Vier Fragen an „Tatort“-Forscher Stefan Scherer

Karlsruhe (ml) – Der „Tatort“ wird 50. Und ist noch immer nicht in die Jahre gekommen. Der Karlsruher Professor und „Tatort“-Forscher Stefan Scherer erklärt, warum das so ist.

Ganz nah dran: Stefan Scherer bei einem „Tatort“-Dreh am KIT mit Darstellerin Ulrike Folkerts. Foto: Lydia Albrecht/KIT

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Ganz nah dran: Stefan Scherer bei einem „Tatort“-Dreh am KIT mit Darstellerin Ulrike Folkerts. Foto: Lydia Albrecht/KIT

Von Markus Langer

Was 1970 mit dem „Taxi nach Leipzig“ begann, ist längst Kult. Der Mord zum Sonntag ist auch nach fünf Jahrzehnten in der Regel ein Quotenbringer; der „Tatort“ der ARD nicht nur die älteste, sondern nach wie vor eine der erfolgreichsten Krimireihen im deutschen Fernsehen. Am heutigen Sonntag (29. November) feiert sie ihren 50. Geburtstag – mit einem Zweiteiler. Stefan Scherer schaut genau hin, der Professor für Neuere Deutsche Literatur am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist einer der führenden „Tatort“-Forscher in Deutschland. BT-Redakteur Markus Langer hatte vier Fragen an ihn.

BT: Herr Scherer, das Spektrum der Filme ist breit gefächert und reicht vom Zombie- über den Actionfilm oder das Kammerspiel bis hin zur Krimikomödie. Was macht einen TV-Krimi zum „Tatort“?

Stefan Scherer: Also zunächst einmal, dass er ein Krimi ist. Zum Krimi wird er, weil es in der Regel um ein Kapitalverbrechen geht, also Mord. Nach einem Todesfall treten dann Kommissare in Aktion. Um diese Handlung herum kann dann alles Mögliche gebastelt werden, in Münster setzt man eher auf Komik, in Dortmund auf härtere Fälle. Was den „Tatort“ von anderen Krimireihen unterscheidet, ist sein Format. Es ist eine Reihe, die aus Einzelserien besteht. Sie ist, wie die Bundesrepublik, föderalistisch organisiert. Jede Landesrundfunkanstalt organisiert autonom, also ohne Vorgaben der ARD, für sich Serien. Die unterscheiden sich voneinander in ihren Konzepten, weil sich jeder Sender vom anderen abheben will, indem er Serien mit originellen Ermittlern und mitunter auch mit einer originellen Dramaturgie, Bildästhetik machen will oder auch mit Genres spielt. Es ist einzigartig, dass unter dem „Tatort“-Dach diese Vielseitigkeit betrieben wird. Von Beginn an gehört auch das Regionale mit zum Konzept, im Grunde geht es auch um Landeskunde als Thriller. „Tatort“-Erfinder Gunther Witte wollte den Zuschauern auch die Lebensverhältnisse in den verschiedenen Bundesländern zeigen.

Das Spiel mit den Genres

BT: Wie haben sich die Filme in den vergangenen fünf Jahrzehnten entwickelt, inhaltlich und künstlerisch? In Richtung Kinofilm?

Scherer: Ja, das ist seit den 90er Jahren der Fall. Seither kann man im „Tatort“ die Möglichkeiten des Kinofilms nutzen, weil durch die großen Flachbildschirme nun ein virtuelles Erlebnis möglich wird, das vorher in den kleinen Fernsehgeräten nicht funktionierte. Aber der „Tatort“ hat das Spiel mit den Genres schon immer betrieben, zunächst eben mit den begrenzten Möglichkeiten einer Fernsehfilm-Produktion.

BT: Welche Themen eignen sich für einen „Tatort“ – und gibt es da auch Tabus?

Scherer: Alle Themen eignen sich. Etwa Familienkonflikte in den 70er Jahren, Umweltverschmutzung, Künstliche Intelligenz, die Präsenz des Nationalsozialismus in Familienhistorien, Rechtsradikalismus oder auch Kindesmissbrauch. Ein Tabu gibt es, das ist der Linksterrorismus der RAF. Der „Tatort“ behandelt ja immer das Für und Wider von Sachverhalten, etwa von Gentechnik oder Künstlicher Intelligenz. Die Aufarbeitung des RAF-Terrorismus ist noch immer ein stark vermintes Terrain, auf dem man schnell in den Verdacht geraten kann, ein Sympathisant zu sein. Es gab auch einen Aleviten-Tatort, der verboten wurde. Weil sich die Glaubensgemeinschaft problematisch dargestellt fühlte, landete die Folge im Giftschrank.

Der Germanistik-Professor Stefan Scherer nimmt die Folgen gerne genau unter die Lupe. Foto: Martin Lober/KIT

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Der Germanistik-Professor Stefan Scherer nimmt die Folgen gerne genau unter die Lupe. Foto: Martin Lober/KIT

BT: Können Sie selber am Sonntagabend entspannt einen „Tatort“ ansehen, nur als Zuschauer? Oder sezieren Sie den gleich?

Scherer: Ich schaue ihn mir zunächst einmal eher entspannt an, aber immer auch mit einem professionellen Blick. Wenn ich eine Folge spektakulär oder klasse fand oder ich sie nicht ganz verstanden habe, dann kann ich sie mir gleich wieder anschauen. Das passiert dann aber eher mit einem sezierenden Blick. Ich bin mir nicht ganz sicher, glaube aber, dass ich alle Folgen gesehen habe.

Vier Fragen an:“ ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.

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Anlässlich der 1.000 Tatort-Folge hat BT-Redakteur Christian Rapp 2016 bereits Stefan Scherer interviewt. Eine angepasste Form des Gesprächs können Sie hier lesen.

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Erstellt:
29. November 2020, 06:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 05sec

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