Wartezimmer der Therapiepraxen sind leer

Rastatt (naf) – Heilmittelerbringern fehlt die Arbeit – ihre meist älteren Patienten haben Angst. Der Verband der Ergotherapeuten fordert nun, dass die Ausfälle ausgeglichen werden.

Die Älteren haben Angst: Ergotherapeutin Miriam Rapp behandelt aktuell fast nur noch Kinder. Symbolfoto: Metzger/dpa

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Die Älteren haben Angst: Ergotherapeutin Miriam Rapp behandelt aktuell fast nur noch Kinder. Symbolfoto: Metzger/dpa

Von Nadine Fissl

„Die Patienten, bei denen die Behandlung wirklich nötig ist, haben Angst zu kommen.“ Während Miriam Rapp vor einem Monat noch eine volle Arbeitswoche hatte, behandelt sie ihre übrig gebliebenen Patienten mittlerweile nur noch an zwei Tagen die Woche. Die Ergotherapeutin aus der Therapiepraxis Heim in Durmersheim kommt „trotz aller Maßnahmen mit einem unguten Gefühl zur Arbeit“.

Sie habe Verständnis für alle älteren Leute, die einen Praxisbesuch vermeiden wollen. Trotzdem weiß sie, dass viele aus gesundheitlichen Gründen dazu gezwungen sein werden, sich bald wieder behandeln zu lassen. Ergotherapeuten gehören wie Physiotherapeuten, Podologen und Logopäden zu den Heilmittelerbringern und sind laut Land systemrelevant – die Praxen bleiben offen.

Krankenkassen sollen Ausfall ausgleichen


Dass ihre Wartezimmer trotzdem leer bleiben, ist für Rapp „logisch“ – 80 Prozent ihrer Patienten gehören zur Risikogruppe. Ein Problem, mit dem nicht nur die Therapiepraxis Heim zu kämpfen hat. Der Umsatzausfall treibe die Heilmittelerbringer an den Rand des Ruins, berichtet auch Andreas Pfeiffer, Vorsitzender des deutschen Verbands der Ergotherapeuten. Die meisten Praxen hätten keine großen Rücklagen, darum sei ihre Existenz in Gefahr. „Und wir brauchen sie – gerade jetzt“, erklärt Pfeiffer. Selbst zu normalen Zeiten sei die Nachfrage so groß, dass Wartelisten geführt werden müssen. Wenn wegen des überlasteten Gesundheitssystems nun beispielsweise OP-Termine verschoben werden, dienen die Therapeuten als ambulante Unterstützung: „Sie entlasten das ärztliche System.“

Deshalb wären Praxisschließungen „absurd“, so Pfeiffer. Diese werden vereinzelt zwar gefordert, aber nur, weil die Regierung den Therapeuten dann den Ausfall erstattet. Die im Rettungsschirm bereits verkündeten Einmalzahlungen nennt er einen „Tropfen auf dem heißen Stein“. Nur für kleinere Heilmittelpraxen gibt es bisher Einmal-Zuschüsse von 9000 Euro beziehungsweise 15000 Euro. Wenn sich die Situation nicht schnell ändere, seien Praxen gezwungen zu schließen, die nach der Krise dringender denn je gebraucht werden. Darum fordert der Verband klar: Genau wie bei Ärzten, sollte der Ausfall von den Krankenkassen ausgeglichen werden. Es ginge zwar um sehr viel Geld, die Kassen hätten aber Zustimmung signalisiert, wie Pfeiffer weiter erzählt.

Dieser Tage seien sie „außerordentlich kooperativ“. Vieles worüber jahrelang diskutiert wurde, ist in wenigen Wochen möglich gemacht worden. Einen gewaltigen Schritt kann zum Beispiel die Behandlung über Onlinemedien verzeichnen. Für ihn ist das ein weiterer Grund gegen Schließungen: „Alle ziehen mit.“ Umso größer ist das Unverständnis darüber, dass eine Regelung vonseiten der Regierung ausbleibt.

Wasser und Seife statt Desinfektionsmittel


Was den Heilmittelerbringern ebenfalls Kopfschmerzen bereitet, ist der fehlende Zugang zu Schutzmaterialien. „Das ist ein Problem“, so Pfeiffer. Handschuhe, Mundschutz und Desinfektionsmittel werden immer knapper. Auch Miriam Rapp kann das bestätigen. Um Desinfektionsmittel zu sparen, reinigt sie alles Mögliche mit Wasser und Seife. Pfeiffer fordert, dass die kommunalen Gesundheitsämter beim Verteilen von Schutzutensilien auch an Praxen denken.

Unter den jetzigen Umständen arbeiten Therapeuten wie Miriam Rapp mit einem schlechten Gefühl und darum nur „aus der Überzeugung“, dass sie von ihren Patienten gebraucht werden, weiter. Es muss sich etwas ändern, sagt Pfeiffer mit Nachdruck, „sonst sind wir bald im Dilemma“.


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