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Wunderland der Grausamkeiten

Karlsruhe (red) – Aufwändige Medienkunst zieht in der Karlsruher „Turandot“-Inszenierung alle Blicke auf sich. Die neue Puccini-Oper bietet auch musikalisch viel: Die Solisten und die Badische Staatskapelle unter Johannes Willig malen sie in glühenden Farben (Foto: von Traubenburg).

Aufwändige Medienkunst setzt Turandot (Elena Mikhailenko) und den Staatsopernchor in Szene.Von Traubenberg

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Aufwändige Medienkunst setzt Turandot (Elena Mikhailenko) und den Staatsopernchor in Szene.Von Traubenberg

Von Nike Luber

Was für ein Bild! Wie aus einem Science-Fiction-Film schweben Flugobjekte durch ein Meer aus organisch anmutenden Hochhäusern in strahlend bunten Farben. Die aufwendige Medienkunst der russischen Künstlergruppe AES+F (Tatiana Arzamasova, Lev Evzovich, Evgeniy Svyatsky, Vladimir Fridkes) zieht zunächst alle Blicke auf den spektakulär ausgestalteten Hintergrund. Die fremdartige Exotik, die China zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausstrahlte, als Giacomo Puccini mit „Turandot“ seine letzte Oper komponierte, hat die Künstlergruppe kongenial fortgeschrieben in ein faszinierendes utopisches Peking in einem zukünftigen China. Ein Drache, Symbol Chinas, zieht als Raumschiff seine Bahnen in der Videoprojektion.

Der Drache verschlingt seine Beute. Um genau zu sein, finden sich all die glücklosen, todgeweihten Bewerber um die Hand der Prinzessin Turandot in seinem Inneren wieder. Dort werden sie von seltsamen, außerirdischen Wesen auf ein Band gelegt, um in einer klinisch sterilen Röhre säuberlich von ihren Köpfen getrennt zu werden. Diese Köpfe schweben dann, jeder auf einer eigenen Blüte, davon. Eine eigenwillige, aber durchaus interessante optische Umsetzung der grausamen Handlung. Man muss nur aufpassen, über der spektakulären Optik nicht die vergleichsweise klein wirkenden Sänger auf der Bühne zu übersehen. Regisseur Fabio Cherstich setzt diese „Turandot“, eine Koproduktion des Staatstheaters Karlsruhe, des Teatro Massimo Palermo und des Teatro Comunale di Bologna, wie einen Staatsakt in Szene. Was es auch ist, denn ob und wenn ja, wen die abweisende Turandot heiratet, betrifft den Staat.

Das Volk in pastellbunten Kostümen, großartig gesungen von Chor und Extrachor des Badischen Staatstheaters, läuft deshalb nicht irgendwie auf der Bühne herum, sondern versammelt sich auf Tribünen. Die ebenfalls hervorragend singenden Mitglieder des Cantus Juvenum Karlsruhe treten geordnet auf wie die Parteijugend in einer Diktatur. Gesichtslose Ordnungskräfte halten mit Leuchtstäben die Massen in Schach. Ein bisschen Star Wars hat noch nie geschadet, denn in dieser Oper wünscht man den Solisten stets: Möge die Stimme mit euch sein!

Ein Wunsch, der auf erfreuliche Weise rundum erfüllt wird. Johannes Eidloth singt überzeugend einen greisen Kaiser, der offenbar die 10 000 Lebensjahre, die das Volk ihm wünscht, schon weitgehend hinter sich hat und es müde ist, ständig einen weiteren Bewerber um Turandots Hand und Chinas Herrschaft hinrichten zu lassen. Statuarisch, unnahbar und in funkelndes Weiß gehüllt, gibt Elena Mikhailenko eine stimmgewaltige Turandot. Ausdrucksstark vermittelt die Sängerin, dass Turandots Abscheu gegenüber Männern auf einer tiefgehenden psychischen Störung beruht.

Gänzlich empathiefrei verfolgt sie die von ihr angeordnete Folterung Liùs. Agnieszka Tomaszewska gelingt es, in dieser Szene anrührend und klangschön die selbstlose Liebe Liùs darzustellen. Um Calafs Leben zu retten, begeht sie Selbstmord. Vater Timur, dessen Operetten-Generalsuniform ihn als entthronten Diktator zeigt, bricht das Herz. Vazgen Gazaryan besingt klangvoll Liùs Güte. Dann geht er, denn mit Calaf, der das alles leichtfertig verschuldet hat, will er nichts mehr zu tun haben.

Rodrigo Porras Garulo überzeugt als Calaf

Rodrigo Porras Garulo überzeugt durch kraftvollen, höhensicheren Tenor als Calaf. Mit militärischem Schneid und unbeirrbarem Selbstbewusstsein stürzt er sich, aber eben auch andere, in die Eroberung Turandots. Weder die Bitten von Timur und Liù noch die Warnungen der Minister Ping, Pang und Pong können ihn aufhalten. Diese drei Minister wirken perfekt als komischer Kontrapunkt in dem düsteren Geschehen. Edward Gauntt, Klaus Schneider und Matthias Wohlbrecht spielen sich mit perfektem Timing die Bälle zu, wenn sie von ihrem Ruhestand in ihren schönen, fernen, idyllischen Gärten in der Provinz träumen.

Puccini starb 1924 über dem Finale, in dem Calaf über Liùs Leiche die Liebe Turandots gewinnt. In der Koproduktion wird das Finale von Puccinis Schüler Alfano gespielt. In dem noch von Puccini angelegten Schlussduett sind Calaf und Turandot zum ersten Mal offen miteinander. Rodrigo Porras Garulo und Elena Mikhailenko passen stimmlich hervorragend zusammen. Während im Hintergrundvideo schöne junge Menschen nett zueinander sind, was für eine neue humane Gesellschaft stehen soll, aber leider kitschig wirkt und an Unterwäschewerbung denken lässt, reichen sich Calaf und Turandot die Hände. Aber sie bleibt sie selbst, kühl und abweisend bis zum Schluss.

Dafür malt die Badische Staatskapelle unter der Leitung von Johannes Willig eine „Turandot“ in glühenden Farben und von mitreißend plakativer Wirkung. Die Brutalität der Handlung wird musikalisch mit Wucht illustriert. Geschickt unterstreicht das Orchester die Spannung der Rätselszene. Am letzten Rätsel droht Calaf zu scheitern, die Musik wird immer leiser und immer dunkler. Allein schon musikalisch ist „Turandot“ im Staatstheater Karlsruhe ein prachtvolles Spektakel. Und ob man die Ausstattung von AES+F als Bereicherung oder als Störung empfindet, sie bietet eine zusätzliche Ebene und regt die Fantasie an.

Wunderland der Grausamkeiten

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Erstellt:
27. Januar 2020, 00:00 Uhr
Lesedauer:
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