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Die Sterblichkeit ist zum Greifen nah
29.05.2018 - 00:00 Uhr
Von Christa Hoffmann

Baden-Baden - Abseits städtischer Betriebsamkeit in halber Höhe finden Menschen in Baden-Baden seit 1843 ihre letzte Ruhestätte auf dem Stadtfriedhof. Allerdings gegen den massiven Widerstand der Bürger damals. Heutzutage zählt der Platz 7500 Grabstätten, Patengräber und zunehmend leere Flächen. Diese und viele weitere Informationen erfahren Teilnehmer einer Führung mit Frank Geyer, die interessant, kurzweilig, mitreißend und mit Anekdoten gespickt ist.

Der Leiter des städtischen Fachgebiets Friedhof berichtet dabei über die für Friedhöfe gar nicht so lange Geschichte dieses Begräbnisplatzes, den gesellschaftlichen Wandel im Umgang mit dem Tod, aktuelle Zahlen und die verschiedenen Bestattungsmöglichkeiten (aktuell 80 Prozent Urnenbestattungen). Ob der Stein ein Statussymbol ist oder nur der Name auf einer kleinen Steinplatte geschrieben steht - alles ist auf den insgesamt elf Friedhöfen im Stadtgebiet möglich.

Gleich zu Beginn der Tour weist Frank Geyer auf ein Schweizerhaus hin, in dem der ehemalige Verwalter wohnt. Früher hätten diese Residenzpflicht gehabt. Gleich gegenüber befindet sich das 1909 erbaute Krematorium, eines der bundesweit ältesten, weiß Frank Geyer, der vor zehn Jahren das Amt übernahm - erst wieder Willen, wie er den rund 30Teilnehmern gesteht. "Da werde ich depressiv", habe er dem damaligen Oberbürgermeister gesagt, "jeden Tag auf dem Friedhof." Dazu später mehr. Bis zu 2000 Einäscherungen finden hier jährlich statt. 30 Bestattungsunternehmen aus der Region bedienen sich dieser Dienstleistung. Im Krematorium gibt es zwei Räume zum Abschiednehmen: einen für bis zu 70 Trauergäste und einen für bis zu zehn. In der Friedhofskapelle, 1860 nach Plänen von Heinrich Hübsch erbaut, haben 70 Personen Platz.

Der Wind rauscht in den alten, knorrigen Bäumen, Sonnenlicht blitzt zwischen den Blättern hindurch, hier und da fliegt ein Vogel auf. Und das üppige Grün lenkt einen fast ab von der hier zum Greifen nahen Sterblichkeit aller, von der Majestät des Todes. Majestäten liegen zwar keine auf dem Stadtfriedhof, aber so mancher Prominente hat hier seine letzte Ruhestätte gefunden, allerdings gibt es kein Prominentengrabfeld.

Erhaltenswerte alte Grabstätten, um die sich aber niemand mehr kümmert, gehen ins Eigentum der Stadt über und können von Paten übernommen werden, die sich oder Angehörige auch darin bestatten lassen dürfen. Viele schöne alte Grabsteine, weiß Frank Geyer, seien in den 70er Jahren - wie auf anderen Friedhöfen in Deutschland auch - zerstört worden. Sie seien als kitschig und nicht mehr dem Zeitgeschmack gemäß empfunden worden. Heute mache man sich ganz andere Gedanken: Wie gehen wir mit den Freiflächen um? Man sei versucht, zusammenhängende Freiflächen zu bekommen, erklärt der Friedhofschef, und diese dann umzugestalten. Aber dazu brauche man "einen langen Atem". Ein Satz, der auf einem Friedhof bedeutungsschwer klingt...

Bis zum Jahr 1450 befand sich der Friedhof um die Stiftskirche herum. Es gab noch einen weiteren Friedhof bei der Spitalkirche, der allerdings außerhalb der Stadt lag und ursprünglich nur für Tote ohne Bürgerrechte vorgesehen war. Das änderte sich 1450, weil bei der Stiftskirche der Platz fehlte. Anfang des 19.Jahrhunderts erhob die großherzogliche Sanitätskommission ihre Stimme und forderte mit dem Hinweis auf unhygienische Zustände einen neuen Gottesacker. Denn es führte eine Holzwasserleitung mitten durch den Totenacker. Um die Zeit waren nämlich Seuchen durchaus noch ein Thema. Außerdem kam es laut Geyer langsam zu einem Platzproblem, da die Stadt rasant wuchs.

Der Markgraf ordnete an, einen neuen Friedhof zu suchen, die Stadt kam dem nach und beteiligte die Bürger. Es folgte ein zehnjähriger Streit, weil die Baden-Badener nicht von ihrem Spitalfriedhof lassen wollten. 1843 wurde der neue Stadtfriedhof schließlich seiner Bestimmung übergeben. Die Einweihung habe fast ohne Bürger stattgefunden, berichtet Geyer, dass sie den Platz unter anderem wegen der starken Steigung boykottierten. Schließlich mussten die Sargträger von der Stadt unten ihre Last auf den Schultern bis oben hin tragen und Pfarrer und Angehörige ebenfalls den steilen Anstieg meistern. Schließlich ging es so weit, dass der Markgraf Erweiterungen anderer Friedhöfe verbot. 20 Jahre später akzeptierten die Baden-Badener schließlich den Friedhof, als die Kapelle gebaut wurde.

Und Frank Geyer? Inzwischen ist er mit Leib und Seele Herr über den Gottesacker und würde seinen Arbeitsplatz nicht mehr tauschen wollen. Das merkt man ihm an. Aus der eineinhalbstündigen Führung sind mehr als zwei Stunden geworden, und kein Teilnehmer ist früher gegangen, so vielseitig, originell und voller Esprit waren seine Erzählungen.

Die nächste Führung findet am 28.Juni statt.

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