http://www.badisches-tagblatt.de/UnternehmenKarriereZusteller/index.html
http://www.badisches-tagblatt.de/UnternehmenKarriereZusteller/index.html
"Das wäre jetzt der Moment, sich zu umarmen"
Omar Iezy lebt inzwischen in Baden-Baden. Foto: Privat
19.03.2018 - 00:00 Uhr
Baden-Baden (red) - Im Rahmen von "Baden-Baden schreibt ein Buch" bringen Menschen ihre Erinnerungen zu Papier, die eine Flucht erlebt und in der Kurstadt eine neue Heimat gefunden haben. Das BT veröffentlicht eine Auswahl dieser Geschichten. Heute erzählt Omar Iezy, der seit zwei Jahren in Baden-Baden lebt. Er flüchtete aus dem Irak im Spätsommer 2014, weil er verfolgt wurde und sein Leben bedroht war. Seine Eltern und Geschwister leben weiterhin in Bagdad.

"Mein Vater bedeutet alles für mich. Von ihm, so scheint es mir, bekomme ich meine Stärke, auch wenn er weit weg ist. Wir skypen etwa alle zwei Wochen. Mein größter Wunsch ist, ihn wiederzusehen. Aber er bekommt im Irak kein Visum, um mich zu besuchen. Und ich kann mich natürlich als Flüchtling nicht außerhalb Deutschlands mit ihm treffen. Wir sehnen uns sehr nacheinander.

Immer wieder denke ich an den Moment, als ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Die ganze Familie steht im Wohnzimmer, meine Mutter, mein Vater, meine drei Brüder. Abschiede konnten wir alle noch nie leiden. Ich schaue auf die so vertrauten schwarz-roten Teppiche mit dem Karomuster. Auf die Fotos an der Familienwand. Ich versuche einen Witz zu machen und sage zu meinem Bruder: ,Die Fotos von mir kannst Du jetzt abhängen.' Meine Mutter sagt: ,Du wirst immer bei uns bleiben.' Mehr bekommt sie nicht heraus und weint. Für meinen kleinen Bruder war ich Vater und Mutter. Ich habe ihn als Baby in den Armen gehalten und seine Windeln gewechselt, als meine Mutter krank war. Ich habe ihm englisch beigebracht. Jetzt ist er 13 und sagt zu mir: ,Wenn Du nicht in einem Jahr wieder da bist, bist Du nicht mehr mein Bruder.' Ich lege meine Hand auf seine Schulter. Wir wissen beide, dass wir uns sehr lange nicht mehr sehen werden. Mein Vater mahnt zum Aufbruch. Er begleitet mich bis in die Türkei. Wir haben noch einige wenige Tage miteinander. Es werden zwei wertvolle Wochen.

Dann der Abschied, als ich in den Bus nach Bodrum steige. Mein Vater hilft mir, den Rucksack und die Reisetasche in den Bus zu tragen. Später werde ich beides auf dem überladenen Boot über Bord werfen, damit wir nicht ertrinken.

Mein Vater und ich tun so, als wäre es ein ganz normaler Abschied. Wir tun so, als würden wir uns nächste Woche wiedersehen. Als wäre jetzt nur wichtig, das Gepäck zu verstauen und meinen Platz im Bus zu suchen. Ich stehe vor meinem Sitz. Mein Vater steht im Mittelgang. Wir sehen uns an. Der Busfahrer wirft den Motor an. Jeden in der Familie habe ich umarmt. Ich möchte auch meinen Vater umarmen und ihn gar nicht mehr loslassen. Aber ich will, dass er sieht, dass ich stark bin. Ich sage, dass alles gut wird. Ich zwinge mich, zu lächeln. Mein Vater sagt: ,Ja, alles wird gut.' Er schaut auf den Sitz und versucht auch zu lächeln. Ich frage mich oft, was wohl in dem Moment in ihm vorging. Ich glaube, er wollte mir zeigen, dass er an mich glaubt. Er wollte nicht, dass ich jetzt emotional werde. Er wollte seine Gefühle nicht zeigen, um es mir nicht noch schwerer zu machen. Er streckt mir die Hand entgegen. Ich nehme sie und wir schütteln Hände. Wie zwei Geschäftsleute, die etwas verabredet haben, auf das sie sich jetzt verlassen können. Alles wird gut. Wir sind die Letzten, die sich im Bus verabschieden. Alle anderen warten und sehen uns zu. Plötzlich meint der Mann, der neben mir sitzt: ,Ich glaube, das wäre jetzt der Moment, sich zu umarmen, sonst werden Sie es später bereuen.' Dieser Satz befreit uns. Ich falle in die Arme meines Vaters, er hält mich und ich schluchze: ,Ich liebe Dich.' Mein Vater sucht nach Worten, er weiß, wie bedeutend sie für mich sein werden. Ich erinnere mich nicht an jeden einzelnen seiner Sätze. Aber daran genau: ,Du bist mein Großer. Du machst mich stolz. Du bist der Sohn, den sich jeder Vater wünscht.' Obwohl ich vor Tränen kaum sprechen kann, glaube ich, dass er versteht, was ich ihm antworte: ,Ich werde alles tun, damit Du stolz auf mich sein kannst.'"

BeiträgeBeitrag schreiben 
Ort des Geschehens
Größere Google Karte
www.volksbank-baden-baden-rastatt.de/bt
Umfrage

Die UEFA vergibt die Fußball-Europameisterschaft der Männer 2024 entweder an Deutschland oder die Türkei. Sollte Deutschland nach der Weltmeisterschaft 2006 erneut Ausrichter sein?

Ja.
Nein.
Die Türkei soll erstmals eine EM ausrichten dürfen.
Ich interessiere mich nicht für Fußball.


Wetter in Mittelbaden


Facebook


BT Kinospot


© Badisches-Tagblatt.de    Impressum | AGB | Nutzungsbedingungen   
1