leiterin des Jugendamtes der Stadt Dortmund. Dabei gilt: Die Lebensform spielt keine Rolle. „Sowohl Alleinstehende als auch Paare – egal ob hetero- oder homosexuell – können Pflegekinder aufnehmen“, so die Jugendamtsleiterin. Auch beim Alter ist die Spanne groß, wobei Pflegeeltern, die einen Säugling oder ein Kleinkind aufnehmen, nicht älter als 45 bis 50 Jahre sein sollten.

Anders kann es aussehen, wenn unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Pflege genommen werden. „Hier ist eine größere Lebenserfahrung von Vorteil – wobei natürlich immer eine individuelle Prüfung durch das Jugendamt stattfindet“, so Frenzke-Kulbach.

Auch finanzielle Situation wird geprüft

Geprüft wird auch, wie es um die finanzielle Situation der künftigen Pflegeeltern steht. Wer ein Kind in Pflege nimmt, bekommt zwar ein Pflegegeld, das je nach Kommune unterschiedlich hoch ausfällt. Dieses darf aber auf keinen Fall als eine Einnahmequelle dienen, von der die Familie finanziell abhängig ist.

Die Wohnsituation der Interessenten muss ebenfalls passen: Laut Kasper ist es wichtig, dass das Kind – sofern es kein Baby oder Kleinkind mehr ist – ein eigenes Kinderzimmer hat. Wer ein Kind in Pflege nehmen möchte, muss außerdem ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen. Auch ein Gesundheitszeugnis ist notwendig. „Wer schwer krank ist, muss sich schließlich intensiv um sich selbst kümmern – und ist als Pflegemutter oder -vater in dem Moment nicht so gut geeignet“, so Frenzke-Kulbach.

Welche persönlichen Eigenschaften sind wichtig? Wer ein Pflegekind aufnehmen will, sollte bereit sein, regelmäßig das Gespräch zu suchen – mit dem Jugendamt, aber auch mit Therapeuten, der Schule oder den leiblichen Eltern des Kindes. „Mir haben meine Offenheit, meine Empathie und meine innere Stabilität bislang sehr geholfen“, sagt Pflegemutter Julia Seibert. Der Start mit den Kindern war nicht einfach. Denn: Die leiblichen Eltern zogen mehrfach vor Gericht, um ihre Kinder zurückzuholen.

Eine große Aufgabe

Auch damit müssen Pflegeeltern leben: mit dem Gedanken, dass ihre Schützlinge womöglich nicht bis zur Volljährigkeit bei ihnen bleiben. Während bei einer Adoption das Sorgerecht übertragen wird, bleibt dieses bei einer Pflegeelternschaft beim Jugendamt oder bei den leiblichen Eltern. So passiert es, dass einige Pflegekinder zu ihrer leiblichen Familie zurückkehren oder im Jugendalter in Wohngruppen ziehen. Bei solchen Entscheidungen steht stets das Wohl des Kindes im Mittelpunkt.

Pflegemutter oder -vater zu sein, ist eine große Aufgabe. Wer sich beim Jugendamt bewirbt, wird durch Seminare und Beratungen auf den Alltag vorbereitet: In welcher Beziehung stehen wir rechtlich zum Pflegekind? Wie handeln wir, wenn es von Missbrauch berichtet? Es ist wichtig, bereits im Voraus für diese Fragen sensibilisiert zu werden, wie Bertram Kasper betont aus seiner Erfahrung: „Nicht selten haben Bewerber ein unrealistisches Bild von dem, was auf sie zukommt.“

Bis zu einem Jahr Wartezeit

Oft zeigen Kinder erst Auffälligkeiten, wenn sie sich in ihrer neuen Familie sicher fühlen – das kann bei den Pflegeeltern im ersten Moment für Hilflosigkeit sorgen. Was Bewerber ebenfalls unterschätzen: die Zeit. Zwischen dem ersten Termin beim Jugendamt und der Aufnahme eines Kindes dauert es – je nach Jugendamt – zwischen sechs Monaten und einem Jahr. Bei Julia Seibert waren neun Monate vergangen, bis am Frühstückstisch das Telefon klingelte. „Genau wie eine Schwangerschaft – eine schöne Symbolik“, findet sie.

Dass der Nachwuchs innerhalb weniger Stunden einzieht, ist allerdings nicht die Regel. „Normalerweise gibt es mehrere Kennenlern-Treffen zwischen Pflegeeltern und Kind. So kann man in Ruhe rausfinden, ob die Chemie stimmt“, erklärt Kasper.

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Erstellt:
4. Februar 2020, 17:25 Uhr
Lesedauer:
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