Post aus Baden an den neuen Bundeskanzler

Baden-Baden (BNN/BT) – Wir haben sieben Menschen aus der Region gefragt, was sie sich vom neuen Kanzler Olaf Scholz wünschen. Was steht auf ihrem Wunschzettel?

Olaf Scholz ist Bundeskanzler. Was wünschen sich etwa der KSC-Präsident oder der Festspielhaus-Intendant von ihm? Foto: Michael Kappeler/dpa

© dpa

Olaf Scholz ist Bundeskanzler. Was wünschen sich etwa der KSC-Präsident oder der Festspielhaus-Intendant von ihm? Foto: Michael Kappeler/dpa

Es ist eine neue Ära in der Bundespolitik: Zum vierten Mal stellt die SPD den Bundeskanzler. Am Mittwoch wurde Olaf Scholz zum neunten Kanzler der Republik gewählt – sein Vater hat verraten, dass Scholz dieses Ziel schon als Teenager vor Augen hatte. „Er hat sich dieses Ziel sehr früh gesetzt, da war er noch Schüler“, erzählte der 86-jährige Gerhard Scholz. Was Olaf Scholz als neuer starker Mann der Republik nun anpacken sollte, das haben uns sieben Menschen aufgeschrieben.

„Einen Kanzler mit Mut zu klarer Haltung haben“

„Ich wünsche mir von Olaf Scholz, dass er den Mut zu unpopulären Entscheidungen hat! In erster Linie in Bezug auf die Bewältigung dieser Pandemie – denn wenn wir die Pandemie überstehen, ist das die Basis für gutes Regieren! Die Bewältigung dieser Krise ist die Basis für all das, was im Koalitionsvertrag der Ampelkoalition steht: wie beispielsweise Nachhaltigkeit, eine starke Wirtschaft, soziale Gerechtigkeit, Diversität und die Stärkung der Start-up-Kultur in Deutschland. Die Pandemie hat unser Leben fest im Griff und sie geht in alle Lebensbereiche, umso wichtiger ist es, dass wir jetzt einen Kanzler haben, der Mut zu klarer Haltung hat. Mit der Besetzung von Karl Lauterbach als Gesundheitsminister und dem fast paritätisch besetzten Kabinett hat Olaf Scholz bereits Haltung gezeigt. Ich hoffe, dass sich diese Haltung in Bezug auf das weitere Regierungshandeln niederschlägt. Wenn er es schafft, Menschen wieder Mut zu machen, wird er es schaffen, dass Menschen wieder an Politik glauben! Als Unternehmerin wünsche ich mir zu guter Letzt von Olaf Scholz, dass er eine Politik schafft, die das Gründen in unserem Land unbürokratischer und einfacher macht – Menschen sollen ermutigt werden, an ihre Gründungsidee zu glauben und sie zu realisieren! Denn: Mehr Gründerinnen und Gründer braucht das Land!

Tijen Onaran ist Unternehmerin. Foto: Andrea Heinsohn/dpa

© Andrea Heinsohn

Tijen Onaran ist Unternehmerin. Foto: Andrea Heinsohn/dpa

„Der Bund kann mehr tun in der Bildungspolitik“

„Ich wünsche mir von Olaf Scholz, dass er und die Bundesregierung endlich ernsthaft anerkennen, dass Bildung unsere wertvollste Ressource ist. In der Bildungspolitik kommt man natürlich schnell an den Punkt, an dem man sich fragt: Mensch, wofür ist der Kanzler überhaupt zuständig? Doch obwohl wir in den Bundesländern so unterschiedliche Bildungssysteme haben, könnte der Bund einige Grundpfeiler für alle einziehen – indem er Geld dafür bereitstellt. Denkbar wäre zum Beispiel, dass man Rechenzentren und sichere IT-Lösungen für Schulen zentral für ganz Deutschland aufbaut. Ein großer Wunsch von mir wäre es, dass Bildung tatsächlich kostenlos ist. In Baden-Württemberg haben wir zwar Lernmittelfreiheit, allerdings sind die Schülerbeförderung und die Betreuung nicht kostenfrei. Auch Fahrkarten für den Schulbus müssten gratis sein – und außerdem eine hochwertige Kernzeitbetreuung. Denn, viele Schüler bekommen hierzulande Nachhilfe, aber manche Familien können sich das eben nicht leisten. Und noch einen Wunsch hätte ich an Olaf Scholz: In dieser auseinanderdriftenden Gesellschaft sollte der Bund die demokratische Bildung in den Schulen stärken.“

Michael Mittelstaedt ist Vorsitzender des Landeselternbeirats. Foto: Marijan Murat/dpa

© Marijan Murat/dpa

Michael Mittelstaedt ist Vorsitzender des Landeselternbeirats. Foto: Marijan Murat/dpa

„Politik sollte die Kirchen mit ins Boot holen“

„Meine Wünsche an die neue Bundesregierung? Von ,Wünschen‘ zu sprechen, ist mir zu wenig. Es geht um Erwartungen, um wichtige Themen, die auf ihre Umsetzung warten. Zuallererst wird es weiter um die Bekämpfung der Corona-Pandemie gehen. Der neuen Bundesregierung muss es gelingen, ihre Entscheidungen dabei transparent und verständlich zu kommunizieren. Zu beobachten ist, dass die Gesellschaft sich in dieser Zeit der Pandemie zunehmend spaltet. Trotz unterschiedlicher Positionen darf aber der Gesprächsfaden nicht abreißen. Ein weiteres großes Thema der neuen Regierung ist der Klimawandel und die Ergreifung von Maßnahmen, um die Erde für nachfolgende Generationen lebenswert zu erhalten, biblisch können wir sagen: Es geht um ,die Bewahrung der Schöpfung‘, ein durchaus christliches Thema! Deshalb haben Kirchen inzwischen auch Klimaschutzkonzepte für sich entwickelt, um mit ihrer Verantwortung für die Schöpfung ernst zu machen. Kirchen können damit ihre Expertise und ihr Know-how in diese gesellschaftspolitische Aufgabe einbringen. Gut wäre, wenn die Politik die Kirchen mit ,ins Boot‘ nimmt, um gemeinsam nach Wegen aus dieser Krise zu suchen.“

Martina Kastner ist Vorsitzende des Diözesanrats. Foto: Uli Deck/artis

© ARTIS - Uli Deck

Martina Kastner ist Vorsitzende des Diözesanrats. Foto: Uli Deck/artis

„Amateursport und Ehrenamt fördern“

„Der Profifußball repräsentiert in Deutschland die mit Abstand populärste Breitensportart und stellt somit für einen großen Teil der Gesellschaft das Gefühl von Gemeinschaft und Zugehörigkeit dar. Damit können wichtige Werte wie Solidarität und Kooperation erlebbar gemacht werden. Voraussetzung für die Bereitschaft, diese Werte zu leben, sind gleiche Regeln. Insofern wünsche ich mir für den Profifußball, dass die Bundesregierung in der Corona-Pandemie länderübergreifend gleiche Rahmenbedingungen zur Durchführung der Spieltage schafft. Gleichzeitig haben wir in den vergangenen zwei Jahren gesehen, wie wichtig der Amateursport als Bindeglied in unserer Gesellschaft ist. Beim Sport im Verein begegnen sich die Menschen, und gerade für Jugendliche spielt der Sport eine große Rolle für die Entwicklung der Persönlichkeit. Insbesondere beim Fußball als Mannschaftssport erkennt man, wie wichtig die Begriffe Fairness und Integrität sind. Mein Wunsch an die neue Ampel-Regierung in diesem Zusammenhang ist es, den Amateursport und das damit verbundenen Engagement im Ehrenamt zu fördern.“

Holger Siegmund-Schultze ist Präsident des Karlsruher SC. Foto: Markus Gilliar/GES

© GES/Markus Gilliar

Holger Siegmund-Schultze ist Präsident des Karlsruher SC. Foto: Markus Gilliar/GES

„Wir brauchen ein gedeihliches Nebeneinander“

„Ich wünsche mir, dass Olaf Scholz einen Stimmungswandel in der Gesellschaft hin zu einem Bekenntnis zur Landwirtschaft einleitet. Unsere tägliche Arbeit, die die Lebensmittelversorgung in unserem Land sichert, muss wieder mehr wertgeschätzt werden. Bei überbordender Bürokratie und nicht mehr erfüllbaren Umweltauflagen verlieren die Jungen die Lust und sehen in der Landwirtschaft keine Zukunft mehr. Wir brauchen ein gedeihliches Nebeneinander von konventioneller und biologischer Landwirtschaft. Die aktuell knappen Getreidevorräte auf der Welt zeigen, dass nur mit einer nachhaltigen konventionellen Produktion die Ernährung sichergestellt werden kann. Mit dem halben Ertrag bei biologischer Landwirtschaft wäre dies nicht zu schaffen. Gleichwohl sollen die Käufer von Bioprodukten ein umfangreiches Sortiment vorfinden. Mit dem Biodiversitätsstärkungsgesetz sind wir Landwirte in Baden-Württemberg einen Weg mitgegangen, der die Landwirtschaft insgesamt ökologischer macht und gleichzeitig Naturschutzbelange unterstützt. Diese gelebte Biodiversität darf die Regierung nicht wieder durch unausgegorene Bundesgesetze aushebeln. Der Mindestlohn von zwölf Euro gefährdet die regionale Produktion von Gemüse, Obst und Wein. Viele Betriebe müssten bei einer schnellen Umsetzung aufgeben. Die Tierhalter sind bereit, für mehr Tierwohl die Ställe umzubauen. Aktuell müssen die Corona-Hilfen für die Schweinehalter, die am stärksten in ihrer Existenz bedroht sind, fortgeführt werden.“

Werner Kunz ist Vorsitzender des Kreisbauernverbands Karlsruhe. Foto: Kunz/pr

Werner Kunz ist Vorsitzender des Kreisbauernverbands Karlsruhe. Foto: Kunz/pr

„Bewohnbaren Planeten hinterlassen“

„Meine Erwartungen orientieren sich an den Forderungen der Wissenschaft, am beim Pariser Klimagipfel 2015 festgelegten Ziel, die Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad zu begrenzen, und am Wunsch, unseren Nachgeborenen einen bewohnbaren Planeten zu hinterlassen. Wenn die Parteien in der Ampel diese Chance verspielen und sich lieber mit Blick auf die nächsten Wahlen durch Blockaden profilieren wollen, passiert am Ende gar nichts. Ein Tempolimit fehlt ebenso wie eine Absage an den Ausbau von Autobahnen. Das Maß aller Dinge beim Klimaschutz, ein wirksames CO2-Budget, wird nicht genannt. Die Subventionen für klimaschädliche Industrien und Treibstoffe sollen weiter fließen. Ich wünsche mir mehr Mut von Politikerinnen und Politikern, auf Bund und Länderebene die große Transformation anzugehen. Kostenloser Nahverkehr, mehr Platz für Fußgängerinnen und Radfahrer, grüne Städte mit umweltschonender, klimaneutraler Infrastruktur, gesunde Lebensmittel und der Erhalt der Biodiversität – für all diese Themen gibt es Lösungsmöglichkeiten. Das Wissen ist da. Wir müssen es nur umsetzen. Vor allem aber: Handeln Sie schnell, denn uns läuft die Zeit davon. Und es möge nachher, wenn die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten ist, niemand sagen: Er/sie hätte von all dem nichts gewusst.“

Saskia Knispel de Acosta ist Vorsitzende der Klimaliste im Land. Foto: Knispel/pr

Saskia Knispel de Acosta ist Vorsitzende der Klimaliste im Land. Foto: Knispel/pr

„Historisches Versprechen zum Gesetz machen“

„Sie stehen von heute einem Land mit einer einzigartigen und wunderbaren kulturellen Geschichte politisch vor. Deutschland ist eine Kulturnation. Wir alle können stolz sein auf die Vielfalt und Tiefe unserer kulturellen Leistungen. Kultur hilft unserer Demokratie, wach und wehrhaft zu bleiben, die Diskurse offen und respektvoll zu gestalten und im Wissen um unsere Geschichte weitsichtig und humanistisch zu handeln. Daher verdienen Kunst und Kultur höchste politische Aufmerksamkeit. In den vergangenen zwei Corona-Jahren, dem ultimativen Stresstest für unsere Gesellschaft, hat sich das allerdings nicht immer gezeigt. Mit der Kunst und den Künstlern wurde schon arg ruppig umgegangen. Man hatte oft den Eindruck, Künstlerinnen und Künstler, Theater, Opern- und Konzerthäuser und Museen sind eher Teil der Veranstaltungs-und Unterhaltungsindustrie. Und hier setzt mein Wunsch an: Im Koalitionsvertrag ist erstmalig in der Geschichte der Bundesrepublik Kultur als Staatsziel proklamiert. Die FDP hat dieses dankenswerterweise in ihrem Wahlprogramm eingefordert. Es scheint nun also etwas zu werden. Machen sie ernst, lieber Herr Scholz. Setzen sie alles daran, dieses historische Versprechen in Gesetzesform zu gießen und mit Leben zu erfüllen. Mit Claudia Roth haben sie nun eine schillernde, hochemotionale und gleichzeitig bürgernahe Kulturstaatsministerin. Ich weiß noch aus Hamburger Zeiten, dass Sie eher pragmatisch denken. Dabei haben sie als Krisenmanager den Bau der bis dahin skandalumwitterten Elbphilharmonie solide vorangetrieben. Vielleicht nicht aus inhaltlicher Überzeugung, sondern eher aus politischen Erwägungen. Aber immerhin… Ich wünsche mir daher neben ihrem rationalen Erfassen der Gelegenheiten genau dieses Bauchgefühl für die Kultur und Ihre Künstlerinnen und Künstler. Keep swinging.“

Benedikt Stampa ist Intendant des Festspielhauses Baden-Baden. Foto: Grund

Benedikt Stampa ist Intendant des Festspielhauses Baden-Baden. Foto: Grund

Zum Artikel

Erstellt:
9. Dezember 2021, 14:25 Uhr
Lesedauer:
ca. 5min 39sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.