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Zementierte Machtverhältnisse

Basel (red) –Weniger schöne als kritische Kunst: In der Ausstellung „Circular Flow“ im Kunstmuseum Basel geht es bis 3. Mai 2020 um Ausbeutung, Kolonialismus und Migration. Simon Dennys Käfig entstand nach einer nicht umgesetzten Idee von Amazon: der Arbeiter in Käfighaltung? Foto G. Folly.

Der Arbeiter in Käfighaltung? Simon Denny hat die Drahtkabine nachgebaut, für die Amazon ein Patent anmelden wollte, diesen Plan aber wieder aufgab. G. Folly/Kunstmuseum

Der Arbeiter in Käfighaltung? Simon Denny hat die Drahtkabine nachgebaut, für die Amazon ein Patent anmelden wollte, diesen Plan aber wieder aufgab. G. Folly/Kunstmuseum

Von Hans-Dieter Fronz

Wie kritisch ist eigentlich die Gegenwartskunst? Das konnte man sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten schon hin und wieder fragen; zumal 2018, zum 50-jährigen Jubiläum des Aufbruchs einer ganzen Generation zu neuen Ufern. Entstand phasenweise der Eindruck, als wäre die Hinwendung der Kunst zum Politischen durch diese mittlerweile gern schon archivarisch als Alt-68er titulierte Generation im Postmodernismus widerrufen worden. Anything goes, lautete dessen nicht eben kritische Parole.

Freilich ließ sich, insbesondere in den letzten Jahren, zugleich eine neuerliche Hinwendung der Kunst zu politischen Themen beobachten. Und nicht zuletzt die Wirtschaft – die Sphäre des Ökonomischen – geriet dabei in den Fokus. So hatte der zweite Teil der Ausstellung „Konstruktion der Welt“ der Kunsthalle Mannheim im vergangenen Winter den Untertitel „Kunst und Ökonomie“.

Jetzt zieht das Kunstmuseum Basel Gegenwart in der Präsentation „Circular Flow. Zur Ökonomie der Ungleichheit“ nach. Gezeigt werden 15 künstlerische Positionen, die Grundfragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens vor dem Hintergrund der Globalisierung und der durch sie geschaffenen wirtschaftlichen Verhältnisse thematisieren.

Es ist ja beileibe nicht so, dass die Ökonomie ein völlig neues Themenfeld der Kunst wäre. Der Basler Parcours integriert so auch ältere Werke aus der eigenen Sammlung des Kunstmuseums: von der grafischen Bestandsaufnahme verschiedener Typen von Handelsschiffen (die wie das holländische Pinassschiff im Zweifel zugleich Kriegsschiffe waren) im 16. Jahrhundert durch Pieter Bruegel d. Ä. bis zu Joseph Beuys‘ Arbeit „Art=Kapital“ von 1980 und darüber hinaus. Kunst ist bekanntlich selbst eine Ware – und folglich in ihrem ureigensten Wesen eminent ökonomisch: auch in einem völlig anderen Sinn als dem von Beuys gemeinten.

Wer von Kunst vor allem Genuss erwartet, wird in der von Sören Grammel vorzüglich konzipierten und kuratierten Schau schwerlich auf seine Kosten kommen. Verlangt die doch die Bereitschaft zur Offenheit für neue Sichtwiesen und Perspektiven; die Bereitschaft zum Denken und Mitdenken auch. Die Ausstellung als ganze bezieht durchaus klar Position, wenn sie gesellschaftliche Entwicklungen stärken möchte, die auf soziale Gerechtigkeit und ökologische Verantwortung zielen.

Ist doch die Ökobilanz der Globalisierung alles andere als blendend. Und hat die Globalisierung neben manchen positiven Folgen doch zu Verelendung geführt oder Machtverhältnisse aus der Epoche des Kolonialismus zementiert – eine wichtige Ursache für Migration, der die Schau gleich einleitend ein eigenes Kapitel widmet. Mehr als 70 Millionen Menschen waren Ende 2018 auf der Flucht. Der Ire Richard Mosse dokumentiert mit einer Videowand aus 16 großformatigen Flachbildschirmen die Verhältnisse in dem völlig überbelegten griechischen Lager Moria. Ursula Biemann war für ihr Video über Sexarbeiterinnen aus Asien, die rund um den Globus wie Waren hin und her geschoben werden, selbst zwei Jahre lang auf Reisen.

Nicht weniger verbreitet als in der käuflichen Liebe ist im globalen Maßstab Ausbeutung in der Warenproduktion. Der chinesische Künstler Wang Bing beleuchtet in seiner Videoarbeit „15 Hours“ von 2017 die Situation chinesischer Textilarbeiter: mit Arbeitszeiten von 15 Stunden an sieben Tagen in der Woche. Neben Hungerlöhnen und der Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte aus ärmeren Ländern in Industriestaaten ist eine Spätfolge des Kolonialismus die Überflutung der Märkte der Dritten Welt mit westlichen Billigprodukten, die die heimische Wirtschaft zerstören. Zudem ist Entwicklungshilfe häufig an Handelsverträge geknüpft.

Aufklärung über diese und andere komplexe Strukturen setzt sich das Künstlerduo Bureau d’Études zum Ziel: In einer 14 Meter langen Wandtapete haben die beiden Franzosen die Entwicklung des globalen Ölhandels seit 1900 dargestellt – sowohl grafisch als auch mit Text. Lisa Rave wiederum widmet sich in ihrem Videoessay „Europium“ dem Handel mit der titelgebenden seltenen Erde, die heute vor allem in Bildschirmen und Displays Verwendung findet. Während Andreas Siekmann die Monopolbildung auf dem Saatgutmarkt analysiert. „Es verursacht Katastrophen und kurbelt die Nachfrage an“, ist da etwa auf Englisch zu lesen.

Simon Denny hat den Käfig aus Drahtgeflecht gebaut, für den Amazon ein Patent anmelden wollte, diesen Plan aber wieder aufgab. Der Arbeiter in Käfighaltung: ein heimlicher Kapitalistentraum? Die ungleiche Verteilung des Reichtums auf dem Globus macht Alice Creischer in einer raumgreifenden Installation zum Thema – der Titel: „Apparat zum osmotischen Druckausgleich von Reichtum bei der Betrachtung von Armut“. Bis 3. Mai 2020.

Zementierte Machtverhältnisse

© pr

Claus Richters neun Meter langes Landschaftsmodell „Omnia peribunt“ zeigt einen zerstörerischen ökonomischen Kreislauf.J. Salinas/Museum

© www.juliansalinas.ch

Claus Richters neun Meter langes Landschaftsmodell „Omnia peribunt“ zeigt einen zerstörerischen ökonomischen Kreislauf.J. Salinas/Museum

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Erstellt:
28. Dezember 2019, 00:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 10sec

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