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Mehr als 90 Glasplatten enthüllen alte Zeiten
24.12.2018 - 00:00 Uhr
Von Christina Nickweiler

Baden-Baden - Weihnachtszeit ist die Zeit der Geschichten und der Überraschungen. Eine sehr ungewöhnliche Geschichte mitsamt einer Überraschung ist vor rund drei Jahren Michael Kiefer passiert. Er entdeckte auf einem Dachboden in einem alten Haus in Steinbach eine Kiste, deren Geheimnisse erst vor kurzem genauer ans Tageslicht gekommen sind.

Der Kuppenheimer Geschäftsmann hatte 2013 die Villa Fleischer in der Grabenstraße in Steinbach von der Stadt erworben. "Der Charme dieser alten Villa hat mir schon immer gefallen", sagt der neue Eigentümer. Die Villa Fleischer stammt aus der Zeit um 1890 und war die Familienresidenz des letzten Sägewerkbesitzers Fritz Fleischer. Es gibt keine Personen mehr, die sich sicher an sein Aussehen erinnern können. Er war der Enkel jenes Friedrich Fleischers, der von Beruf "Essigsieder" war, einst das Gasthaus "Sternen" von seinem Schwiegervater (Karl Mayer) übernommen und die evangelische Konfession nach Steinbach gebracht hatte.

Zudem war der Sägewerker Fritz Fleischer Junior der Vetter von Max Fleischer, dem vorletzten Firmenchef, dem die Senf- und Essigfabrik gehörte. Die Fleischers stellten mit ihrem großen Familienverbund und ihren beiden Betrieben eine Familiendynastie dar, die etliche Leute am Ort in der Essigfabrik oder im Sägewerk in Arbeit gebracht hatte.

Doch zurück zu Michael Kiefer, der sich im Jahre 2015 daran machte, der alten Villa mit Sanierungsmaßnahmen wieder zu mehr Glanz zu verhelfen. Wände wurden stabilisiert, verputzt und marodes Material aus den Böden herausgenommen. Als Michael Kiefer die Holzdielen auf dem Dachboden entfernte, machte er eine überraschende Entdeckung: Zwischen Holzwolle und Steingeröll stieß er plötzlich auf eine geheimnisvolle Kiste, daneben lag ein Fotoalbum vom Kongress der Holzwirtschaft aus dem Jahr 1938 in Freiburg. Vorsichtig nahm Michael Kiefer den größeren Karton aus der Öffnung in dem Holzboden heraus. "Die Kiste war schwer", erinnert er sich, und er war gespannt, was er darin entdecken würde.

Er öffnete den Karton und fand einen Taschenkalender von 1913 darin, in dem jemand genau Buch darüber geführt hatte, an welchen Tagen Klavierunterricht mit fünf Mark pro Stunde erteilt worden war sowie weitere stenografische Notizen aus dem Jahr 1919. Nun wusste Michael Kiefer, dass ihm in diesem Moment der Odem aus einer Zeit vor rund 100 Jahren entgegenkam.

Unter den ersten Fundstücken befanden sich wiederum kleine Kistchen aus dickerem Karton. Jede von diesen fünf kleineren Behältnissen enthielten rund 20 Glasplatten. Rasch erkannte Michael Kiefer, dass es sich wohl um belichtete Glasplatten nach alter Entwicklungstechnik handeln musste. Vorsichtig packte er den mysteriösen Fund wieder ein und verstaute die Kiste mit dem rätselhaften Inhalt an einem sicheren Ort.

Erst vor Kurzem wurde der Inhalt des Kartons genauer unter die L upe genommen. So ist anzunehmen, dass der Karton womöglich vor der einmarschierenden französischen Besatzungsmacht am 13. April 1945 versteckt worden war. Denn auf den Schwarzweiß-Fotografien in dem Album, das im Zuge der zweiten Holzwirtschaftstagung am 22. und 23. Oktober 1938 in Freiburg angefertigt worden war, sind deutlich bekannte Repräsentanten des NS-Regimes abgebildet. Wer auch immer den Karton versteckt hatte, es muss dieser Person daran gelegen haben, nicht mit dem NS-Regime in Verbindung gebracht zu werden.

Seltener Einblick in



Sägewerksfamilie

Außerdem wurden mittlerweile die mehr als 90 Glasplatten in aufwendiger Weise so reproduziert und digitalisiert, dass Fotografien in DIN-A4-Format erstellt werden konnten. Die Abbildungen gewähren einen seltenen Einblick in das private Leben der Sägewerksfamilie Fleischer über mehrere Dekaden, vermutlich zwischen 1910 und 1930.

Etliche Bilder wurden dem Hintergrund nach zu urteilen im Büro des Sägewerks aufgenommen, das in unmittelbarer Nähe zur Villa Fleischer stand. Die Bilder zeigen wohl auch Freunde und Familienmitglieder, die als Angehörige des Bürgertums jenen Freizeitbeschäftigungen frönten, die für die bäuerliche Bevölkerungsschicht in dieser Epoche noch unerreichbar waren. Es sind die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, in denen die Wirtschaft durch technische Errungenschaften auf Hochtouren lief und eine selbstbewusste Bourgeoisie an die Gestaltung der Zukunft durch den technischen Fortschritt glaubte.

Da exerzieren junge Rekruten unter den kritischen Augen von irgendwelchen Pickelhaubenträgern vor den Kasernengebäuden in Rastatt oder sie suhlen sich beim Manöver mit ihren weißen "Drillingsuniformen" im Schlamm. Andere Aufnahmen müssen bei Ausflügen der illustren Jagdgesellschaft unter anderem auf der Hochkönigsburg im Elsass entstanden sein.

Außerdem sind deutlich die Geroldsauer Wasserfälle sowie Parkbänke entlang der Oos auf einigen Bildern zu erkennen. Neben skifahrenden Damen im Skigebiet auf der Schwarzwaldhochstraße sind immer wieder einzelne im Modestil der 1920er Jahre gekleidete Damen mal stehend, mal sitzend und mal liegend in einem üppig dekorierten Chaiselongue-Zimmer zu sehen.

Nach rund 100 Jahren die verschiedenen Personen auf den Bildern zu identifizieren, dürfte heute kaum mehr möglich sein. Einige Gesichter sind gestochen scharf mit der damaligen Technik getroffen. Es muss ein Meister am Werk gewesen sein. Andere Fotos sind dagegen verschwommen. Dennoch ist es gelungen, über eine der noch wenigen lebenden Angehörigen einige Bilder anhand der Hintergrundmotive einzuordnen. So dürfte es sich bei einer Aufnahme, auf dem im Vordergrund eine Person mit einer weißen Schürze zu sehen ist, um den Sternengarten handeln. Das ist jenes Areal zwischen dem Sternenplatz und der Meister-Erwin-Apotheke, das heute bebaut ist. Aber zu Zeiten der Fleischer-Dynastie war es ein Park, in dem sich die Familien sonntags trafen und sich vergnügten.

Ein anderes Foto zeigt eine Pferdekutsche, mit der man für gewöhnlich nach Bühl fuhr, um Geschäfte zu erledigen, erinnert sich die Tochter des vorletzten Besitzers der Essig- und Senffabrik, Christel Zöllner aus überlieferten Erzählungen.

Etwas verschwommen, aber unverkennbar ist auf einer Aufnahme, die aus dem ersten Stock des Fleischerhauses im Städtl aufgenommen wurde, der Sternenplatz mit der Viehtränke und dem Lindenbaum zu sehen. Eine wieder andere Aufnahme zeigt das Sägewerk in der Grabenstraße, in der bis vor wenigen Jahren die Firma Keller ihre Montagehallen hatte und inzwischen das neue Wohngebiet Sommerbühn II entstanden ist.

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