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"Heute sehe ich mich lächeln"
18.08.2018 - 00:00 Uhr
Baden-Baden (red) - Im Rahmen von "Baden-Baden schreibt ein Buch" werden die Erinnerungen von Menschen gesammelt, die eine Flucht erlebt und in der Kurstadt eine neue Heimat gefunden haben. Das BT veröffentlicht eine Auswahl dieser Geschichten. Heute erzählt Conny, die im Alter von 24 Jahren die DDR verließ. Sie lebte fünf Jahre in Steinbach, seit 1996 wohnt sie in Gernsbach:

"Dresden, 15. März 1984, Volkspolizei-Kreisamt. Wir sitzen in einem großen kahlen Raum. Es riecht abgestanden und muffig. Hinter dem Schreibtisch ein Beamter, der mich abfällig mustert. Neben mir meine zweijährige Tochter. Ich spüre die kleine Hand warm und fest in meiner. In meinem Bauch ein weiteres Kind, noch zwei Monate bis zur Geburt. Mir ist kalt. Der Ausreiseantrag wurde plötzlich genehmigt, nach drei Jahren Warten, und jetzt muss alles ganz schnell gehen. Heute bis 24 Uhr das Land verlassen mit zwei Koffern. Vorher noch 300Kilometer, ohne eigenes Auto, von Köthen nach Dresden, dem Ort der Antragstellung, wo wir die Papiere abholen können, dann 300 Kilometer zurück. Dann über Magdeburg nach Marienborn über die Grenze. Alles an einem Tag.

Der Mann hinter dem Schreibtisch verlangt Papiere, Ausweise, meine Geburtsurkunde und die meiner Tochter. Er spricht in knappen Befehlsformeln: "30 Mark", verlangt er. Ich schiebe ihm das Geld über den Schreibtisch. "Hier unterschreiben", sagt er. Stempel. Stempel. Dieses Geräusch, dieser Befehlston lässt mich zusammenzucken. Er legt mir ein Blatt hin. Da steht "Urkunde" auf gelben Grund. Unten springt sofort das Symbol der DDR ins Auge. Zirkel und Hammer im Ährenkranz. Da steht: "Die Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR wird gemäß § 15 Abs.3 des Staatsbürgerschaftsgesetzes mit der Aushändigung dieser Urkunde wirksam." "Und meine Geburtsurkunde?", frage ich, als er keine Anstalten macht, sie mir zurückzugeben. Er schaut mich kalt und kurz an. "Das hätten Sie sich vorher überlegen müssen. Sie haben es ja so gewollt."

Jetzt bin ich komplett ohne Identität, denke ich. Und da ist Angst. Identität. Ein großes Wort, ein schwieriges Wort für mich. Wer bin ich? Was bin ich? Was bin ich jetzt ohne Heimat? Habe ich je eine gehabt? Nein! Da sind so viel Grau und Trostlosigkeit. Immer habe ich Halt gesucht. In meiner Herkunftsfamilie gab es psychische und physische Gewalt. Meine Mutter hat uns Kinder nie geschützt. Familie war Bedrohung, nicht Schutzraum. Ich wollte da weg. Mein Studium, ich hatte so gehofft, mich im Beruf als Lehrerin zu verwirklichen. Doch politische Vorgaben erstickten mein Engagement. Ich ließ mich exmatrikulieren. Unter dem Schutzmantel der Kirche zog ich mich in die Arbeit mit behinderten Menschen zurück. Ich hatte gehofft, Halt bei meinem Mann, in meiner kleinen Familie zu finden. Aber inzwischen weiß ich, dass die Ehe scheitern wird, auch wenn wir zusammen dieses Land verlassen. Ich weiß, ich werde die Kinder allein großziehen. Zack, donnert wieder der Stempel des Beamten aufs Papier. "Hier unterschreiben", sagt er. "25 Mark Bearbeitungsgebühr." Zackig schiebt er mir den Ersatz für die Geburtsurkunde hin. Eine sogenannte Identitätsbescheinigung. Ein lächerlicher kleiner Handzettel. Name, Geburtsdatum, Geburtsort von mir und meinem Kind. Ich schiebe das Geld rüber.

Und dann passiert etwas Merkwürdiges. In dieser entwürdigenden Situation fühle ich auf einmal eine Klarheit. All das, all diese Demütigungen, all diese Kälte, all diese Gewalt werde ich jetzt hinter mir lassen. Und die Gewissheit verwandelt sich in Zuversicht. Und die Zuversicht in Mut. Und der Mut in Kraft. Und die Kraft in Heiterkeit. Ich merke, wie ich mich innerlich aufrichte und dass ich lächle. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob ich damals wirklich gelächelt habe. Aber wenn ich heute an diesen Moment zurückdenke, sehe ich mich lächeln. Ich sehe, wie ich mich diesem armen gefangenen Beamten plötzlich überlegen fühle. Ich sehe mich, wie ich den Wisch "Identitätsschein" in meine Handtasche stecke, meine Tochter auf den Arm nehme und diesen trostlosen leeren Raum mit seinen kalten stumpfen Beamten verlasse. Ich weiß, dass ich mit dem Grenzübertritt nicht frei bin. Aber ich weiß, dass ich mich befreien werde! Ich selbst, ganz alleine."

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