WM-Tränen zu Ostern 2020

Baden-Baden (tr) – Es sind die kleinen Momentaufnahmen des Lebens: Kurioses, schönes, ärgerliches. „Lebensnah“ schreibt BT-Redakteur Thomas Riedinger diese Woche über sein WM-Erlebnis in Corona-Zeiten.

Momentaufnahmen aus dem Alltag der BT-Redakteure sind unter der Rubrik „Lebensnah“ zu finden. Grafik: stock-adobe.com/Badisches Tagblatt

Momentaufnahmen aus dem Alltag der BT-Redakteure sind unter der Rubrik „Lebensnah“ zu finden. Grafik: stock-adobe.com/Badisches Tagblatt

Von Thomas Riedinger

Bei einem Sketch von Loriot zu lachen, obwohl man ihn gerade zum zehnten Mal anschaut, verstehen nicht viele Menschen – auch nicht meine Frau. Dass man bei der Begegnung von „Sissi“ mit ihren Kindern auf dem Markusplatz in Venedig feuchte Augen hat, vielleicht schon mehr Zeitgenossen. Mit Blick auf einen anderen Film-Klassiker und den Untergang der „Titanic“ hoffe ich immer wieder, dass der Offizier an Deck doch den Eisberg rechtzeitig erkennen möge.

Zu Ostern nun zeigte die ARD – in Ermangelung anderer Sportereignisse – das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft vom 13. Juli 2014: Man hatte sich angesichts eines besonderen Osterfests wohl bewusst diese Partie ausgesucht: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zeigte eines ihrer besten Spiele überhaupt, am Ende der Partie durfte Kapitän Philipp Lahm den Pokal in den Himmel von Rio de Janeiro recken.

Vor sechs Jahren war ich im Kreise meiner Fangemeinde zu aufgeregt, um Details wahrzunehmen: So regte ich mich eben zu Ostern 2020 über die vom italienischen Schiedsrichter nicht geahndeten Fouls der Argentinier an Klose, Müller und Co. auf. An das Blut im Gesicht von Bastian Schweinsteiger konnte ich mich noch erinnern – auch an den Umstand, dass sich Christoph Kramer noch während des Spiels an überhaupt nichts mehr erinnern konnte und er Referee Nicola Rizzoli fragte, ob das denn wirklich das WM-Finale sei?

Der Einwechslung André Schürrles für den benommenen Kramer folgte ein Wechsel des Systems von 4-3-3 auf 4-2-3-1. Solche Details interessieren nun wirklich nur eingefleischte Fußballer – jedoch erinnern sich auch Laien wie meine Frau, dass Schürrle in der 113. Spielminute nach innen flankte, wo der ebenso eingewechselte Mario Götze das „Tor des Tages“ erzielte. Ich ging nur wenige Tage später mit dem DFB-Trikot und Götzes Schriftzug auf dem Rücken stolz in Urlaub, kaufte mir auch – nicht nur aufgrund des genialen taktischen Schachzugs – ein schwarzes Hemd im Stil von Jogi Löw.

Trotz dieses nie vergessenen WM-Triumphes kauerte ich an jenem Karsamstag 2020 vor dem TV-Gerät, litt mit Schweinsteiger und jubelte mit Götze. Und ich war erst beruhigt, als mein Fußball-Gott Lionel Messi in der dritten Minute der Nachspielzeit einen Freistoß über das Tor setzte, Rizzoli das Spiel beendete – und ich ohne Groll zwei Tage später stolz nach Italien starten konnte.

Bei der Siegerehrung hatte ich sechs Jahre nach dem Gewinn dieses Titels – wie bei „Sissi“ – Tränen in den Augen.Schließlich war ich froh, dass sich die ARD nicht für das Knock-out-Spiel bei der jüngsten Weltmeisterschaft entschieden hatte. In Zeiten von Corona wäre das nur schwer zu ertragen gewesen. Ostern mit einem WM-Erlebnis hat schon was, auf Spiele im Advent in der Wüste von Katar kann ich dennoch getrost verzichten.


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