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Alt-OB Gerstner: Das Beste ist die Freiheit
18.08.2018 - 00:00 Uhr
Von Christina Nickweiler

Baden-Baden - In den Rebzeilen auf einem Gewann zwischen Neuweier und Eisental raschelt es, drei Männerstimmen sind zu hören. "Das kann weg, das ist ein Geiztrieb", sagt einer der Drei. Die nähere Betrachtung offenbart, wer hier arbeitet: Alt-Oberbürgermeister Wolfgang Gerstner putzt seine Reben aus, indem er überflüssige Triebe und Blätter entfernt. Mit dabei sind Alt-Stadtrat Bruno Seiter und Norbert Fröhlich, seines Zeichens badischer Sportfunktionär. Sie helfen dem Hobby-Winzer Gerstner beim "Blätteln".

Der Alt-OB verbringt viel Zeit im Rebland, und zwar als Weinbauer. Die Idee, einen Ausgleich zu seinem Arbeitsalltag zu schaffen, hatte Wolfgang Gerstner schon, als er noch das Amt des Baden-Badener Oberbürgermeisters innehatte. Er hatte in einem Artikel in einem Wochenmagazin gelesen, wie die Weinbauern im italienischen Küstenabschnitt Cinque Terre der Landflucht begegnen. Sie stellen Menschen, die in verkehrsreichen, lärmerfüllten und luftverschmutzten Städten leben, kostenlos Flächen auf dem Land zur Verfügung, wenn sie diese pflegen.

Wolfgang Gerstner gefiel dieser Gedanke. "Weinliebhaber war ich schon immer, aber noch nie Weinmacher", erzählt er. Jedenfalls berichtete er auf einem Helferfest im Nachgang zu der Landesgymnastrada im Juli 2007 in der Kurstadt dem gebürtigen Neuweierer Norbert Fröhlich von seinem Plan. Fröhlich fand die Idee prima. "Bis zur Pensionierung warten wir nicht", riet er Gerstner. Gesagt, getan. Nach rund drei Monaten hatte Norbert Fröhlich zwei kleinere Rebgrundstücke für den OB ausgesucht. Schmunzelnd erinnert sich Wolfgang Gerstner an die Besichtigung: "Ich bin bei Nebel in die Neuweierer Reben gefahren und habe den Berg nicht gefunden. Ich stand vor dem falschen Berg." Damit ihm dies nicht erneut passierte, markierte Gerstner sein Rebengrundstück vorsorglich mit einem Fahnenmast. Heute weiß jeder Einheimische im Rebland: Dort, wo die badische Fahne weht, hat der Ex-OB seine Reben.

Dort am Rebberg oberhalb der Rebberghütte gedeiht auf rund elf Ar Riesling. Auf dem anderen Stück an der Eisentaler Gemarkung wächst auf zirka fünf Ar Merlot, eine Rotweinsorte. Während Wolfgang Gerstner den Riesling als Winzer bei der Winzergenossenschaft keltern lässt, baut er den Merlot mit Hilfe seiner Freunde aus. Vieles hat er von seinen Winzerfreunden Seiter und Fröhlich über den Weinanbau und -ausbau gelernt, und er schätzt dieses Miteinander. So hilft einer beim Mulchen, der andere beim Rebenspritzen und selbstverständlich bei der Weinlese. "Winzer zu sein bedeutet eine soziale Gemeinschaft, die immer wieder neu zum Leben erweckt werden muss, damit man handlungsfähig bleibt", sagt Wolfgang Gerstner. Deswegen steht an diesem Morgen nach der Arbeit in den Reben die Kirschenernte bei einem Rebländer Schnapsbrenner an, bei der er selbstverständlich mithelfen wird.

"Ich habe den Wolfgang vereidigt", erzählt Bruno Seiter, während er die ineinander gewachsenen Trauben mit einer Schere ausdünnt. Eigentlich hatte Seiter 2006 Gerstners Konkurrenten im Wahlkampf um den OB-Sessel unterstützt. Nichts sei, wie es anfangs scheine. "Wenn man sich kennenlernt, verliert man die Vorbehalte", blickt Wolfgang Gerstner auf die Anfänge einiger Freundschaften zurück, die sich im Laufe seiner aktiven Amtszeit entwickelt haben. Der ehemalige OB spricht von "menschlicher Größe", wenn es einem gelinge, über seinen Schatten springen zu können.

Schnell kommt der 62-Jährige ins Philosophieren: "In den Reben zu arbeiten, bietet einen Kontrast zur schnelllebigen Zeit. Hier kommen Sie runter, es ist ruhig, Sie haben einen tollen Blick in die Rheinebene. Von da an verlangsamt sich das Leben auf einmal", hat Wolfgang Gerstner die Erfahrung gemacht.

Durch die Winzergemeinschaft weiß er stets, was im Rebland los ist. Daher verfolgt er auch aufmerksam die Diskussion um den Strukturwandel im Weinbau und um die Zukunft der Rebenkulturlandschaft. Der Alt-OB ist begeistert, was sich seit der Gründung des Fördervereins getan hat, als die Debatte vor zwei Jahren angestoßen wurde. "Das ist unglaublich", sagt er.

In den Reben wird auch über Politik im Allgemeinen gesprochen. In dieser kurzlebigen Zeit sollten sich Politiker schon überlegen, wie sie mit den Wählern umgehen, die ihnen politische Macht auf Zeit verliehen hätten, meint Wolfgang Gerstner: "Die Frage der Erneuerung stellt sich immer wieder."

Spontan entsteht mitten in den Rebzeilen eine Debatte über korrekt handelnde Politiker, die zugespitzte Formulierungen zu vermeiden und damit eine provozierende Debattenkultur zu verhindern suchen. Es fallen die Namen von Herbert Wehner und Franz Josef Strauß. Alle drei Winzer erinnern sich noch gut an heftige Schlagabtausche zwischen diesen Bundespolitikern im Parlament. "Trotz ernsthafter Themen konnten wir über die beiden auch mal lachen", erinnert sich Wolfgang Gerstner. Zur Politik gehöre eben Leidenschaft, die auch mal Leiden schaffen dürfe, sagt er.

"Ich versuche jung zu bleiben", antwortet der Alt-OB auf die Frage, was er denn mit seiner freien Zeit so anfange. Dennoch bemühe er sich darum, regelmäßige Strukturen in seinem Alltag beizubehalten. Hierzu gehört beispielsweise, dass er einmal wöchentlich seine Mutter in Freiburg besucht und zusammen mit seiner Frau regelmäßig zu seinen fünf Söhnen reist. Fünf Enkel gibt es inzwischen auch schon. So stehen des Öfteren Reiseziele wie Bordeaux, Berlin, Trier, Heidelberg und Stuttgart auf dem Plan des Ruheständlers.

Was Wolfgang Gerstner aber am meisten genießt, das ist die Freiheit, selbst über seine Zeit verfügen zu können. Diese Freiheit, die für ihn eine neue Lebensqualität darstellt, will er sich keinesfalls mehr nehmen lassen. Seine Erkenntnis: "Ich muss niemandem mehr etwas beweisen. Ich bin ein glücklicher Mensch."

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