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Verschwörungstheorien: Zauber, der die Weltenteile zusammenhält

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Autor Wolfram Frietsch alle zwei Wochen philosophische Ansätze und Ideen vor. Dieses Mal geht es um Verschwörungstheorien.

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Von Wolfram Frietsch

Verschwörungstheorien haben große Ähnlichkeit mit religiöser Heilserwartung. Die Suche nach verborgenen Zusammenhängen ist Ausdruck einer Heilserwartung und der Sehnsucht, dass alles mit allem zusammenhängt, irgendwie. Und sie ist Ausdruck einer Sehnsucht nach Ordnung, einer universalen, kosmischen, göttlichen Ordnung. Wenn alles mit allem zusammenhängt, dann hat alles seinen Platz. Dann gibt es Gut und Böse, dann gibt es Richtig und Falsch. Dann gibt es Menschen, die es gut mit mir meinen und welche, die das nicht tun. Dann weiß ich, woran ich bin.

In den 1920er Jahren schrieb der Soziologe Max Weber: „Die Moderne ist entzaubert.“ Entzaubert meint nicht nur, dass sie offen vor uns liegt, sondern auch, dass wir ihre Ordnung nicht mehr so ohne Weiteres erkennen können, weil nicht mehr ein numinoses transzendentes Etwas der Welt Sinn verleiht.

Wir, die wir in der Moderne leben, sind Opfer dieser Entzauberung von Welt. Denn die Moderne verlangt von uns, Zersplitterung, Unvorhergesehenes oder Kälte und Disharmonie zu dulden beziehungsweise Chaos zu ertragen. Sie verlangt, dass wir es sind, die der Welt Sinn verleihen.

Jedoch, aus welchem Grund heraus? Haben wir nicht jenen transzendentalen Grund verloren, der sinnstiftend wirkt? Wir fühlen uns nicht sehr wohl in einer Welt, in der der Zauber fehlt. Möglicherweise wird deshalb nach einem verloren gegangenen Zauber gesucht, der die Weltenteile wieder zusammenführt. Kann eine Verschwörungstheorie demnach nicht Ausdruck einer Hoffnung sein, eine Ordnung wiederzufinden, die auf immer verloren schien?

Verschwörer argumentieren in Büchern, Schriften, Filmen oder Internetbeiträgen vernünftig – und hinterlassen dennoch einen Rest von Unbehagen. Ließe sich eine Verschwörungstheorie rein argumentativ offenlegen, vorausgesetzt diese Argumente wären hieb- und stichfest und für alle einsehbar? Wohl eher nicht.

Keine vernünftige Argumentationskette

Denn, und das ist das Tückische daran, immer, wenn eine Antwort gegeben wurde, kann sie mit dem gleichen Recht, wie es allen anderen Antworten und Erklärungen zusteht, angezweifelt werden. Das Rad beginnt sich von Neuem zu drehen. Mit vernünftigen Argumenten allein können Verschwörungstheorien also ebenso wenig belegt wie widerlegt werden. Zudem setzt eine Verschwörung geradezu die Nicht-Offenlegung ihrer Pläne voraus. Durch eine Argumentationskette, die gänzlich überzeugte, wäre der Verschwörungstheorie ihre Verschwörung genommen.

Eine Verschwörungstheorie benötigt demnach immer einen dunklen Rest: Irgendjemand hält etwas geheim, oder nur ausgewählte Personen verfügen über gewisse Informationen. Die Vernunft ist nur vorgeschoben, denn es lassen sich nie alle Argumente vernünftig offenlegen und nachvollziehen. Das wäre aber die Voraussetzung dafür, dass alles offen mit ausreichend Fakten unterstützt wird, dass etwas eben keine Verschwörungstheorie ist.

Es bleibt immer Unsicherheit zurück. Dieser Zwiespalt ist auch der Nährboden eines lapidaren, diffusen Feind-Schemas, das sich aus dunklen Ahnungen speist. Es liegt jedoch immer an uns, welchen Argumenten wir zugänglich sind. Vernünftig ist Verschwörung nie begründbar. Auch ist die Welt komplexer und vielgestaltiger, als dass sie sich auf eine simple Theorie reduzieren ließe. Und, uns allen zum Trost: Die Realität ist aufregend genug. Man muss sie nicht noch künstlich aufbauschen.

Literaturempfehlung: Michael Butter: „Nichts ist, wie es scheint.“ Über Verschwörungstheorien. Berlin 2018.

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Erstellt:
26. April 2020, 08:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 34sec

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