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Eine Männer-WG mit drei jungen Iranern
Sprechen schon gut Deutsch: Milad Shariari, Hamed Torabian und Ali Daneshmand mit Kurt Rohner (von links). Foto: cri
05.05.2018 - 00:00 Uhr

Von Christa Hoffmann

Sinzheim - Sie sind vor zweieinhalb Jahren aus dem Iran geflüchtet. Ihr Ziel: Deutschland. Zu dritt machten sich die jungen Männer auf den Weg, reisten erst in die Türkei, dann übers Mittelmeer nach Griechenland und weiter auf dem Landweg in die Bundesrepublik. Heute leben sie in einer Einliegerwohnung in Sinzheim, jeder hat einen Ausbildungsplatz, und sie sprechen schon gut Deutsch. Glück gehabt? Ja, das auch, aber ohne Fleiß, Beharrlichkeit und private Hilfe wären sie nicht so weit gekommen. Das erfährt man bei einem "Hausbesuch", wenn der heute 22-jährige Milad Shariari, sein 29-jähriger Cousin Ali Daneshmand und der 28-jährige Hamed Torabian berichten, wie es ihnen seit ihrer Flucht im November 2015 ergangen ist. Man ist selbst erst einmal fast sprachlos, wie gut sich die drei schon auf Deutsch verständigen können. Dass ihre Eingliederung bisher so gut geklappt hat, ist mit ein Verdienst des Sinzheimers Kurt Rohner. Er ist nicht nur Mitglied des Gemeinderats Sinzheim, sondern engagiert sich auch im Arbeitskreis Integration (ehemals Arbeitskreis Flüchtlinge). Er hat viele Wege geebnet, mit Behördenvertretern gesprochen und dafür gesorgt, dass die drei jungen Männer nun alle zusammenwohnen können. Der Jüngste, der 22-jährige Milad Shariari, wollte im Iran Bauingenieur werden, durfte aber wegen kritischer Äußerungen nicht weiterstudieren. Ähnlich ging es seinem Cousin Ali Daneshmand, der auch Bauingenieurstudent war. Hamed Torabian konnte sein Architektenstudium im Iran noch abschließen. Nach persönlichen Bedrohungen entschlossen sie sich zur Flucht. Nachdem Milad Shariari und Hamed Torabian in Bayern, Ali Daneshmand in Nordrhein-Westfalen angekommen waren, trafen sie sich wieder im Auffanglager in Karlsruhe. Von dort wurde Ali Daneshmand nach Heilbronn verlegt, die beiden anderen nach Rastatt. Kurt Rohner hat sich später dann darum gekümmert, dass der Älteste hierher nachkommen konnte. Die drei jungen Männer waren von Anfang an hinterher, Arbeit oder einen Ausbildungsplatz zu finden. Das ist ihnen mithilfe der Agentur für Arbeit vor einem halben Jahr gelungen.

Dreimal in der Woche abends Sprachkurs Abgesehen davon hatten sie bereits nach drei Monaten in Deutschland Hilfsarbeiterjobs angenommen. Der Jüngste putzte beispielsweise in einem Supermarkt in Sinzheim und arbeitete später als Verkäufer bei der Hähnchenbraterei. "Ich habe mit Zetteln angefangen", berichtet er von seiner Arbeitssuche und lacht dabei. Überhaupt sind die drei Iraner alle sehr fröhliche, aufgeschlossene Menschen. Auf dem Zettel habe ein Bekannter geschrieben, dass er einen Job suche. Das Dumme nur: Er konnte dann die Antwort, die natürlich auch auf Deutsch gegeben wurde, nicht verstehen. Das hat ihn aber eher noch mehr angespornt. Seit einem halben Jahr macht Milad Shariari eine Ausbildung zum Karosserie- und Fahrzeugbauer bei Bischoff und Scheck auf dem Baden-Airpark. Architekt Hamed Torabian hat bei der Brandschutzfirma Tremmel in Sinzheim, die händeringend Personal suchte, eine Stelle als technischer Zeichner gefunden, nachdem er dort mit einem Praktikum begonnen hatte. "Gut sprechen" konnte er nicht, erzählt er, "aber gut arbeiten". Ali Daneshmand hatte schon immer seinem Cousin die Haare geschnitten, später bot er sich auch anderen Flüchtlingen als Friseur an. Und er fand so viel Freude daran, dass er nun in Sinzheim eine Friseurlehre macht. Aber ein Problem blieb zu Anfang der Lehrzeit: Alle drei sprachen zu wenig deutsch. So organisierten und finanzierten Kurt Rohner und die Firma Tremmel aus eigener Tasche einen privaten Sprachunterricht. Kurt Rohner, der auch Initiator des jährlich stattfindenden Sinzheimer Ausbildungsforums ist, konnte bei seiner Hilfe für die Integration der Iraner auch auf seine Kontakte zu hiesigen Arbeitgebern und Bildungseinrichtungen zurückgreifen. Zunächst lebten die jungen Männer in einer Sinzheimer Kellerwohnung, seit Mai 2017 haben sie eine schöne Einliegerwohnung gemietet und sind hier sehr glücklich in ihrer Männer-Wohngemeinschaft (WG). Ali Daneshmand besitzt inzwischen ein Keyboard und führt vor, wie gut er sich selbst schon das Spielen beigebracht hat. Es ist beeindruckend, wie er eine türkische und eine iranische Weise sowie das bekannte Klavierstück "Für Elise" vorträgt. Aber er hat noch weitere Talente: Der Friseurlehrling ist neben Hamed Torabian der Koch in der Männer-Wohngemeinschaft (WG), während Milad Shariari sich selbst grinsend als "Spülmaschine" bezeichnet. Apropos Kochen: Zum Essen muss man dann schon noch dableiben, wenn man die drei besucht. Viel Freizeit bleibt ihnen nicht, denn da sind jetzt dreimal in der Woche die abendlichen Sprachkurse bei der Volkshochschule in Baden-Baden und Nebenjobs, um für die Familien ein bisschen Geld weglegen zu können. Nun versuchen die jungen Männer also in Sinzheim einen Neuanfang ohne ihre Familien, Eltern und Geschwister. Zwei der drei Iraner haben inzwischen eine bis 2020 befristete Aufenthaltserlaubnis. Und Milad Shariari und Hamed Torabian besitzen auch bereits den Führerschein und ein Auto. Sie sind alle froh und dankbar, dass sie es hier so gut getroffen und auch schon Freunde gefunden haben, auch wenn das Heimweh bleibt.

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