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"Ich sah hinter jedem Baum einen Polizisten"
01.09.2018 - 00:00 Uhr
Baden-Baden (red) - Im Rahmen von "Baden-Baden schreibt ein Buch" werden die Erinnerungen von Menschen gesammelt, die eine Flucht erlebt und in der Kurstadt eine neue Heimat gefunden haben. Das BT veröffentlicht eine Auswahl dieser Geschichten. Heute erzählt Karin Sorger. Sie kam nach einer missglückten Flucht aus der DDR in das Frauenzuchthaus Hoheneck, wurde Ende 1977 von der Bundesrepublik freigekauft und konnte vier Monate später ihre Tochter nachholen. Seit 15 Jahren lebt sie in Baden-Baden.

"1977 war mein Schicksalsjahr. Seit meiner Scheidung vor über vier Jahren lebte ich allein mit meiner kleinen Tochter im ersten Stock eines Hauses aus der Gründerzeit in Leipzig. Tagsüber arbeitete ich als wissenschaftliche Assistentin im Institut für Pathologie der Universitätsklinik der Karl-Marx-Universität, abends kümmerte ich mich um meine Tochter Natalie, die inzwischen in die zweite Klasse der Grundschule ging. Meine Eltern waren schon vor vielen Jahren gestorben. Die wenigen Verwandten und Freunde, die ich noch besaß, lebten im Westen Deutschlands und waren für mich nicht erreichbar, nicht einmal telefonisch.

Seit der Trennung von meinem Mann, und damit auch von unseren gemeinsamen Bekannten, lebte in mir der Gedanke, die DDR zu verlassen, den ich schon 16 Jahre zuvor nach dem Bau der Mauer gehabt hatte, wieder auf. Zuerst hatte ich es wegen meines Vaters, der mich nicht verlieren wollte, später wegen meines Mannes, der Angst hatte, nicht getan. Jetzt war es sehr viel schwieriger mit der Verantwortung für meine achtjährige Tochter. Andererseits wünschte ich mir gerade für sie ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit statt in einer Diktatur.

Durch einen Kollegen, dessen Flucht geglückt war, bekam ich Kontakt zu einer Schleusergruppe, die uns beide an einem dunklen Januarabend 1977 an einem bestimmten Kilometerstein der Autobahn nach Berlin in ihrem Auto aufnehmen sollte. Seit dem Transitabkommen 1972/73 zwischen der DDR und der Bundesrepublik durften Fahrzeuge aus Westdeutschland auf den Transitwegen von und nach Berlin von den ostdeutschen Grenzsoldaten nicht kontrolliert werden. Schweren Herzens schloss ich die Tür meiner Wohnung ab, um die ich jahrelang gekämpft und in die ich mein ganzes nach dem Tod meines Vaters ererbtes Geld gesteckt hatte, und machte mich mit Natalie auf den Weg.

Tage zuvor hatte es geschneit, und es war bitterkalt in jener Nacht. Unseren Trabant-Kombi hatte ich an einem Seitenweg neben der Autobahn abgestellt, in der Annahme, ihn nie wieder benutzen zu müssen. Ich vergesse nie, wie ich voller Angst mit dem Kind an der Hand durch den Wald in Richtung Autobahn geschlichen bin. Die Zweige der Bäume bogen sich unter der Last des Schnees, manchmal knackte auch ein Ast oder stürzte zu Boden, so dass wir erschraken. Ich sah mit meinen alarmierten Sinnen hinter jedem Baum einen Polizisten. Dabei konnte ich weder die Angst noch meinen Fluchtplan meiner kleinen Tochter mitteilen, die voller Vertrauen meine Hand hielt. Wir warteten eng umschlungen bis fast um Mitternacht auf das Auto - doch die Schleuser kamen nicht. So mussten wir wieder zurück zu unserem Auto und zurück nach Leipzig fahren. Ich war verzweifelt!

Es war ausgemacht, dass die gleiche Aktion später an einem anderen Kilometerstein nochmals starten sollte. An einem Sonntag, es war der 6. Februar 1977, fuhr ich zur Autobahn, um mir die Stelle, an der wir warten sollten, vorher anzuschauen, damit ich sie in der Dunkelheit leichter finden würde. Natalie war an diesem Tag bei ihrem Vater, der sie alle 14 Tage zu sich und seiner neuen Familie holte. Als ich den Kilometerstein sah, nahm ich die nächste Abfahrt von der Autobahn und versuchte, einen Weg zu finden, von dem aus ich die Autobahn zu Fuß erreichen konnte. Hier war kein Wald. Es gab stattdessen weite Felder, deren Böden durch den Schneefall der vergangenen Tage aufgeweicht waren. Es war ein trüber, grauer Tag. Nebel stiegen auf. Mehrfach versuchte ich, die Stelle an der Autobahn, die etwas erhöht lag, zu finden. Immer vergeblich! Unmittelbar vor einer kleinen Ortschaft wollte ich es ein letztes Mal probieren. Es dunkelte bereits, und mein ehemaliger Mann wollte meine Tochter um 19Uhr zurückbringen. Spätestens dann musste ich zu Hause sein.

Kurz bevor ich in mein am Ortseingang abgestelltes Auto einsteigen wollte, kam ein polnischer Fiat mit Blaulicht auf dem Dach auf mich zu. Zwei Beamte in Zivil stiegen aus und forderten mich auf, mitzukommen. Als ich mich weigerte und fragte "Warum?", meinten sie, ich hätte mich in verbotenem Gebiet aufgehalten. Darauf ich: "Woran kann ich das erkennen?" Darauf sie: "Kommen Sie bitte mit zur Klärung eines Sachverhalts." Damals wusste ich noch nicht, dass das ein Standardsatz bei einer Festnahme war. Sie fuhren mit mir in das Volkspolizeikreisamt Bitterfeld und begannen mit dem Verhör. Ich durfte weder eine Toilette aufsuchen noch bekam ich etwas zu essen oder zu trinken. Ich erklärte, dass ich immer, wenn mein geschiedener Mann die Tochter abholt, darunter leide und dann einfach in mein Auto springe und ziellos in der Gegend herumfahre. Fast schien es so, als glaubten sie mir und ich käme frei. Ich hatte nur noch einen Gedanken: Ich wollte heim zu meinem Kind, das nicht wusste, wo seine Mutter ist!

Gegen 23 Uhr wurde die Tür aufgerissen und herein stürzte ein Mann mit den Worten: "Jetzt kommt die Staatssicherheit, jetzt weht ein anderer Wind! Setzen Sie sich mal ordentlich hin!" Meine Aussagen wurden protokolliert, und ich musste die Protokolle unterschreiben. Wenn ich darin etwas verbesserte, weil ich es so nicht gesagt hatte, rastete der Stasi-Mann völlig aus, lief wie ein Tiger vor mir her und meinte: "Wenn Sie hier nicht aussagen, mache ich mit Ihnen krk!" Dabei begleitete er seine Worte mit der entsprechenden Handbewegung des Halsumdrehens. Das Verhör ging die ganze Nacht hindurch.

Am Morgen stieß er mich in einen Wartburg und fuhr mit mir nach Halle in das dortige Stasi-Untersuchungsgefängnis, das im Volksmund "der rote Ochse" genannt wurde. Das Verhör ging weiter. Hinzu kam jetzt jedoch ein zweiter Stasi-Mann. Er markierte den weichen Typen und meinte: "Jetzt lasst die Frau doch mal auf die Toilette. Jetzt gebt der Frau doch mal was zu essen." Der Hunger war mir sowieso vergangen! Noch immer hatte ich nichts gestanden. Beide waren ziemlich genervt, hatten natürlich auch mitbekommen, dass meine Gedanken sich nur noch um meine Tochter drehten. Schließlich brüllten sie: "Was war denn vorher?" So dass ich fürchtete, dass meine Tochter vielleicht in der Schule etwas von unserem nächtlichen Abenteuer an der Auto-bahn erzählt hätte.

Dann sagten sie: "Sagen Sie die Wahrheit, und wir garantieren Ihnen, dass Sie heim zu ihrem Kind kommen." Und da gestand ich den Fluchtversuch! Ich sah, wie sie sich genüsslich zurücksinken ließen und offenbar nichts gewusst hatten. Und ich kam nicht heim zu meinem Kind, sondern musste meine Kleidung und meine Uhr ablegen und wurde in eine Einzelzelle des Stasi-Untersuchungsgefängnisses in Halle gesperrt. In jener Nacht hatte ich begriffen, dass man nach fast 24-stündigem Verhör mit Schlaf- und Essensentzug bereit sein kann, einen Mord zu gestehen, ohne ihn begangen zu haben. Doch das war hier nicht die Frage."

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