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Wenn die Erinnerung an „damals“ wieder hochkommt

Baden-Baden (vn) – „Wir haben schon ganz andere Sachen durchgemacht“: viele der heute über 80-Jährigen haben ihre eigene Art mit der Virus-Bedrohung umzugehen.

Die alte Hansestadt Wesel kurz nach Kriegsende: In der Mitte der Willibrordi-Dom, im Hintergrund der Rhein. Zu erkennen sind die zerstörte Eisenbahnbrücke und zwei Pontonbrücken. Foto: Imperial War Museum London

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Die alte Hansestadt Wesel kurz nach Kriegsende: In der Mitte der Willibrordi-Dom, im Hintergrund der Rhein. Zu erkennen sind die zerstörte Eisenbahnbrücke und zwei Pontonbrücken. Foto: Imperial War Museum London

Von Volker Neuwald

Wer sich in diesen Tagen – mit dem gebotenen körperlichen Abstand selbstverständlich – mit über 80-Jährigen über die Corona-Krise unterhält, erlebt mitunter eine fast schon trotzige Gelassenheit. „Wir stehen das durch“, heißt es dann bei den Senioren, „wir haben schon ganz andere Sache durchgemacht, damals“. Dieses Wörtchen ist die Chiffre für jene Zeit, als Deutschland am Abgrund stand: für das Jahr 1945, das Kriegsende, die Stunde Null, den täglichen Kampf ums Überleben. Doch lassen sich diese beiden historischen Zäsuren – die Corona-Krise 2020 und das Ende des Zweiten Weltkriegs in Mitteleuropa vor 75 Jahren – miteinander vergleichen?

Auf den ersten Blick erscheint das absurd. Die Deutschen sind heute – im statistischen Durchschnitt – so vermögend wie nie zuvor in ihrer Geschichte. Das Land ist nicht zerbombt und zerstört. Es ist nicht von anderen Staaten bedroht oder besetzt. Das Gesundheitswesen funktioniert trotz der großen Herausforderungen, es ist eines der besten der Welt. Das föderale System der Bundesrepublik wird vom Virus zwar gehörig unter Stress gesetzt, aber es erweist sich als stabil und handlungsfähig. Kein Vergleich zum Frühjahr 1945, als die Nazi-Diktatur das Volk nicht nur in den moralischen Bankrott getrieben hatte, sondern es auch noch bis zum Ende kämpfen und leiden ließ. Damals musste jeder zunächst an das eigene Überleben denken, heute wächst die Solidarität im Zeichen der gemeinsamen Bedrohung. Und schließlich muss im Jahr 2020 niemand mehr mit dem Bollerwagen über Bauernhöfe tingeln, um von den Bauern etwas Essbares zu erbetteln.

„Vergleiche hinken, deshalb sollte man sie besser lassen“, warnt Alfons Pieper im „Blog der Republik“. Die aktuelle Ausnahmesituation mit dem Satz „Es ist wie im Krieg“ zu unterstreichen, sei unangemessen: „Was uns alles noch bevorsteht, mag schlimm sein. Aber der Krieg ist die Hölle. Man frage die wenigen, die ihn mitgemacht haben und heute noch leben“, so der frühere stellvertretende Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) unter einem Bild des völlig zerstörten Köln im März 1945.

Und doch erleben die Deutschen, zumindest im Westen, „erstmals nach 1945 ihre Verletzlichkeit“, stellt der Historiker und Politikwissenschaftler Ansgar Graw im Online-Magazin „The European“ fest: „Die aktuelle Pandemie stellt das Leben der Älteren und derjenigen mit Vorerkrankungen sehr real infrage – und die wirtschaftliche Existenz von nahezu jedem.“

Gesundheitskrieg gegen die Pandemie

Also doch Krieg? Die Rhetorik des französischen Präsidenten Emmanuel Macron bei seinem Fernsehauftritt am 16. März scheint das nahe zu legen. „Nous sommes en guerre“ predigt er mit Pathos, welche gravierenden Maßnahmen zur Eindämmung des Virus notwendig sind. Er spricht vom einem „guerre sanitaire“ – einem Gesundheitskrieg gegen die Covid-19-Pandemie. Botschaft und Performance Macrons fallen aber auseinander, analysiert Rüdiger Schaper im „Tagesspiegel“: „Die Nation muss in einen Krieg, aber ganz ohne sympathische Wackler brachte das ihr junger – und von vielen Franzosen verachteter – Anführer nun nicht heraus.“

Ganz anders die deutsche Kanzlerin Angela Merkel. Sie hat keine ähnlich prägnante Formel wie Macron parat, am ehesten noch: „Es kommt auf jeden an.“ Oder: „Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst.“

Gleichwohl wirkt auch Merkels überwiegend gelobte Rede auf den Bildschirmen nicht kühl, im Gegenteil, so Schaper: „Hinter ihrer Maskenhaftigkeit ist Erschütterung zu spüren. Und zwischen den Sätzen kündigen sich noch härtere Maßnahmen an.“ Wie die meisten Deutschen erlebe Merkel eine solche umfassende Krise zum ersten Mal, „was sich in ihrem schiefen und beunruhigenden Vergleich mit dem Zweiten Weltkrieg zeigt“. Den zieht sie ziemlich am Anfang ihrer 13-minütigen Ansprache: „Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt.“

Doch es ist offenbar genau dieser Vergleich mit „damals“ gewesen, der in der Generation der Flakhelfer und Kriegskinder stärksten Eindruck hinterlassen hat. Man muss sich in die Hochbetagten hineinversetzen, um das zu verstehen. Man muss ihnen dann zuhören, wenn sie zu erzählen beginnen.

Bombenexplosion hinter dem Kinderbett


„Wir haben als Kinder oder Jugendliche den Zweiten Weltkrieg miterlebt und wurden dazu erzogen, unserem Körper keine Schwäche zuzugestehen“, meint Helmut Radebold im Magazin „Spiegel“. Der 84-Jährige gilt als Begründer und Nestor für die Psychotherapie Älterer und begründet mit diesem Erziehungsideal im Übrigen auch den vermeintlichen Starrsinn seiner Generation. „Wer am eigenen Leib erlebt hat, dass er schlimmsten Hunger, Bombenangriffe und eisige Kälte überstehen kann, hält Prävention für eher verzichtbar.“

Die sehr oft traumatischen Erlebnisse von damals sind nie von Psychologen aufgearbeitet worden. Diese tief begrabenen Erinnerungen kommen jetzt wieder hoch, angesichts der sich ständig überbietenden Horrornachrichten über das Coronavirus.

Vererbte Wertgegenstände und alte Fotografien sind für die Senioren ein Fenster in die Vergangenheit. Foto: Jens Schierenbeck/dpa/gms

© dpa

Vererbte Wertgegenstände und alte Fotografien sind für die Senioren ein Fenster in die Vergangenheit. Foto: Jens Schierenbeck/dpa/gms

„Ich war noch sehr jung, als ich begriffen habe, dass irgendetwas nicht stimmte. Wir waren mit vier Kindern zuhause. Meine Eltern waren oft traurig“, erinnert sich eine heute 81-jährige Frau, die erstmals öffentlich über ihre Kindheit in einem kleinen Dorf am Niederrhein berichtet. „Mitten in der Nacht gingen die Sirenen los, es war ein schlimmes Geheule. Wir wurden geweckt und mussten rüber zum Nachbarn in den Keller. Dann wurde geschossen, es fielen viele Bomben. Hinter meinem Kinderbett ist eine davon explodiert. Wir waren aber zu dem Zeitpunkt nicht im Raum und hatten Glück.“ Kaum sechs Jahre alt geworden, geriet das Mädchen Mitte März 1945 in die britische Offensive auf den Brückenkopf bei Wesel. „Deutsche Soldaten hatten sich bei uns im Keller hinter Matratzen versteckt. Dann kamen Engländer mit Pistolen. Wir mussten uns in einer Reihe aufstellen, die Pistolen auf uns gerichtet. Wenn die Soldaten sich nicht ergeben hätten, wären wir sicher erschossen worden.“

Wesel war ein wichtiger Brückenkopf der deutschen Wehrmacht auf dem linksrheinischen Ufer und wurde verbissen verteidigt. Die Alliierten wollten hingegen bei Wesel auf das rechtsrheinische Ufer übersetzen. Der Fluss war das letzte bedeutende Hindernis, das den Vormarsch ins Reich aufhielt. „Wesel wurde vom Alpener Berg beschossen. Alles, was sich bewegte, wurde erschossen. Die Rheinbrücke wurde total zerstört. Wir mussten alle evakuiert werden und wurden mit Militärwagen nach Kapellen bei Geldern gebracht. Viele tote Soldaten und Pferde lagen im Straßengraben. Als alles vorbei war, durften wir wieder zurück. Es war aber alles zerstört. Auch in dem Haus, in dem wir wohnten, war alles abgebrannt. Wir mussten wieder ganz von vorne anfangen.“

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Erstellt:
25. März 2020, 13:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 16sec

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