Sehnsucht nach sich selbst

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Autor Wolfram Frietsch philosophische Ansätze und Ideen vor. Dieses Mal geht es darum aus seiner Welt auszubrechen und wiederzukehren.

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Von Wolfram Frietsch

Das Gefühl, geborgen zu sein und aufgefangen zu werden, ist eines, das eng mit dem Menschsein zu tun hat. Viele erleben solch ein Gefühl unverhofft und eher zufällig. Im Grunde drückt es eine Sehnsucht nach sich selbst aus, die in der Suche nach dem eigenen Lebensweg mündet. Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) hat einen solchen Gedanken in seinem Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ (1795/96) thematisiert, der bis heute nichts von seinem Reiz verloren hat. Literatur ist hier die Antwort auf die Frage, wie Leben neu gelebt werden kann.

Im Wilhelm Meister geht es um einen jungen Mann, der seinen Lebensweg sucht. Er lebt eine bürgerliche Existenz, die ihm missfällt und versucht als Ausweg daraus, das Theater zum Mittelpunkt seines Lebens zu machen. Doch erst als er erkennt, dass die Welt mehr zu bieten hat, als eine enge Vorstellung davon wie er zu leben habe, erst als er sich auf den Wandel einlässt und ein Wanderer wird, jemand der aufbricht, neugierig ist, lernwillig und bereit, sich selbst immer wieder in Frage zu stellen, erst dann wird er sein Schicksal annehmen und zu einem Meister seines Lebens werden.

Programmatisch sind die Sätze, die er an seinen Freund Werner schreibt, der Inbegriff der bürgerlichen, wirtschaftlichen Existenz ist und ein genaues Gegenteil zu Wilhelm darstellt. Ihm schreibt er folgendes: „Daß ich Dir’s mit einem Worte sage: mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden, das war dunkel von Jugend auf mein Wunsch und meine Absicht.“ Im gleichen Atemzug der Selbstvergewisserung lesen sich diese Sätze als Ausdruck des Widerstandes gegen die beherrschende Welt des Vaters und als anarchisches Lebensmodell der Verweigerung.

Meister schlägt den Weg des Theatermenschen ein, der sich der planenden Bindung enthält, indem er nur die Bindungen eingeht, die auf ihn zukommen. Seine Passivität ist die der aktiven Konsum- und Machtverweigerung und zugleich der parzivalischen Sorglosigkeit eines Suchenden, der aus der Fülle der Möglichkeiten lebt. Kurzum: es gilt nicht anzukommen, sondern in Bewegung zu bleiben. Die sich dabei abzeichnende Strategie ist die der Verlebendigung der Krisenbewältigung im Sinne der Selbstfindung.

Nähe verlangt Distanz

Die Suche nach sich selbst kann mit der Frage nach Wahrhaftigkeit gepaart werden, so wie es Elena Ferrante in ihrem Roman „Die lügenhafte Welt der Erwachsenen“ (2020) tut. Giovanna, 13 Jahre alt, ahnt ein Geheimnis hinter dem Leben ihrer Eltern und versucht, diesem auf die Spur zu kommen. Dabei werden Pubertätsnöte sichtbar, die als zwiespältige Einstellung zum Leben deutlich werden: Nähe verlangt Distanz; Distanz verzweifelt ob der fehlenden Nähe. Es geht um eine Erwartung, die es zu erfüllen gilt, ansonsten drohen Liebesentzug oder Chaos. Giovanna erlebt das bei ihrem Vater: „Als ich klein war, verdunkelte sich die Sonne, wenn er nicht da war. Ich dachte, wenn ich mich nicht so benahm, wie er es wollte, würde er mich alleinlassen und ich müsste sterben. So brachte er mich dazu, alles zu tun, was er wollte, er bestimmte, was gut für mich war und was schlecht.“ Irgendwann ist diese Fremdbestimmung durchschaubar geworden und es beginnt die Suche nach dem authentischen Leben. Das führt bei Giovanna dazu, dass sie aus ihrer Welt ausbricht und die Bekanntschaft einer anderen Welt macht, die der Tante, die an einem anderen Ort lebt, als das „schwarze Schaf“ der Familie gilt und über die nicht gesprochen werden darf. Wir erfahren Lebens- und Leidenswege, gleichzeitig spielt Ferrante mit dem Wunsch nach Geborgenheit.

Zeit des Aufbruchs und der Suche

Die Romanfiguren werden aber auch verleitet, Dinge zu tun, die ihr Leben beeinflussen, ohne dass sie zu sagen vermögen, warum sie es getan haben. „Die Zeit meiner Pubertät ist langsam, besteht aus großen grauen Blöcken und plötzlichen Beulen in Grün und Rot oder Violett. Diese Blöcke haben keine Stunden, Tage, Monate, Jahre,...“ Und doch ist die Pubertät die Zeit des Aufbruchs, der Suche, der Hoffnung und der Geborgenheit in einem namenlosen Anderen, die Glück und Unglück, Zufriedenheit und Auflösung so eng miteinander verbindet, wie nie wieder. Hier wird der Grundstein gelegt, so legen es uns die beiden Romane nahe, auszubrechen aus der eigenen Welt und wiederzukehren hin zu sich selbst.

Literaturempfehlung: Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre. Berlin 2009.

Elena Ferrante: Das lügenhafte Leben der Erwachsenen. Berlin 2020.

Vor zwei Wochen schrieb Wolfram Frietsch in seiner Kolumne über Gegensätze und Ergänzungen.

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Erstellt:
25. Oktober 2020, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 18sec

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