Vier Fragen an: Dominik Lucha

Baden-Baden/Berlin (marv) – Unter dem Stichwort „Was ihr nicht seht“ macht Dominik Lucha Rassismus sichtbar, der für viele Schwarze Menschen in Deutschland zum Alltag gehört.

Dominik Lucha will rassistische Vorfälle, die für viele Menschen in Deutschland Alltag sind, sichtbarer machen und Brücken für den Dialog bauen.  Foto: Divimove GmbH

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Dominik Lucha will rassistische Vorfälle, die für viele Menschen in Deutschland Alltag sind, sichtbarer machen und Brücken für den Dialog bauen. Foto: Divimove GmbH

Von Marvin Lauser

Beim Friseur, in der Schule oder der U-Bahn: Schwarze Menschen werden in Deutschland immer wieder rassistisch beleidigt. Um auf diesen Missstand aufmerksam und diese latente Menschenfeindlichkeit sichtbar zu machen, bietet der 29-jährige Dominik Lucha Betroffenen mit „Was ihr nicht seht“ eine Plattform. Dem Anfang Juni gegründeten Instagram-Account folgen mittlerweile fast 80.000 Menschen. BT-Onlineredakteur Marvin Lauser hat mit Lucha, der in Ravensburg aufgewachsen ist und in Berlin lebt, über sein Social-Media-Projekt und die Motivation dahinter gesprochen.

BT: Herr Lucha, wie sind Sie auf die Idee gekommen, Schwarzen Menschen, die Erfahrung mit Alltagsrassismus gemacht haben, mit „Was ihr nicht seht“ eine Plattform zu geben?

Dominik Lucha: Der Mord an George Floyd war auch für mich die Initialzündung, sich mit dem Thema erneut vermehrt auseinanderzusetzen. Ich habe mit vielen Leuten darüber geredet. Einige Menschen haben sich bei mir auch erkundigt und gefragt „Wie geht es dir?“ Das ist nett gemeint, aber nicht nur angenehm. Es war auch so, dass auf einmal alle über uns Schwarze Menschen statt mit uns geredet haben. Auf meiner Instagram-Seite habe ich angefangen, über das Thema zu berichten, habe zu Beginn das Video gepostet, auf dem der Mord an George Floyd zu sehen ist, und im Anschluss Infomaterialien zum Thema Rassismus geteilt und gutes Feedback darauf bekommen.

„Was wir erlebt haben, wissen viele sicher nicht“


Dann habe ich mich mit vier Freunden geschrieben und festgestellt: Krass, was wir erlebt haben, wissen viele sicher nicht, weil man es nicht sieht. Daher der Name „Was ihr nicht seht“. Ich will mit dem Projekt Menschen zum Nach- und Umdenken bringen. Auch ich selbst bekomme ja nicht alle Erfahrungen von anderen Menschen mit. Viele Schwarze Menschen, die hier in Deutschland in einer weißen Mehrheitsgesellschaft leben, merken durch das Projekt: „Ich bin nicht allein mit meinen Erfahrungen“. Erst hatte ich überlegt, diese Erfahrungen auf meiner eigenen Instagram-Seite zu teilen. Ich habe dann aber gemerkt: Nein, das braucht einen eigenen Platz, das muss von meiner Person getrennt einen eigenen Ort haben. Und den habe ich mit „Was ihr nicht seht“ geschaffen. Ich habe nie explizit dazu aufgerufen, Erlebnisse und Schilderungen bei mir einzureichen. Das ging von selbst.

BT: Sind Sie von der Resonanz auf ihr Social-Media-Projekt überrascht?
Lucha: Ich habe einfach nicht damit gerechnet. Ich berühre viele Menschen damit. Das ist beeindruckend. Ich hätte nicht gedacht, dass es so explodiert und so brutal wächst. Ich hatte es zu Beginn einer Freundin von mir geschickt, die einen recht großen Account hat, und einem Bekannten von mir, die haben es dann gleich am ersten Tag geteilt. Am 3. Juni, mittwochmittags, hatte ich die Idee. Dann habe ich mit anderen darüber gesprochen und am Abend zu meiner Freundin gesagt: „Du, ich habe da eine Idee. Ich glaube, das könnte sehr gut funktionieren.“
Vier Stunden hat es gedauert von der Idee bis zu den ersten neun Postings. Innerhalb von 48 Stunden hatte die Seite dann 5.000 Follower. Ich habe auf jeden Fall viel, viel mehr Menschen erreicht, als ich eigentlich gedacht hatte. In der vergangenen Woche beispielsweise habe ich gar nicht gewusst, was los ist. Da hatte Palina Rojinski eine meiner Kacheln in ihrer Story gepostet, aber mich nicht separat getagged, sodass es mir nicht aufgefallen ist und ich mich über die plötzliche Resonanz gewundert habe.

Ein Kanal, der den Menschen die Augen öffnet

Bezogen auf die Resonanz finde ich es sehr schön, was so zurückkommt. Viele Leute schreiben mir, dass es ihnen zum ersten Mal die Augen öffnet. Dass ihnen eigene Fehler klar werden. Das finde ich schön, dass der Kanal das erreichen kann. Der von mir geschaffene Kanal sollte aber nur der Anfang sein, um sich im nächsten Schritt mit Werken von Menschen auseinanderzusetzen, die sich schon lange professionell mit dem Thema Antirassismus auseinandersetzen. Man kann dann zum Beispiel Tupoka Ogettes Buch „Exit Racism“ lesen oder anzuhören.

Lucha war es im BT-Gespräch wichtig, zu betonen, dass er kein Rassismus-Experte ist. „Es gibt viele großartige Menschen wie Alice Hasters, Natasha A. Kelly, Peggy Piesche, Fabienne Sand oder Noah Sow, die sich vor mir schon seit Jahren mit dieser Thematik beschäftigen und tolle Bücher geschrieben haben, wie „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“,„Deutschland Schwarz Weiß: Der alltägliche Rassismus“ oder „Die 101 wichtigsten Fragen – Rassismus“ von Susan Arndt.“

BT: Wie viel Zeit investieren Sie in „Was ihr nicht seht“?
Lucha: Am Anfang war es besonders anstrengend. Da hatte ich keine Zeit, die Kommentare zu lesen, weil ich mich vor allem um die Nachrichten gekümmert habe. In der Inbox stand immer, sie haben „99+“ neue Nachrichten. Ich kann leider nicht sagen, wie viele Nachrichten ich insgesamt bekommen habe.

In dieser Woche habe ich auch schon mal sechs Stunden geschlafen, das war das längste in den vergangenen sechs Wochen. Ansonsten habe ich die meisten Nächte nur drei bis vier Stunden gepennt. Oft war ich wach und habe Nachrichten gelesen und beantwortet. Zurzeit lasse ich im Vergleich zu dieser intensiven Zeit mit wenig Schlaf am Anfang ein bisschen nach (schmunzelt). Also ich erlaube mir, ein bisschen nachzulassen.

„Eigentlich könnte ich ein ganzes Buch schreiben“

Es gilt auch nicht die Regel: eine Person, eine Geschichte. Manche schicken mir auch einen ganzen Stapel an Situationen, in den sie Alltagsrassismus erleben mussten. Andere schicken eine einzelne Geschichte, die aus ihrer Sicht die schlimmste oder am kürzesten zurückliegende ist. Einige sagen aber auch: „Eigentlich könnte ich ein ganzes Buch darüber schreiben.“ Interessanterweise sind die Geschichten sich auch oft ähnlich. Man kann sie also nicht als Einzelfälle abtun. Es gibt viele Parallelen. Man kann viele Cluster bilden. Zum Beispiel Vorfälle im Arbeitskontext, in der Schule oder an der Universität und beim Ausgehen. Sehr viele Schwarze Menschen schreiben mir: „Das habe ich noch nie jemandem erzählt.“ Das finde ich sehr berührend, und ich kann es auch sehr gut nachvollziehen, weil es total unangenehm ist und es eigentlich auch nichts ist, was man machen müssen sollte. Darum ist auch der Kanal etwas Neues, weil viele zum allerersten Mal die Möglichkeit haben, ihre Erlebnisse anonym zu schildern. Das mehrere das gleiche schreiben und das viele auch schreiben, dass es hilfreich für sie ist zu sehen, dass es vielen anderen Schwarzen Menschen in Deutschland auch so geht. Viele versuchen sich einzureden: „Das war jetzt nicht so schlimm. Das ist mir jetzt einmal passiert ...“ Durch die Botschaften erkennen viele erst: Nein, da ist System dahinter.

BT: Wie geht es jetzt weiter? Wo kann es hingehen?
Lucha: Ich finde, wir stehen erst am Anfang. Ich habe mit meinem Account quasi einen Startschuss für viele gegeben, sich mit dem Thema Antirassismus zu beschäftigen. „Was ihr nicht seht“ macht Alltagsrassismus anschaulich. Mir ist es aber sehr wichtig, dass die Erlebnisse in den Kommentaren nicht infrage gestellt werden. Das habe ich in den Nachrichten auch wieder festgestellt, dass vielen, die von solchen Erfahrungen berichten, nicht geglaubt wird, sondern dass erst mal relativiert wird und die Erfahrungen den Menschen abgesprochen werden. Man erkennt auch, dass dies systematisch passiert, die Menschen berichten von ihren Erlebnissen und müssen dann hören, sie seien zu empfindlich, und der Gegenüber habe das bestimmt nicht so gemeint. Diese Negation von Rassismuserfahrungen wird auch Gaslighting genannt. Das ist quasi die unterste Ebene, und auf diesem Nährboden baut sich das rassistische Denken dann bewusst oder unbewusst auf. Das Ziel hinter meinem Projekt ist es eigentlich, dass die Menschen beginnen, bereits ihre Kinder antirassistisch zu erziehen, dass es später auch einmal Auswirkungen hat und wir gemeinsam an einer besseren Zukunft bauen. Schön wäre es in Zukunft auch, antirassistische und Empowerment-Workshops anzubieten, die von Expertinnen geleitet werden. Es reicht nicht, zu sagen, man sei kein Rassist oder keine Rassistin. Wir müssen zu Antirassisten werden.

„Vier Fragen an:“ ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.


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