Sei der, der du bist, und sprich darüber

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Autor Wolfram Frietsch alle zwei Wochen philosophische Ansätze und Ideen vor. Dieses Mal beschreibt er zwei Wege zu Selbsterkenntnis, Wissen und Wahrheit

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Von Wolfram Frietsch

Warum philosophieren? Warum Kunst? Warum über uns selbst sprechen? Warum überhaupt Zeugnis ablegen über den Weg, den man selbst gegangen ist? Um diese Fragen zu beantworten, gibt es zwei Möglichkeiten beziehungsweise Wege.

Für den einen Weg steht Platon (428-348 v. Chr.). Er betont, dass der Mensch sich an das absolute Wissen erinnern müsse, weil es gleichsam ewig und in einem Reich der Ideen präsent sei. Folgerichtig ist Lernen für ihn ein Wiedererinnern jener Weisheit, an dem die Seele vor der Geburt teilhatte. Das Wissen ist dem Menschen nicht zugänglich, kann es aber werden, wenn dieser sich von der Täuschung der Sinneswelt befreit. Die Seele richtet ihren Blick auf eine absolute Welt jenseits der Sinne und erkennt, was Schein und was Sein ist. Weder Mensch, noch Wissen oder Wahrheit werden grundsätzlich in Frage gestellt.

Prozess einer Gestaltung aus der Annäherung heraus

Den zweiten Weg haben Philosophen wie Seneca (1-60 n. Chr.) oder Marc Aurel (120-180 n. Chr.) beeinflusst. Sie gehen davon aus, dass der Mensch zwar um die Bedeutung von Wissen, Weisheit und Wahrheit weiß, sie aber nicht in einem transzendentalen Raum vorfindet. Das Reich der Ideen als Absolutes existiert für ihn nicht.

Als Subjekt tritt der Mensch lediglich in Beziehung zur Wahrheit, denn es geht weder um das Wiederkennen von etwas Absolutem, noch um ein verborgenes Wissen, sondern um den Prozess einer Gestaltung aus der Annäherung heraus. Er selbst ist das Maß seiner Gestaltung. Die Seele findet nicht so etwas vor wie „die“ Wahrheit oder „das“ Absolute, sondern setzt sich in Beziehung zu sich selbst, wobei Wahrheit gegründet wird. Darüber hat der Mensch zu sprechen, das teilt er anderen mit. Seine Erkenntnis wird zu einer kommunikativen.

Während der zweite Weg von einer gewissen Art der Selbstprüfung und Selbstbestimmung handelt, sagt der erste Weg erst einmal nichts darüber aus, wie ich zu dem Reich der Ideen und zur absoluten Wahrheit gelange. Lediglich, dass ich meine Täuschung einsehe, berechtigt mich, meine Ketten der Täuschung abzulegen. Aber wie soll das geschehen?

Ich bin mein eigener Wahrheitsproduzent

In der Tradition von Seneca gibt es eine andere Art der Unterweisung zu der auch die Anwendung gewisser Techniken, Verfahren oder Prozesse gehören. Man bittet jemanden um Hilfe, aber eher für ein konkretes Problem, um dann eine Strategie auszuarbeiten, mit der man das Problem angehen kann. Im Prinzip geht es um Gewissenserforschung und darum, sich über Worte, Taten und Gedanken vor sich selbst Rechenschaft abzulegen.

Darauf folgt die Prüfung, ob und was zu unserem Vorteil gereicht und was nicht. Ethisches und moralisches Handeln ergibt sich von selbst, denn was mir zum Vorteil gereicht, wird durch die gesellschaftliche Verantwortung, in der ich mich befinde, geregelt. Ich bin mein eigener Richter, Ankläger und Anwalt. Damit stelle ich eine mir zunächst unbekannte Wahrheit her. Ich bin mein eigener Produzent von Wahrheit, wobei ich aber die Verantwortung für mein Handeln trage.

Gewissensprüfung ist ein Instrument der Selbstoptimierung, das auch gesellschaftlich relevant ist. Der Antrieb zur Philosophie liegt in der Mitteilung meiner Selbstprüfung. Im Gegensatz zum ersten Weg befindet sich der zweite in einem permanenten Prozess der Selbstbildung oder Selbstkonstituierung. Die Übung an mir selbst führt zur Ausarbeitung meines Selbst. Damit wird der Mensch in die Verantwortung entlassen: über sich und die Welt. Sein Instrument ist neben der Tat die Verpflichtung der Rede. Darin liegen Sinn und Zweck allen Philosophierens, Kommunizierens, der Kunst, der Wissenschaft. Mit anderen Wort: Mache dich auf zur Wahrheit, aber sage mir, wer du bist.

Michel Foucault: Die Regierung der Lebenden. Berlin 2014.

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Erstellt:
15. März 2020, 11:00 Uhr
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