Tatsiana Zelenjuk über die Proteste in Belarus

Baden-Baden/Rottweil/Minsk (marv) – Tatsiana Zelenjuk ist in Belarus geboren, hat in Minsk studiert, lebt und arbeitet mittlerweile aber in Rottweil. Die Situation in ihrer Heimat verfolgt sie genau.

Tatsiana Zelenjuk. Foto: privat

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Tatsiana Zelenjuk. Foto: privat

Von Marvin Lauser

Die 34-jährige Journalistin lebt seit 2014 mit ihrem Mann und ihrem sechsjährigen Sohn in Rottweil. Sie hat an der staatlichen linguistischen Universität in Minsk Deutsch und Englisch auf Lehramt studiert und später unterrichtet, gedolmetscht und übersetzt, unter anderem für die Repräsentanz der deutschen Wirtschaft in Belarus.

In ihrem Heimatland protestieren seit der Präsidentschaftswahl am 9. August immer wieder Zehntausende Menschen friedlich gegen Alexander Lukaschenko, der seit über einem Vierteljahrhundert an der Macht ist und als letzter Diktator Europas gilt. Die belarussischen Sicherheitsbehörden und maskierte Schlägertrupps gehen brutal gegen die Demokratiebewegung vor Ort vor. Erst am Donnerstag soll übereinstimmenden Medienberichten zufolge ein 31-jähriger Mann von Vermummten so schwer verletzt worden sein, dass er im Krankenhaus schweren Hirnverletzungen erlegen ist. „Das macht mich sprachlos, traurig und wütend“, sagt Zelenjuk, deren gesamte Verwandtschaft in Belarus lebt. „Die Menschen haben kein Vertrauen mehr in die Gerichte und Behörden, sie haben Angst vor der Polizei und fühlen sich schutz- und machtlos“, beschreibt Zelenjuk und weißt daraufhin, dass sich Personen aus den Reihen der Sicherheitskräfte nicht für Verbrechen verantworten müssen, während Tausende Demonstranten inhaftiert wurden.

BT: Frau Zelenjuk, Sie sind in Belarus geboren, haben in Minsk studiert. Wie verfolgen Sie die Entwicklungen in Ihrer Heimat, über die seit Monaten berichtet wird?
Tatsiana Zelenjuk: Ich lebe praktisch in zwei Welten. Physisch bin ich hier in Deutschland, meine Gedanken sind aber die meiste Zeit bei den Menschen in Belarus. Ich beginne jeden Tag damit, dass ich über verschiedene Kanäle Nachrichten über Belarus lese. Und jeden Tag bin ich aufs Neue fassungslos. Die Brutalität, mit der die Sicherheitskräfte gegen friedliche Demonstranten vorgehen, die absolute Schutzlosigkeit der Regimegegner vor Gericht, die ständigen Lügen in den Staatsmedien – und auf der anderen Seite der Mut und die Tapferkeit der Menschen, die trotzdem immer wieder auf die Straße gehen, die in ihren Unternehmen streiken oder sich öffentlich gegen den Machthaber Lukaschenko äußern: Das alles bewegt mich sehr. Da ich auch viele Freunde und Verwandte in Belarus habe, weiß ich, wie schwer dieser Kampf für jeden Einzelnen ist. Sie erzählen mir von Angst, von Frust, aber auch von einer großen Hoffnung, dass die ganzen Opfer diesmal wirklich nicht umsonst sind.

BT: Wie war es für Sie unter Lukaschenkos Willkürherrschaft zu studieren? Hat sich sein repressiver Regierungsstil auf die Lehre und ihr Leben ausgewirkt?
Zelenjuk: Die Auswirkungen seines Regierungsstils sind und waren in jedem Bereich spürbar, ob im Gesundheitswesen oder im Bildungssystem. Fast überall gilt das Prinzip: Darüber, was von oben befohlen wird, wird nicht diskutiert – auch wenn es sich um sinnlose Vorschriften handelt. Initiative war nicht erwünscht. Gleichzeitig hatte man an der Uni kaum Probleme, wenn man nicht in irgendeiner Form politisch aktiv war. Und das waren die meisten Belarussen tatsächlich bis Sommer 2020: Man arrangierte sich mit den Bedingungen und versuchte, das Beste daraus zu machen. Meine Eltern haben mir immer gesagt: Halte dich bloß raus aus der Politik! Man wusste immer, das kann einen den Studienplatz kosten, im schlimmsten Fall landet man sogar im Gefängnis. Andererseits: Wenn ich an mein Studium an der linguistischen Universität in Minsk zurückdenke, denke ich in erster Linie an viele großartige, engagierte Dozenten, denen ich begegnet bin.

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Die Polizei setzt einen Wasserwerfer gegen Demonstranten der Demokratiebewegung während einer Kundgebung in Minsk ein. Foto: Uncredited/AP/dpa

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Demonstranten mit Mund-Nasen-Schutz und historischen belarussischen Nationalfahnen nehmen an einem Protest der Opposition gegen die offiziellen Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen teil. Foto: Uncredited/AP/dpa

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Tausende Menschen, vor allem Senioren und Studenten, demonstrieren seit Monaten in Minsk. Die Demokratiebewegung in Belarus erhöht den Druck auf Machthaber Lukaschenko. Foto: AP/dpa

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Mehr als 100.000 Menschen haben am 23. Oktober ungeachtet des massiven Polizei- und Militäraufgebots den elften Sonntag in Folge in Belarus gegen Machthaber Lukaschenko protestiert. Foto: Uncredited/AP/dpa

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Bei einem „Marsch der Frauen“ haben Tausende gegen den umstrittenen Staatschef Lukaschenko demonstriert. Eine Frau hält ein Schild hoch, auf dem steht: „Seinetwegen begraben Mütter ihre Kinder“. Foto: AP/dpa

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In Belarus demonstrieren seit der umstrittenen Präsidentenwahl vom 9. August Zehntausende gegen den autoritären Staatschef Lukaschenko. Foto: AP Photo/TUT.by/dpa

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Friedliche Demonstranten werden von Polizisten zurückgedrängt. Trotz Gewaltandrohung haben Zehntausende Menschen in Belarus gegen den Langzeitpräsidenten Lukaschenko demonstriert. Foto: AP/dpa

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Eine Demonstrantin kniet vor belarussischen Bereitschaftspolizisten während eines Protestes in Minsk. Foto: AP/dpa

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BT: Alexander Lukaschenko ist seit 1994 an der Macht, warum gehen die Menschen gerade jetzt auf die Straße? Was hat das Fass zum Überlaufen gebracht?
Zelenjuk: Ich glaube, das ist ein Zusammenspiel von mehreren Faktoren. Proteste gab es auch früher schon. Für Lukaschenko war es aber jedes Mal ein leichtes Spiel, die Proteste mit Gewalt zu unterdrücken. In diesem Jahr sind die Menschen schon vor der Präsidentschaftswahl im August zusammengerückt, viele haben sich in Initiativgruppen der oppositionellen Kandidaten engagiert oder an Kundgebungen teilgenommen. Man hat gemerkt, wie viele es tatsächlich sind, die mit der Politik von Lukaschenko unzufrieden sind. Das absolut unglaubwürdige Wahlergebnis, die unzähligen Beweise der Wahlfälschung und die brutale Gewalt direkt nach der Wahl, am 9., 10. und 11. August, haben letztendlich das Fass zum Überlaufen gebracht. Es geht jetzt nicht mehr nur um den eigentlichen politischen Kurs, es geht um Menschenrechte, um Würde der Belarussen. Die Menschen fordern ein Ende der Polizeigewalt und der Foltern, die Freilassung aller politischen Gefangenen.

BT: In den Nachrichten und sozialen Medien ist immer wieder Polizeigewalt zu sehen. Es gibt auch Videos von Zivilpersonen, die von Vermummten in Vans gezogen werden. Machen Sie sich Sorgen um Familienangehörige und Freunde?
Zelenjuk: Das, was man in den Nachrichten sieht, passiert tatsächlich jeden Tag in Belarus. Auch wenn man nicht an Protestaktionen teilnimmt, läuft man immer Gefahr, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein und festgenommen zu werden. Ein Bekannter von mir wurde zu neun Tagen Haft verurteilt, weil er eines Abends an einer kleinen Nachbarschaftsaktion in seinem Wohnviertel teilgenommen hat. Die Menschen haben nur Kerzen in den Händen gehalten als Zeichen gegen Gewalt – und dafür wurde er verhaftet. Das Gesetz ist praktisch außer Kraft gesetzt. Natürlich mache ich mir Sorgen um Familie und Freunde. Einige verlieren langsam die Hoffnung und sehen keinen Ausweg mehr aus der Situation. Die meisten geben sich aber trotzdem kämpferisch.
Von meinen Freunden in Belarus weiß ich, dass sie sehr dankbar sind, wenn Menschen weltweit auf die Situation in Belarus aufmerksam machen – ob mit Posts in sozialen Netzwerken oder mit Solidaritätsaktionen. Das gibt ihnen Kraft und motiviert, nicht aufzugeben und weiterzukämpfen.

Vier Fragen an:“ ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.


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