Sportstress stört Kunst

Baden-Baden (fh) – Das Museum LA8 zeigt ab dem 6. Juni die Ausstellung „Baden in Schönheit“. Die Schau thematisiert, wie das Zusammenspiel aus künstlerischem Ideal und technischem Fortschritt ein neues Körperbild hervorgebracht hat.

Museumsbesucher erfahren die Thesen der Ausstellung am eigenen Leib. Foto: F. Jesse/Museum LA8

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Museumsbesucher erfahren die Thesen der Ausstellung am eigenen Leib. Foto: F. Jesse/Museum LA8

Von Fiona Herdrich

Die steife, unnatürliche Bewegung erinnert an einen hölzernen Hampelmann. Der Museumsbesucher wird durch ein Laufgerät zur Menschmaschine – das Fitnessziel dabei immer vor Augen. Denn vom Nordic Walker oder Crosstrainer aus blickt er direkt auf das Idealbild des Körpers, einen antikischen Athleten, der auf dem Gemälde „Hohes Sinnen“ von Sascha Schneider leicht bekleidet aufs Wasser blickt.

Wer nach der corona-bedingten Verschiebung der Ausstellungseröffnung nun den Wunsch nach sportlicher Betätigung bei gleichzeitigem Kulturgenuss verspürt, der wird ab heute im Museums LA8 in Baden-Baden fündig. Die Schau hat den Bezug zum Ausstellungsort als Wortspiel im Namen: „Baden in Schönheit – die Optimierung des Körpers im 19. Jahrhundert“ zeigt, wie das Zusammenspiel aus künstlerischem Ideal und medizinisch-technischem Fortschritt ein neues Menschenbild hervorgebracht hat.

Ludwig von Hoffmanns „Brandung“ (unten) idealisiert den Körper.

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Ludwig von Hoffmanns „Brandung“ (unten) idealisiert den Körper.

Doch was braucht der Mensch, um einem Fitnessideal nacheifern zu können: „Einen Körper“, erklärt Museumsdirektor Professor Dr. Matthias Winzen bei einer Presseführung vor der Eröffnung. Und darauf legt die Ausstellung, die im Rahmen des Kooperationsprojekts „Baden“ mit dem Stadtmuseum und der Kunsthalle Baden-Baden noch bis 28. Februar 2021 zu sehen ist, ihren Schwerpunkt.

Vom gottergebenen Leib zum individuellen Körper

Durch die medizinische Entwicklung, etwa Erkenntnisse im Bereich der Anatomie, und den Sieg der Vernunft entzaubert, befreit sich der Mensch im 19. Jahrhundert von der religiösen Vorstellung eines Gott und der Natur schicksalhaft ergebenen Leibes. Nietsche schreibt „Gott ist tot“, und auch die Künstler malen keine Götter mehr, sondern Menschen – zwar idealisiert, aber auch emanzipiert – und gerne beim Baden, wie im LA8 Gemälde von Ludwig von Hofmann zeigen.

Kaum hat der Mensch die Fesseln der religiösen Gemeinschaft abgestreift und sich und vor allem seinen Körper befreit, erkennt er, dass er diesen zu seinem lebenslangen, individuellen Projekt machen kann. „Der Zwang zum Trimm-dich ist kein Produkt der 1970er Jahre“, sagt Winzen und verweist auf das 1872 erschienene Buch „Ärztliche Zimmergymnastik“. Die modernen Fitnessgeräte in der Ausstellung nennt er „Störer“, nach dem Motto „Sportstress stört Kunst“.

Der Rumpfdrehstuhl soll gezielt Muskulatur im Oberkörper aufbauen.

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Der Rumpfdrehstuhl soll gezielt Muskulatur im Oberkörper aufbauen.

Mit der Industrialisierung übernehmen zusehens Maschinen die Alltagsbewegungen, und die aufkommenden Büromenschen suchen sich anderweitig körperliche Betätigung, um in Form zu bleiben. Der sogenannte Rumpfdrehstuhl nach Gustav Zander, ein schwedischer Arzt und Physiotherapeut, folgt bereits der Logik moderner Fitnessgeräte mit einem einstellbaren Gewicht. Mit dem Stuhl, der um 1900 in Deutschland beliebt war, sollte der Oberkörper bewegt und Muskulatur aufgebaut werden. Den Körper der Frau hingegen formte nicht Bewegung, sondern das Korsett.

Trainierte Körper braucht auch das Militär. In einer Vitrine zeigt das LA 8 Prothesen. Diese sind zwar keine Erfindung des 19. Jahrhunderts, sie wurden zu dieser Zeit aber laut Winzen zu einer Industrie und ergänzten die Kriegsversehrten mechanisch. Die Ausstellungsstücke formen fast einen ganzen Körper – es fehlt nur der Kopf.

„Da liegt der Gedanke an Frankensteins Monster nahe“, sagt Winzen. Der in Mary Shelleys gleichnamigen Roman künstlich erschaffene Mensch wird durch Strom verlebendigt, zu sehen etwa in dem 1910 von Thomas Alva Edison produzierten Film.

Strom macht lebendig

Die Erkenntnis, dass in Nerven Strom fließt, schlug sich aber nicht nur in fiktiven Horrorgeschichten nieder, sondern hielt mit vitalisierenden Apparaten auch Einzug in den realen Alltag. „Da stand so ein Kästchen mit Münzeinwurf und zwei Griffen am Bahnhof. Heute würde man zwischen zwei Zugverbindungen einen Kaffee trinken. Damals weckte einen nicht Koffein, sondern ein kleiner Stromschlag“, beschreibt Winzen. Größere Geräte dieser Art kamen in der Medizin zum Einsatz. Und auch heute arbeiten Physiotherapeuten oder Defibrillatoren noch mit Strom.

Mit Röntgenstrahlen den Körper durchschauen.

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Mit Röntgenstrahlen den Körper durchschauen.

In der Kunst wurde der Körper derweil der Wirklichkeit angepasst und weniger idealisiert, wie Skulpturen von Karl Albiker und Aristide Maillol zeigen. Julius Kollmann brachte in seinem Buch „Plastische Anatomie des menschlichen Körpers für Künstler und Freunde der Kunst“ Medizin und Zeichnungen Michel Angelos zusammen. Und auch der technische Fortschritt entzauberte das Mysterium Körper immer mehr. Röntgenstrahlen ermöglichten es, ihn im wahrsten Sinne des Wortes zu durchschauen. An der gefährlichen Strahlung störte sich zu diesem Zeitpunkt noch niemand.

Eine weitere technische Neuerung des 19. Jahrhunderts war die Fotografie. „Kaum hat der Mensch die Fotografie erfunden, widmet er sich der Pornografie“, erklärt Winzen. Somit wurde auch der Frauenkörper zum Objekt. Entsprechende Bilder säumen im Museum einen schmalen Gang, an dessen Ende der Besucher in die Linse einer Kamera blickt.

Wasser reinigt von innen und von außen

„Die Befreiung des Körpers, seine Idealisierung in der Kunst und der technische Fortschritt überlappen sich in der Badekultur“, fasst der Museumsdirektor zusammen. Das Wellenbad zum Beispiel war beliebt und ermöglichte jedermann ein Badeerlebnis wie am Meer. Die Badekultur war im 19. Jahrhundert auch ein Dauerthema in den Zeitungen, etwa in Karikaturen von Honoré Daumier. Nass und unverhüllt machen die Menschen bei Daumier nicht immer eine gute Figur. Unangenehme Begegnungen in öffentlichen Bädern bleiben da nicht aus.

Gymnastikübungen bringen den Büromenschen, der sich im Alltag nur wenig bewegt, wieder in Form. Fotos: Museum LA8

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Gymnastikübungen bringen den Büromenschen, der sich im Alltag nur wenig bewegt, wieder in Form. Fotos: Museum LA8

Postkarten zeugen von Wasser als wichtigem Faktor für den Tourismus. Es reinigte von außen und von innen. Beim wohlhabenden Bürgertum boomte Heilwasser. Mineralwasser aus berühmten Badeorten wurde verschickt, oder man versuchte es künstlich herzustellen mit großen Apparaturen, quasi dem frühen Soda-Stream.

Einige Anwendungen wie Wassertreten nach dem Pfarrer Sebastian Kneipp überdauern bis heute. Doch der Trend rief auch Kurpfuscher auf den Plan, die sich Therapien mit Licht, Luft und Wasser ordentlich bezahlen ließen. Der Laienmediziner Adolf Just gründete die Kuranstalt Jungborn im Harz. Der Name leitet sich vom Begriff Jungbrunnen ab.

Während Justs Anhänger im Harz in Lichtlufthütten und beim gemeinsamen Sport nach ewiger Jugend suchten, ging der Aussteiger August Karl Engelhardt noch deutlich weiter. Er gründete im damaligen Deutsch-Neuguinea im Pazifischen Ozean den „Sonnenorden – Aequatoriale Siedlungsgemeinschaft“ und propagierte eine Ernährungsweise nur mit Kokosnuss. Der Schweizer Schriftstellers Christian Kracht erzählt seine Gesichte in seinem 2012 erschienen Roman „Imperium“.

Hygiene bekommt eigenen Raum

Der Körper ist auch heute noch Dauerthema – nicht zu letzt bei den Hygieneregeln während der Pandemie. „Corona ist auch eine Körperkrise“, betont Winzen. Doch die tägliche Hygiene war lange nicht selbstverständlich. Sie bekam erst im 19. Jahrhundert in bürgerlichen Kreisen einen eigenen Raum zugewiesen, als das Badezimmer langsam begann, den Waschzuber in der Wohnküche zu verdrängen. Neben der Badewanne gehörte das aus England kommende Wasserklosett zur Ausstattung und sorgte ebenfalls für deutlich hygienischere Verhältnisse in den Haushalten. „Wasserklosetts retteten Leben“, so Winzen.


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