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Schule neu erfinden

Baden-Baden(wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Autor Wolfram Frietsch alle zwei Wochen philosophische Ansätze und Ideen vor. Dieses Mal geht es um die ideale Schule.

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Von Wolfram Frietsch

In Neustadt ist die Schule zu klein geworden. Die Schüler finden in der einige Kilometer entfernt liegenden Burg Schreckenstein ein neues Zuhause. Gemeinsam mit Lehrern und Erziehern verbringen sie dort nun ihre Zeit, leben zusammen und lernen von- und miteinander.

Lehrer werden zu Partnern, und Schüler entdecken im Ritterbild ein Ideal, dem sie nacheifern: ehrlich sein, sich ihren Taten stellen und eine Gemeinschaft bilden, in der man sich aufeinander verlassen kann. Das geht soweit, dass Lehrer bei Klassenarbeiten weggehen können, weil sie wissen, dass die Schüler nicht voneinander abschreiben oder unerlaubte Hilfsmittel einsetzen.

Leider lebt eine solche Schule nur in den Jugendbüchern des in Rastatt geborenen Oliver Hassencamp (1921–1988). Allerdings gab es in den 1960er-Jahren im Deutschunterricht den Ansatz, Schüler zu „ritterlichen Menschen“ zu bilden.

Wie können Leistung und Miteinander Hand in Hand gehen?

Bei allen Abstrichen an Zeitgeist und moderne Pädagogik kann eine gewisse Sentimentalität nicht verleugnet werden, die der Sehnsucht Ausdruck verleiht, Schule nicht als Lehr-„Anstalt“, sondern als Ort erleben zu dürfen, an dem Sorglosigkeit, konstruktive Lernerfahrung, Entdecken, Miteinander und Freude dominieren. Wir können uns eine Schule ausdenken, in der Angst, Leistungsdruck, Mobbing und Gewalt keine Chance haben; ein Ort, an dem der Stärkere dem Schwächeren hilft, der Lehrer kein Freund, aber ein respektierter Lern-Partner sein kann, die Stärken betont und die Schwächen ausgeglichen werden, ein Ergebnis nicht nur quantifizierbar sein muss und ein Zehntel nicht über Wohl oder Wehe entscheidet, an dem die kritische Persönlichkeit eine Rolle spielt und nicht der Grad der Anpassung an eine Erwartungshaltung.

Sicherlich gibt es Orte, an denen dies verwirklicht ist oder wird. Und mit Sicherheit gibt es auch berechtigte Einwände, die zeigen, dass die vorgebrachten Gedanken heute so nicht funktionieren können. Die wirtschaftlichen Verbindlichkeiten sind groß, man müsse schon früh lernen, sich zu behaupten. Das Leistungsprinzip, wo kann es besser als in der Schule eingeübt werden? Die Frage lautet: Wie können Leistung und Miteinander Hand in Hand gehen? Wie kann Schule zu einem Ort der Bildungskultur, des Bildungserlebens, der Meisterung des Alltags und der Freiheit im Bewusstsein der Notwendigkeit zu Lernen werden?

Gegenfrage: Warum sollte sie es? Das eigentliche Problem an einer „neuen“ Schule liegt nicht darin, Konzepte zu entwickeln, Vorschläge zu unterbreiten oder neue Lernwege zu beschreiten. Die eigentliche Frage lautet, ob ich eine andere Schule und damit eine andere Gesellschaft möchte oder nicht? Bin ich zufrieden mit meinem Leben und der Welt, in der ich lebe? Wenn ja, warum dies ändern wollen?

Das Entdeckte in die Realität umsetzen

All die Ideen, die zu Bildungsreformen führen, verpuffen, wenn der Antrieb nicht als notwendig erkannt wird. Die Schüler von Burg Schreckenstein mussten ihre Schule verlassen und fanden eine neue Lernumgebung. Wir lernen gerade eine Krisenzeit als Lernumgebung kennen, in der viele Werte, Vorstellungen und Gewohnheiten infrage gestellt sind. Dabei entdecken wir, dass, trotz allem, wir menschlicher miteinander umgehen, freundlicher, wertschätzender, als wir es vermutet hätten. Man nimmt Rücksicht und passt sogar auf, ob es dem Nachbarn, der nicht für sich selber sorgen kann, gut geht.

Es liegt an uns, ob wir den Spruch: „Vor der Krise ist nach der Krise“, Lügen strafen und uns das bewahren, was wir die letzten Wochen in Ansätzen zumindest als naiven Gedanken an Humanität und Miteinander entdeckten. Und es liegt an uns, ob wir das Entdeckte in die Realität umsetzen wollen. Eines kann aus Buch und Leben abgeleitet werden: Ein anderes Leben ist möglich.

Literatur-Empfehlung: Peter Bieri: Über die Vielfalt menschlicher Würde. München 2013

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Erstellt:
10. Mai 2020, 10:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 51sec

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