Vier Fragen an: Wolfgang Reiner

Baden-Baden (naf) – Der Vorsitzende des Landesverbands der Gehörlosen, Wolfgang Reiner, berichtet Volontärin Nadine Fissl von seinen Erfahrungen als gehörloser Mensch während der Mundschutzpflicht und dem wachsendem Informationsbedürfnis durch die Corona-Krise.

Für den 53-Jährigen ist es eine Sache der Solidarität, dass er seinen Mundschutz trägt, auch wenn er es nicht müsste. Foto: Landesverband der Gehörlosen

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Für den 53-Jährigen ist es eine Sache der Solidarität, dass er seinen Mundschutz trägt, auch wenn er es nicht müsste. Foto: Landesverband der Gehörlosen

Von Nadine Fissl

BT: Herr Reiner, wie stark wurde Ihre Kommunikation durch den Mundschutz eingeschränkt, da das Lippenlesen dadurch unmöglich wird?

Wolfgang Reiner: Der Mundschutz verschärft die Kommunikationsprobleme zwischen Gehörlosen und Hörenden ohne Gebärdensprachkenntnisse nochmal zusätzlich. Gehörlose Menschen können allerhöchstens 30 Prozent der gesprochenen Sprache von den Lippen ablesen. Kommunikationsbarrieren gab es also auch schon vor der Maskenpflicht. Jetzt ist die Situation natürlich noch schwieriger. Langfristig würde es helfen, wenn mehr Menschen zumindest Grundkenntnisse in Deutscher Gebärdensprache hätten.

Ich persönlich habe beim Einkaufen keine größeren Probleme. Ich gehe in meine Stammgeschäfte. Dort kennen mich die Verkäufer. Sie sind sehr geduldig und benutzen non-verbale Kommunikation. Falls die Kommunikation schwierig ist, nehmen sie manchmal kurz die Maske ab, natürlich mit ausreichend Abstand. Aber ich fordere natürlich niemanden auf, die Maske abzunehmen. Wir alle wollen unseren Beitrag leisten, dass sich das Virus nicht so schnell verbreitet.

BT: Auch wenn bei der Gebärdensprache mit Händen gesprochen wird, drückt man Gefühle durch Mimik aus – wie stark erschwert die Maskenpflicht auch die Kommunikation zwischen Gehörlosen?

Reiner: Ja, Mundbild und Mimik sind wichtige Bestandteile der Gebärdensprache, neben den Gebärden, die mit den Händen ausgeführt werden. Bei gehörlosen Menschen untereinander, die in Gebärdensprache kommunizieren, gelingt die Kommunikation aber normalerweise auch mit einem Mund-Nasen-Schutz. Wenn es Unklarheiten gibt, können wir das Fingeralphabet verwenden, um etwas zu buchstabieren.

BT: Es wurden auch einige Erfolge bezüglich der kommunikativen Barrierefreiheit erzielt. Würden Sie sagen, dass die Corona-Krise und die wichtigen Informationen diesbezüglich diese Erfolge beschleunigt haben?

Reiner: Durch die Corona-Pandemie wurden die Barrieren, mit denen gehörlose Menschen in den verschiedensten Bereichen ihres Lebens konfrontiert sind, besonderes offensichtlich, das glaube ich schon. Nun wurden Maßnahmen umgesetzt, die Gehörlosen-Verbände schon seit langer Zeit fordern. Für die Gehörlosen in Baden-Württemberg ist es ein großer Erfolg, dass die Pressekonferenzen der Landesregierung und die Pressestatements von Ministerpräsident Kretschmann nun seit einigen Wochen durch Gebärdensprachdolmetscherinnen gedolmetscht werden. Gehörlose Menschen haben das Recht, Informationen zur gleichen Zeit zu erhalten wie hörende Menschen. Gerade in dieser Pandemie, in der es ständig neue Informationen und Maßnahmen gibt. Gut informiert zu sein, kann lebenswichtig sein.

Außerdem wurde mittlerweile ein Videochat eingerichtet. Auch eine unserer Forderungen. Für hörende Menschen gibt es ja jede Menge Hotlines, bei denen sie sich über verschiedene Themen rund um das Corona-Virus informieren können. Nun gibt es auch für gehörlose Menschen, die Möglichkeit, ihre persönlichen Fragen in Gebärdensprache zu stellen. Es gibt also einige positive Entwicklungen in Bezug auf die Barrierefreiheit. Wir hoffen, dass die auch bestehen bleiben, wenn die Corona-Pandemie abklingt.

BT: Menschen mit Hörbehinderungen sind von der Maskenpflicht ausgenommen. Was für Erfahrungen haben Sie gemacht, wenn Sie an Orten, wo eine Pflicht besteht, keine Maske getragen haben?

Reiner: Ich nehme die Maske an den Orten, an denen Maskenpflicht besteht, nicht ab. Ich möchte ja auch meinen Beitrag leisten zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Auch wir als Landesverband haben unsere Mitglieder dazu aufgefordert, die Masken zu tragen und nur, wenn es in der Kommunikation nicht anders geht, die Masken kurz abzusetzen. Das ist auch eine Frage der Solidarität.

Weitere Informationen finden Sie auf der Homepage des Landesverbands der Gehörlosen Baden-Württemberg auf dessen Sonderseite tagesaktuell auf Informationen in Deutscher Gebärdensprache verwiesen wird.

„Vier Fragen an:“ ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.

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Erstellt:
17. Mai 2020, 06:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 52sec

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