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Bedrohliche Situation auf dem Mittelmeer
12.01.2019 - 00:00 Uhr
Baden-Baden (red) - Im Rahmen von "Baden-Baden schreibt ein Buch" werden die Erinnerungen von Menschen gesammelt, die eine Flucht erlebt und in der Kurstadt eine neue Heimat gefunden haben. Das BT veröffentlicht eine Auswahl. Heute erzählt Nezar Abu Harb. Er musste wegen des Syrienkriegs seine Heimat verlassen, kam im November 2014 nach Deutschland und wenige Monate später nach Baden-Baden. Heute lebt er mit seiner Familie in Oberbeuern.

"Endlich war es soweit! Das Schiff, auf das wir seit mehreren Wochen an der libyschen Küste gewartet hatten - versteckt in Schafställen mitten unter den blökenden und stinkenden Tieren, damit man uns Menschen nicht hört -, war endlich gekommen. Im Schutz der Nacht gingen wir alle an Bord. Unten im Schiffsbauch wurden Menschen zusammengepfercht, die für ihre Flucht nur wenig Geld an die Schlepper zahlen konnten. Weiter oben die Menschen, die noch mindestens 2 000 Dollar für ihre Flucht übers Mittelmeer nach Italien übrig hatten. Das Schiff war alt, überfüllt, und der Motor hatte kräftig zu schaffen, um die Passagiere zu transportieren.

Ich weiß nicht mehr, wie lange wir unterwegs waren, als die überhitzten Motoren zu qualmen begannen, jedenfalls war es noch dunkel. Mir schoss sofort ein Gedanke durch den Kopf: Wenn die Motoren Feuer fangen, stürzen alle nach oben, das Schiff bekommt Schlagseite, wir kentern und ertrinken alle. Und tatsächlich kamen schon die ersten nach oben an Deck. Die Situation an Bord wurde immer bedrohlicher: Immer mehr Menschen drängten nach, die Stimmung wurde immer ängstlicher und aggressiver. Da sah ich in der Dunkelheit ein Licht. Das musste ein Schiff sein. Es konnte nicht allzu weit entfernt sein und ich beschloss, loszuschwimmen, um Hilfe zu holen. Mein letztes Geld - geschützt in einer Plastikhülle - steckte ich in meine Jacke und übergab sie einem Mann, dem ich vertraute. Er wollte darauf aufpassen, bis wir uns wieder sehen würden.

In letzter Sekunde schloss sich mir ein anderer Mann an. Nur mit Shorts und Rettungsweste bekleidet schwammen wir los. Das Wasser war ziemlich kalt und relativ bewegt. Jedenfalls war es nicht einfach vorwärtszukommen, denn immer, wenn wir vor Erschöpfung mit den Schwimmbewegungen aufhörten, wurden wir wieder zurückgetrieben. Mein Freund in der Not hatte nicht so viel Kraft und Ausdauer wie ich. Er war Raucher, und ich musste ihn immer wieder antreiben, damit er nicht zurückgetrieben wurde. Wegen der hohen Wellen schluckte ich viel Wasser. Ich hatte gedacht, dass ich nach ein bis zwei Stunden das Schiff erreicht hätte, um Hilfe zu holen. Aber als es begann, hell zu werden, konnte ich kein Schiff mehr weit und breit sehen. Ich weiß nicht, wie lange wir weiterschwammen, als ich eine große Flosse im Wasser entdeckte: Hai - schoss es mir durch den Kopf, und ich überlegte, wie lange ich mit einem Bein im Wasser überleben könnte.

Alle Dokumentationen, die ich über Haie und richtiges Verhalten gesehen hatten, gingen mir durch den Kopf, und ich versuchte, so schnell wie möglich mit so wenig ausladenden Bewegungen wie möglich wegzuschwimmen. Mein Begleiter versuchte mich zu beruhigen: "Das ist kein Hai, sondern ein Delfin!" Aber ich war in heller Panik und schwamm so schnell ich konnte weiter. Plötzlich sah ich es vor mir: das Heck des Schiffes. Es startete gerade seine Motoren. Ich rief, winkte, schrie - niemand hörte mich. Mein Rettungsanker entfernte sich immer weiter, aber dann - ich konnte es fast nicht glauben - drehte er und kam direkt auf mich zu. Ich rief, winkte, schrie - niemand hörte oder sah mich. Ich rief, winkte, schrie. Die Personen in der Kabine waren viel zu weit oben, als dass sie mich kleinen Menschen im Wasser hätten sehen können. War das das Ende? Ich hatte es geschafft, von Syrien über Algerien und Tunesien nach Libyen zu kommen, hatte - mit viel Glück - einen Autounfall mit einem betrunkenen Fahrer überlebt, war dem brennenden Schiff entkommen und nun war alles umsonst? Was würde mit meiner Familie passieren? Ich merkte, wie meine Kraft immer mehr nachließ. Wie im Traum sah ich noch, wie ein kleines Rettungsboot heruntergelassen wurde ... und wachte in eine Decke gehüllt auf dem Schiff wieder auf. Mein Freund konnte ebenfalls gerettet werden sowie ein Teil der Menschen, die mit uns von Libyen aufgebrochen waren. Und doch kam für viele jede Hilfe zu spät.

Mein Geld und meine Jacke waren mit dem Schiff untergegangen. Ich hatte außer den Shorts nichts mehr. In Italien erhielt ich Kleidung, und die Geretteten sammelten Geld für mich, das ich ihnen inzwischen wieder zurückgeben konnte."

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