Stiftungsgründer Adriani: „Gegen Tendenz der Verflachung“

Stuttgart (cl) – Kunsthistoriker Götz Adriani hat eine neue Stiftung gegründet, sie soll Publikationen an der Staatsgalerie Stuttgart fördern. Er will einer „Tendenz zur Verflachung“ entgegenwirken.

Als Tübinger Kunsthallen-Chef machte Götz Adriani das Universitätsstädtchen einst zu einem zentralen Ort der internationalen Kunstszene. Auch das Museum Frieder Burda in Baden-Baden prägte er bis 2014 als Stiftungsvorstand.  Foto: Annette Reuther/dpa

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Als Tübinger Kunsthallen-Chef machte Götz Adriani das Universitätsstädtchen einst zu einem zentralen Ort der internationalen Kunstszene. Auch das Museum Frieder Burda in Baden-Baden prägte er bis 2014 als Stiftungsvorstand. Foto: Annette Reuther/dpa

Von Christiane Lenhardt

Der legendäre Tübinger Kunsthallen-Direktor Götz Adriani, über mehr als eine Dekade hinweg auch Spiritus Rector des Ausstellungsprogramms und Kurator im Museum Frieder Burda in Baden-Baden, hat die Gründung seiner eigenen Stiftung an der Staatsgalerie Stuttgart bekannt gegeben. Die neue Adriani-Stiftung will mit den jährlichen Erträgen aus einem erheblichen Vermögenswert die wissenschaftlichen Publikationen der Staatsgalerie Stuttgart fördern. Adriani und seine Frau Franziska geben ihre hochkarätige Kunstsammlung und auch Immobilien in die Stiftung. BT-Redakteurin Christiane Lenhardt hat mit Götz Adriani (79) über die Gründe für seine neue Stiftung und ihre Ziele gesprochen.

BT: Herr Adriani, was hat Sie bewogen, diese Stiftung zusammen mit Ihrer Frau zu gründen?
Götz Adriani: Wir leben in einer beklemmenden Zeit, in der wir uns von vielen lieb gewonnenen Fortschritts- und Wachstumsvisionen verabschieden werden müssen. Gerade jetzt sind sowohl auf sozialem als auch auf kulturellem Gebiet zusätzliche Fördermaßnahmen von privater Seite unerlässlich. Dazu soll die Stiftung beitragen.

Interview


BT: Die Zuwendungen der Stiftung wissenschaftlichen Publikationen zugutekommen, darunter fallen auch Kataloge. Warum wollen Sie diese fördern?
Adriani: Die großen Kulturinstitutionen des Landes, darunter die Staatsgalerie, haben einen Bildungs- und Forschungsauftrag, für beides steht die Staatsgalerie. Es gibt jedoch allerorten auch Tendenzen zur Verflachung dieses Auftrags, der vereinzelt auch zu einem gewissen Vermittlungspopulismus führt. Dem will die Stiftung entgegenwirken, in dem sie wissenschaftlich fundierte und für das Publikum nachvollziehbare Publikationen der Staatsgalerie fördert.
BT: Warum haben sie sich für die Staatsgalerie entschieden?
Adriani: Ich arbeite immer sehr gut mit der Staatsgalerie und vor allem mit der jetzigen Direktorin zusammen. Wir haben das Projekt gemeinsam entworfen und gemeinsam durchgezogen. Meine Frau arbeitete jahrzehntelang in der Staatsgalerie als die Fotografin des Hauses. Und wir haben uns 1965, als ich in der Staatsgalerie Volontär war, auch kennengelernt. Es spielen auch persönliche Gründe damit rein.
BT: Wer entscheidet über Vergabe der Stiftungsmittel?
Adriani: Es gibt einen Vorstand der Stiftung und ein Kuratorium, so wie das üblich ist. Das Kuratorium ist das Kontrollorgan. In beiden habe ich den Vorsitz. Und die Direktorin der Staatsgalerie, Frau Professor Lange, ist im Vorstand Mitglied qua Amt. Der Vorstand schlägt Projekte vor, die das Kuratorium dann begutachten und zur Förderung verabschieden kann.

Kunstsammlung als Stiftungsgeschenk


BT: Wann geht es los?
Adriani: Die Stiftung wurde am 14.10. offiziell gegründet. Nun muss das Stiftungskapital, die Kunstsammlung und die Immobilien, die wir einbringen, übertragen werden. Aus den Erträgen des Stiftungskapitals werden dann die Fördermaßnahmen bezuschusst oder finanziert. Das braucht natürlich eine Anlaufzeit, wahrscheinlich kann man im Herbst nächsten Jahres schon absehen, was an Stiftungskapital, an Erträgen, für Projekte abgeworfen worden ist. Das alles wird noch ein Jahr dauern, bis es ins Laufen kommt.
BT: Wie wird die Förderung dann konkret aussehen?
Adriani: Unsere Aufgabe ist es, Projekte, die die Staatsgalerie entwickelt oder entwickelt hat zu begutachten und dann die Förderung in Gang zu setzen. Eine Besonderheit des Ganzen ist, dass die Kunstsammlung nicht als Geschenk an die Staatsgalerie geht, sondern sie geht als Sammlung in die Stiftung, aber kann von der Stiftung jederzeit dann verkauft werden, wenn Bedarf besteht, das Stiftungskapital aufzustocken, zu erhöhen.
BT: Kann sich die Staatsgalerie auch Kunstwerke aus der Sammlung ausleihen?
Adriani: Ja, Die Staatsgalerie kann sich die Werke für Ausstellungen ausleihen, und sie hat auch ein Vorkaufsrecht. Aber wenn die Staatsgalerie etwas aus der Sammlung ankauft, etwa einen Cézanne, dann bezahlt sie einige Hunderttausend Euro dafür, aber das Kapital geht an die Stiftung, nicht an mich. Und die Stiftung stockt damit ihr Eigenkapital auf und das kommt dann wieder in den Erträgen zur Förderung der Staatsgalerie zugute.

Schwergewichte der Sammlung: Von Cézanne bis Beuys


BT: Welche Epochen und Werke umfasst Ihre Sammlung?
Adriani: Es geht vom 16. bis ins ausgehende 20. Jahrhundert, wobei das Schwergewicht natürlich im 20. Jahrhundert liegt – von Cézanne bis Beuys und der zeitgenössischen Kunst meiner Generation.
BT: Sie haben die ersten fast 14 Jahren des noch jungen Museums Frieder Burda zusammen mit dem Gründer entscheidend mitgeprägt. Was ist Ihnen damals als Ausstellungsplaner und Kurator besonders wichtig gewesen?
Adriani: Ich war von 2001 bis 2014 Stiftungsvorstand des Museums Frieder Burda. Vor allem Künstler aus der Sammlung zu zeigen, war mir wichtig. Da die Sammlung Schwerpunkte hat, wie Copley, wie Baselitz und Richter ist klar gewesen, dass dazu große Ausstellungen gemacht werden, mit Leihgaben von außerhalb. Sie sind nun mal Bausteine der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts.
BT: Derzeit erleben wir in der Kunst eine Renaissance der Performancekunst. Ist das ein Zeitgeist-Phänomen?
Adriani: Die reicht weit ins 20. Jahrhundert zurück. Ich komme mir manchmal etwas ungerecht vor, wenn ich sage, wir haben damals Beuys gehabt, wir haben viele Performancekünstler gehabt, die alles Heutige übertroffen haben, und damals die Weichen dafür gestellt haben. Jede Kunst hat ihre eigene Zeit, und jede Zeit ist für ihre eigene Kunst verantwortlich. Wir hatten das Glück, in einer Zeit zu leben, der 60er, 70er und 80er Jahre, die ungemein innovativ war.

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Erstellt:
21. Oktober 2020, 19:30 Uhr
Lesedauer:
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