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Unscheinbares von zentraler Bedeutung

Winterthur (hdf) – In der Sammlung Reinhart in Winterthur ist das Gemälde „Anbetung der Heiligen Drei Könige im Schnee“ zu sehen. Es verlagert die biblische Geschichte von Bethlehem in ein flämisches Dorf und lässt sie zum Randgeschehen werden.

Das Gemälde ist das erste der europäischen Kunst, auf dem es schneit. Foto: Sammlung Oskar Reinhart

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Das Gemälde ist das erste der europäischen Kunst, auf dem es schneit. Foto: Sammlung Oskar Reinhart

Die „Anbetung der Heiligen Drei Könige im Schnee“ von Pieter Bruegel dem Älteren ist ein Kleinod der Sammlung Reinhart. Das Winterthurer Museum – eines von vier Bundesmuseen der Schweiz – präsentiert es jetzt in einer kleinen Ausstellung.

Draußen, nur wenige Schritte im Nadelholz, an dessen Rand das Museum liegt, hat nahe einer Birkenlichtung jemand eine junge Fichte mit Weihnachtskugeln geschmückt. Eine regionale Gepflogenheit womöglich, von einem Wunder im Wald jedenfalls möchte der überraschte Spaziergänger nicht sprechen.

Ein Mirakel anderer Art erlebt er dafür in dem Museum selbst: ein kleines Wunderwerk der Kunst, Pieter Bruegels d. Ä. „Anbetung der Heiligen Drei Könige im Schnee“. Das Gemälde gilt als eines der Glanzstücke des Ausstellungshauses.

In der Sammlung Oskar Reinhart in Winterthur hat man um das kleine Format von 1563 herum die Ausstellung „Das Wunder im Schnee – Pieter Bruegel der Ältere“ gebaut. Natürlich kalkuliert die Schau mit dem jahreszeitlich passenden Inhalt des Bildes auf Weihnachten. Und das Kalkül geht ersichtlich auf. Aber vielleicht kommen die vielen Besucher auch noch anderer Schätze des formidablen Museums in der Villa am Römerberg wegen, die in einem angebautem Kunsttrakt präsentiert werden.

Mehr als 200 Gemälde umfasst die Sammlung – impressionistische Bilder überwiegend, darunter Spitzenwerke von Cézanne, Manet, Monet, Renoir und van Gogh. Und eben das Bruegel-Bild. Nicht von ungefähr ist das Museum mit der Kollektion Oskar Reinharts (1885-1965) eines von vier Schweizer Bundesmuseen.

Nicht nach Bethlehem führt uns Bruegel in dem Gemälde, sondern in ein flämisches Dorf. Ein Wintertag, die Dämmerung ist nicht fern, in einer figurenreichen Szene stapfen Menschen durch den Schnee oder stehen im Gespräch beisammen. Diagonal quert ein Menschenzug mit Mauleseln die Bildfläche. Doch wo ist der Stall mit der Heiligen Familie? Und wo sind die Heiligen Drei Könige? Das Auge muss suchen, ehe es fündig wird: versteckt am linken unteren Bildrand. Der Menschentross mit den Packtieren entpuppt sich als Entourage der morgenländischen Reisenden.

Biblische Geschichte nach Europa verlagert

Die Szene im Stall, das Sinnzentrum des Bildes buchstäblich als Randgeschehen? Ein kühner Zug, so wie die Verlagerung der biblischen Geschichte in europäische Breiten. Sie lässt sich als Aktualisierungsabsicht des heilsgeschichtlichen Geschehens deuten. Gezielt legt das Bild so falsche Fährten. Die Einsichten, die der Betrachter aus derartigen „Verfremdungseffekten“ ziehen könnte: Das bloße Sehen verbürgt die Wahrheit keineswegs. Was wichtig erscheint, kann nebensächlich sein, das Unscheinbare dagegen von zentraler Bedeutung. Man kann das als Plädoyer gegen die Erkenntniskraft des rein visuellen Eindrucks lesen.

Solche gedanklichen Subtilitäten waren Konversationsstücken zu Eigen, zu denen auch wohl „Anbetung der Heiligen Drei Könige im Schnee“ zu rechnen ist. Gebildeten Eliten lieferten sie Gesprächsstoff. Zu diesem Zweck wurden sie in Auftrag gegeben.

Andererseits denunziert das Bild das Sehen keineswegs. Die genaue Beobachtung, auf die Bruegel als Maler ersichtlich Wert legt, die fantastische Detailgenauigkeit und Lebensnähe seiner Schöpfungen weisen weit voraus, auf den Realismus des 19. Jahrhunderts. Als zukunftsweisend im Ausdruck künstlerischen Selbstbewusstseins ist auch der Umstand zu werten, dass Bruegel seine Bilder mit Signatur und Datum versieht.

Ungeheuer modern aber erscheint der bedeutendste flämische Maler der Renaissance in seinem Bildprogramm. Es räumt dem Besonderen und Einzelnen gegenüber dem Allgemeinen Vorrang ein. Dass er es – wie im konkreten Fall – im Geiste der Zeit, doch mit übergreifender Bedeutung, nämlich heilsgeschichtlicher Symbolik auflädt, entwertet die Beobachtung keineswegs.

Die Präsentation, nebenbei, ist dem geistigen Gehalt des Bildes gemäß. Nicht aufwendig wird das Gemälde inszeniert; eher unscheinbar ist es neben einem Durchgang platziert. Man könnte an der Preziose, buchstäblich, nichts ahnend vorbeigehen.

In Bruegels Epoche war dieses Bild überaus beliebt; Dutzende Repliken, einige stammen von Pieter Bruegel dem Jüngeren, seinem Sohn, zeugen davon. Es ist das erste Gemälde der europäischen Kunst, in dem es schneit! Nicht unwahrscheinlich, dass Bruegels Vorliebe für das Sujet Schnee mit dem veränderten Klima, der sich anbahnenden Kleinen Eiszeit, zu tun hat. Seine Artistik als Künstler aber bewährt sich nicht zuletzt darin, dass die im Allover fallenden Schneeflocken gleich der Brauntönung des Bildes über die atmosphärische Bedeutung hinaus eine vereinheitlichende und damit kompositorische Funktion haben.

Zu dem Gemälde gesellen sich Werke, die, beispielsweise, die Bedeutung der Jahreszeiten-Zyklen beleuchten – oder auch der Präsenz des flämischen Dorfs bei Bruegel. An einer Mediastation können an zwei Bildschirmen die Ergebnisse eingehender technischer Untersuchungen des Anbetungsbildes abgerufen werden, die 2019 durch ein internationales Forscherteam in Kooperation mit dem Kunsthistorischen Museum Wien ausgeführt wurden.

„Das Wunder im Schnee“ ist bis 1. März in Winterthur zu sehen.

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Erstellt:
4. Januar 2020, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 21sec

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