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Villa als kultureller Treffpunkt
Beatrix Borchard referiert über Pauline Viardot und Ivan Turgenev, Udo Barth und Désirée Wittkowski lesen die Zitate.  Foto: Brüning
25.10.2018 - 00:00 Uhr
Von Gisela Brüning

Baden-Baden - Die universelle Sprache der Musik, unter deren Fittichen "alle Menschen Brüder werden", war und ist in mancher Beziehung wohl eher ein frommer Wunsch. Zumindest weist der Titel "Experiment Baden-Baden", mit dem Musikpublizistin und Viardot-Biografin Beatrix Borchard ihren Vortrag am Dienstagabend im (ausverkauften) Gartenhaus der Stadtbibliothek überschrieb, auf ein gewisses Wagnis ging. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe anlässlich des 200. Geburtstags des großen, Schriftstellers der Weltliteratur Ivan Turgenev ging die Vortragende auf die Jahre 1863 bis 1871 ein. In dieser Zeit band sich Ivan Turgenev eng an die Familie der verehrten Freundin Pauline Viardot-Garcia, deren Heim kometenhaft zum kulturellen und gesellschaftlichen Mittelpunkt Baden-Badens aufstieg. Alles, was Rang und Namen hatte, Adel und bedeutende Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Kultur frequentierten die Theatervorstellungen, Konzerte und musikalisch-literarischen Salons der Viardot, die ihre bedeutende Karriere als Opernsängerin zugunsten eigener schöpferischer Tätigkeit hinter sich gelassen hatte.

In heftiger Zuneigung verbunden, der vor allem der Dichter schwärmerischen Ausdruck verlieh, schuf das Paar kongeniale Werke, Liedkompositionen und Theateraufführungen, die in der Villa unter Beteiligung zahlreicher Freunde und Künstler ein enthusiastisches Publikum begeisterten. In St. Petersburg waren die Sängerin und Turgenev erstmals aufeinander getroffen und dem "Coup de foudre", der "Liebe auf den ersten Blick", anheimgefallen. Fortan folgte Turgenev der Frau, die mit einem 21 Jahre älteren Mann verheiratet war.

So kann man wohl von einem - und in diesem Fall - geglückten Experiment sprechen, denn die Herren, beide passionierte Jäger, verstanden sich prächtig, und die Zuneigung zu Pauline einte sie zudem, wie den Ausführungen der Professorin zu entnehmen war.

Auch Turgenev und Pauline kamen zu Wort durch die Stimme von Udo Barth für den männlichen Part und auf Seiten der Frau Désirée Wittkowski, einst Studentin bei Borchard in Berlin, heute Musiklehrerin am Gaggenauer Goethe-Gymnasium. Den Auflagen der GEMA gehorchend, illustrierten Musikschnipsel melancholischer Lieder von knapp zwei Minuten die Dichtkunst Turgenevs und die Begabung der Komponistin.

Sie soll universelle Fähigkeiten besessen haben, deren geringsten Teil die Mehrsprachigkeit der Französin mit spanischen Wurzeln einnahm. Den Schilderungen nach zu urteilen, muss die Villa Viardot-Garcia als Schmelztiegel internationaler Persönlichkeiten stets zahlreiche Gäste angezogen haben. "In dieser Familie war Musik die Luft, die man atmete", zitierte die Vortragende, und nicht nur die Musikerin, sondern auch der Dichter waren beseelt von Melodie und Rhythmus, die in seinen Texten mitschwangen.

Sollte das Baden-Baden jener Zeit als von äußeren Störungen unbehelligte "Insel der Seligen" erschienen sein, und so betrachten es ja noch heute viele Gäste, so täuschte auch damals der Schein. Längst machten sich Ressentiments und Feindseligkeiten zwischen Deutschland und Frankreich bemerkbar. In diesem Spannungsfeld der beiden Staaten wuchsen Misstrauen und Antipathien, die schließlich im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 zur blutigen Auseinandersetzung führten.

Das Klima verschlechterte sich auch für die französische Familie Viardot, die ihre Zelte in Baden-Baden abbrach und nach Frankreich zog. Turgenev folgte nach Bougival in der Nähe von Paris. 1883 starb Louis Viardot im Alter von 83 Jahren; Turgenev verschied nach schwerer Krankheit nur wenige Monate später. Pauline Viardot-Garcia starb 1910 ebenfalls in Bougival im Alter von 89 Jahren.

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