Pandemie und Kälte: Schwierige Lage für Obdachlose

Karlsruhe/Rastatt/Baden-Baden (fk/for) – Wegen der Pandemie befürchtet die Diakonie Baden in diesem Winter mehr Kältetote. Um das zu verhindern, gibt es Ansprechpartner und Anlaufstellen für Betroffene.

Hilfe mit Abstand: Was beim Frühjahrs-Lockdown (noch ohne Mundschutzpflicht) schon schwierig war, wird aktuell und durch den nahenden Winter weiter erschwert. Foto: Marjan Murat/dpa

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Hilfe mit Abstand: Was beim Frühjahrs-Lockdown (noch ohne Mundschutzpflicht) schon schwierig war, wird aktuell und durch den nahenden Winter weiter erschwert. Foto: Marjan Murat/dpa

Von Florian Krekel

Erst wenige Tage ist es her, da schlug die in Karlsruhe ansässige Diakonie Baden mit drastischen Worten Alarm: „Ich befürchte, dass in diesem Winter mehr Menschen erfrieren, als in den vergangenen Jahren.“ Referentin Julia Schlembach sorgt sich im Angesicht des nahenden Winters und der aktuellen Coronasituation um die Obdachlosen. Die Pandemievorgaben verkleinerten die Kapazitäten der Obdachlosenunterkünfte, nicht mehr alle bekämen einen Platz. Ein Problem, das sich zumindest partiell auch in Mittelbaden auftut.

Platznot größtes Problem


„Der Kälteschutz der Wohnungslosen bereitet uns einige Sorgen“, unterstreicht denn auch Paul Hnas von der Rastatter Caritas. Die Caritas betreibt im Landkreis sogenannte Tagesstätten und Beratungsstellen. Übernachtungsmöglichkeiten bieten sie keine, aber Aufenthaltsräume, in denen Obdachlose Essen bekommen und sich für einige Stunden im Winter aufwärmen können. Das ist zwar auch in Zeiten der Pandemie prinzipiell möglich, doch die Zahl der Personen, die sich in einem Raum aufhalten dürfen, hängt von dessen Größe ab. Im Falle der Rastatter Caritas beschränkt das das Platzangebot auf eine geringe, einstellige Zahl. „Das kann so nicht bleiben, da muss eine Lösung her“, sagt Hnas, der seine Hoffnungen auf anberaumte Gesprächsrunden mit dem Landratsamt richtet.

Allgemein, so Hnas weiter, sei die Betreuung der Wohnungslosen in Corona-Zeiten schwierig. Hauptproblem ist auch hier der Faktor Platz. Die Beratungsstellen der Caritas bieten aufgrund ihrer geringen Quadratmeterzahl den aktuellen Regelungen zufolge nur Platz für zwei Obdachlose und einen Betreuer. Letzterer kümmert sich um die Belange, unterstützt und hilft – auch bei Anträgen und Formularen.

Das sei in allen Bereichen unabdingbar, da einige der Obdachlosen, die sich regelmäßig an die Caritas wendeten, suchtkrank seien und auch deshalb nicht alleine bleiben könnten.

„Situation ist angespannt“

„Die Situation ist angespannt“, so Hnas. Noch könnten die meisten der alltäglichen Unterstützungsleistungen unter Einhaltung aller Pandemieregeln geleistet werden, aber die Kapazität leide – Beratungen sowie Nutzung der Duschen et cetera sind nur noch gegen vorherige Terminvereinbarung möglich, um die maximale Personenzahl der Räume nicht zu überschreiten. Immerhin hätten die Behörden erlaubt, die normalerweise tageweise ausgehändigten Sozialleistungen auch schon mehrere Tage im Voraus auszubezahlen, sodass nicht jeder Obdachlose zwangsläufig jeden Tag die Einrichtungen aufsuchen müsse, wenn er nicht wolle.

Etwas besser stellt sich die Situation indes für Andreas Koch da. Er betreut als Abteilungsleiter bei der Stadt Baden-Baden unter anderem die Obdachlosenunterkünfte. „Wir können der gesetzlichen Pflicht nachkommen, jedem nicht freiwillig Wohnungslosen ein Obdach zur Verfügung zu stellen.“ Zwar schränkten die geltenden Regeln die Kapazitäten der Unterkünfte etwas ein, doch das sei kein gravierendes Problem, da auch vor Corona schon versucht worden sei, jedem Hilfesuchenden sein eigenes Zimmer zuzuweisen. Auch das Duschen oder Essen sei weiterhin möglich. Coronabedingt werden allerdings nur noch sogenannte Einmalbettwäsche und Einmalgeschirr verwendet. Besuche von Angehörigen oder Freunden seien auch erlaubt, allerdings nur in geringer Zahl.

Trotz Corona habe zudem auch weiterhin jeder Obdachlose und Kälteschutzsuchende die Möglichkeit, wenn er das wünsche, länger als nur eine Nacht in den Unterkünften zu bleiben, gibt sich Koch auch für den kommenden Winter zuversichtlich.

Ansprechpartner in Baden-Baden: Menschen ohne festen Wohnsitz und ohne Wohnung können in den städtischen Notunterkünften oder bei der Caritas vorübergehend aufgenommen werden, teilte die Stadt Baden-Baden mit. Ansprechpartner während der Öffnungszeiten der Stadtverwaltung ist Josef Hauk, (07221)931436. Außerhalb der städtischen Sprechzeiten und an Wochenenden kann man sich an den Caritasverband, (07221)183400, wenden. Wegen der Pandemie ist die Aufnahmekapazität bei der Caritas begrenzt. Personen, die sich dort melden, werden daher bei Bedarf an die Verwaltung weitergeleitet. Auch über Notrufnummer 112 kann auf Menschen hingewiesen werden, die sich in einer Notlage befinden. Eventuell mitgeführte Haustiere können für die Zeit der Aufnahme im Tierheim, (07221)7687 oder 992424, unterkommen.

Karlsruher Kältebus steht vor Herausforderung

Um Obdachlose in der kalten Jahreszeit vor dem Erfrieren zu schützen, hat der Kreisverband Karlsruhe des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) im vergangenen Jahr einen sogenannten Kältebus ins Leben gerufen, eine mobile soziale Einrichtung zur Versorgung von Obdachlosen auf der Straße. Sobald die Temperaturen unter den Gefrierpunkt sinken, machen sich ehrenamtliche Helfer und Mitglieder des DRK an den eisigen Abenden auf den Weg, um Bedürftige aufzuwärmen. Sie sind ausgestattet mit warmen Decken, Schlafsäcken, Mützen, Handschuhen, Socken und heißen Teebehältern. Finanziert wird das Projekt allein durch Spendeneinnahmen.

Aufgrund der Corona-Pandemie stehe das Kältebus-Team in diesem Jahr aber vor besonderen Herausforderungen, sagt Aksana Novikova, eine der Initiatoren des Projekts und Pressesprecherin beim DRK. „Aufgrund der aktuellen Verordnung dürften wir zum jetzigen Stand eigentlich nicht losfahren“, meint sie. Grund sei, dass laut Corona-Vorschrift derzeit nur maximal zwei Haushalte zusammenkommen dürfen. „Normalerweise haben wir aber festgelegt, dass aus Sicherheitsgründen immer mindestens drei Helfer im Bus mitfahren“, erklärt Novikova. Ob diese Regelung künftig auf die strengen Corona-Vorschriften angepasst wird, müsse erst im Team besprochen werden. „Wir müssen in diesen Zeiten so flexibel wie möglich sein. Aber man muss auch bedenken, dass wir und unsere ehrenamtlichen Helfer nachts unterwegs sind und die Reaktionen auf unsere Arbeit ganz unterschiedlich ausfallen können.“

Novikova hofft, dass die Corona-Maßnahmen bis Dezember wieder gelockert werden und der Kältebus wie gewohnt mit drei Teammitgliedern fahren kann. Probleme, ehrenamtliche Helfer zu finden, gebe es beim DRK trotz Corona kaum. Schon jetzt hätten sich einige Freiwillige dazu bereit erklärt, sich beim Projekt Kältebus einzubringen. „Wenn es schlecht läuft, werden die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie aber eher noch strenger“, befürchtet Novikova. Für diesen Fall arbeite das DRK schon jetzt an alternativen Konzepten, um Obdachlose auf eine andere Weise vor dem Kältetod zu bewahren.

„Fest steht, dass die zahlreichen Spenden, die wir nach wie vor erhalten, auf jeden Fall bei den Bedürftigen ankommen werden“, versichert Novikova. Ihr Team sei in einem engen Austausch mit anderen Vereinen und Organisationen. „Ich sehe die Stadt Karlsruhe auch für diesen außergewöhnlichen Winter gut gewappnet“, betont Novikova. „Es gibt genug Möglichkeiten und Hilfsangebote. Eigentlich muss in Karlsruhe auch in Corona-Zeiten keiner erfrieren.“ Fraglich sei allerdings immer, inwieweit Obdachlose bereit sind, die jeweiligen Angebote zu nutzen. Manche blieben lieber auf der Straße, als in Unterkünften Schutz zu suchen, in denen sie sich an gewisse Regeln halten müssten. Und genau diese Menschen könne der Kältebus vor dem Tod bewahren.

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Erstellt:
5. November 2020, 22:30 Uhr
Aktualisiert:
11. November 2020, 16:06 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 15sec

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