Badener Tagblatt

Mystische, sphärische Klänge

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Mystische, sphärische Klänge

Gesamtkunstwerk: Das Konzert fügt sehr unterschiedliche künstlerische Genres zu einem alle Sinne erfassenden Ganzen zusammen. Foto: Karl-Heinz Fischer

Von Karl-Heinz Fischer

Baden-Baden – Mystische, sphärische Klänge, Gedichte von Trauer und Verlust, Chormusik aus unterschiedlichen Epochen vom Barock bis zur Gegenwart, und das alles verstärkt durch Lichteffekte, die sowohl die Musik als auch die Texte und das Ambiente der vom Jugendstil geprägten Lutherkirche in Lichtental reflektierten. „Unter Sternen. Der schützende Kreis“ hatte das Collegium Musicum mit Bezug auf das sternenübersäte blaue Deckengewölbe der Lutherkirche sein Konzert zur Passionszeit am Samstagabend genannt.

Aber was die Zuhörer da unter der Leitung des Dirigenten Fabian Kühn erlebten, war weit mehr als ein herkömmliches Konzert. Es war ein Gesamtkunstwerk, das sehr unterschiedliche künstlerische Genres zu einem alle Sinne erfassenden homogenen Ganzen zusammenfügte. Auf die Zuhörer wirkte dieses Gesamtkunstwerk rund um den Themenbereich Passion und Trauer umso heftiger, als mit dem Krieg in der Ukraine auch die unvorbereitet über uns hereingebrochene Aktualität des Themas angesprochen wurde.

Dabei folgte der Programmverlauf einer in sich schlüssigen Dramaturgie. Dazu gehörten Choräle aus der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach, Chorsätze anderer bekannter oder weniger bekannter Komponisten, Rezitationen von Gedichten von Else Lasker-Schüler, meist leicht mystisch angehauchte Improvisationen des Ensembles Klytea und eine das akustische Geschehen optisch verstärkende Lichtinstallation von Jens-Peter Kühn.

Der Abend begann düster, optisch wie akustisch. Unter bedrohlich dräuenden Klängen des Improvisations-Ensembles wurde auf das grauenvolle Geschehen in der Ukraine verwiesen, danach erklang in geradezu befreiender Klarheit und Formenstrenge der Choral „Erkenne mich, mein Hüter“ aus der Matthäus-Passion von Bach. Musikalisch liegen Welten zwischen Bach und der Spätromantik.

Gleichwohl fügte sich der 130. Psalm „Aus der Tiefe“ in der Vertonung von Heinrich Kaminski (1886-1946) bruchlos in das Programmkonzept ein. Das trifft nicht minder zu für die beiden Gedichte „Gott hör…“ und „Chaos“ von Else Lasker-Schüler, die Antje Keil nun von der Kanzel herab rezitierte.

Dabei verstärkten der Pianist Max Langer und Fabian Kühn vom Ensemble Klytea die Wirkung des Textes noch mit ihrer von mystischen und sphärischen Klängen durchzogenen Improvisation.

Bachs Choral „Wer hat dich so geschlagen“ aus der Matthäus-Passion ging anschließend fast bruchlos über in ganz anders geartete Musik, in den Chorsatz „Wie liegt die Stadt so wüst“, den Rudolf Mauersberger für den Karfreitagsgottesdienst 1945 im zerstörten Dresden geschrieben hatte. Nicht zuletzt hier zeigte der Chor, wie präzise und fein austariert in der Dynamik er nicht nur mit barocken Werken wie den Chorälen von Bach, sondern auch mit neuerer Musik umgehen kann.

Nach weiteren, ebenfalls von Improvisationen untermalten Gedichten von Lasker-Schüler war der sehr schön vorgetragene Chorsatz „In stiller Nacht“ von Johannes Brahms zu hören, gefolgt von einem weiteren Bach-Choral „Wenn ich einmal soll scheiden“.

Der einzige Chorsatz des Abends mit Klavierbegleitung stammte von Gabriel Fauré. Von ihm war „Cantique de Jean Racine“ zu hören. Nach dem spätromantischen Chorsatz „Bleibe, Abend will es werden“, erklang zum Schluss des Programms noch eine bemerkenswerte Uraufführung aus der Feder des 1990 geborenen Baden-Badener Komponisten Fabian Joosten: Das „Nachtlied“ auf ein Gedicht von Friedrich Hebbel brachte mit seinen durchaus modernen, aber tonalen und keineswegs sperrigen Klängen auch versöhnliche, hoffnungsvolle Aspekte des Themas Passion, Trauer, Nacht und Verzweiflung ins Spiel.

Auf Wunsch des Dirigenten und im Interesse der in sich geschlossenen Gesamtkonzeption des Abends wurden die einzelnen Beiträge des Programms bis hierhin nicht von Applaus unterbrochen. Der schlug sich aber nun umso intensiver Bahn. Der Chor bedankte sich dafür mit der Wiederholung des Chorals „Erkenne mich, mein Hüter“, mit dem das Collegium Musicum auch das Konzert begonnen hatte.

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