http://www.spk-bbg.de
Täglicher Aufbruch ins Ungewisse
12.01.2019 - 00:00 Uhr
Von Harald Holzmann

Baden-Baden - Nieselregen im Oostal. Eine Truppe vom Gartenamt bläst nasses Laub vom Asphalt der Grünen Einfahrt. Ihr Kollege Kurt Gress vom städtischen Bauhof ist nur wenige Meter daneben auf dem Zubringer stadteinwärts unterwegs, auf direktem Weg in den tiefsten Winter - zum fünften Mal an diesem Tag. Sein Ziel: die Schwarzwaldhochstraße.

Rückblende: Es ist 4.30 Uhr. Ein trist herbstlicher Morgen in der Cité. Auf der regennassen Schwarzwaldstraße wirkt das Räumfahrzeug des Winterdienstes fast wie ein Fremdkörper. "Na? Glauben Sie, dass da oben was zu tun ist?" Kurt Gress überhört den leicht flapsigen Ton der Frage. Hochkonzentriert blickt er durch die Windschutzscheibe. Er registriert, dass nach der Ausfahrt aus dem Michaelstunnel aus dem Nieselregen leichtes Schneegrieseln geworden ist, und nickt. "Ich weiß nie, was mich da oben erwartet", sagt er jetzt. Die erste Fahrt am Morgen aus der Rheinebene bis zur auf etwa 900 Meter Höhe liegenden Kreuzung am Kurhaus Sand ist an solchen Tagen immer ein heikler Einsatz.

Der 56-jährige Sandweierer ist einer der Winterdienst-Profis im städtischen Bauhof. Seit 1990 ist er auf den Straßen der Region unterwegs - im Bühler Höhengebiet, auf der Autobahn, und seit mittlerweile vielen Jahren in der Kurstadt. Gress weiß, wo an einem Morgen wie diesem die Probleme lauern. Routiniert steuert er die 350 PS starke Maschine durch Geroldsau. Auf dem Display ist zu erkennen, dass in diesem Moment sieben Gramm Salz pro Straßenmeter auf die noch fast schneefreie Fahrbahn rieseln. "Prophylaktisches Streuen", sagt Gress. "Nachher wird es hier anders aussehen."

Dann geht es hinauf ins Höhengebiet. "Sehen Sie?" Gress lächelt zufrieden. Die Fahrbahn ist schneebedeckt, rechts und links der Straße versinken die Leitpfosten im Weiß. Bäume biegen sich unter der Eis- und Schneelast, als ob sie aus Gummi wären. "Gestern hat mich der da direkt durch die Windschutzscheibe angeguckt." Gress zeigt auf eine Fichte, die am Straßenrand liegt. "Hoffentlich bleiben heute alle stehen." Dann erhöht er die Salzmenge auf 15 Gramm.

"Wie weit kann ich noch nach rechts?" Schneeschieben ist Millimeterarbeit. Die Kunst ist es, möglichst knapp mit der riesigen Schaufel an den Leitpfosten vorbeizukommen, sie aber nicht umzulegen. Entscheidend ist dabei das gute Auge des Beifahrers. Heute ist es Bürgermeister Alexander Uhlig. Er will sich ein Bild machen von der Lage auf der Höhe. "Noch 15 Zentimeter können Sie", sagt er, obgleich sein Blick getrübt ist von Schneemassen, die vom Schieber wegstieben, wie in einem Sturm. "Seien Sie lieber zu vorsichtig", rät Gress und schafft es mit einer leichten Fingerbewegung, den Koloss eine Spur weiter nach rechts zu steuern. Dabei würde ihm heute sicher keiner einen Vorwurf machen, wenn er einen Leitpfosten umfährt. Schließlich handelt er ja auf Anweisung des obersten Chefs.

Mittlerweile herrscht tiefster Winter. Erste Autos kommen im Schneckentempo entgegen. Viele Fahrer linsen nur durch ein kleines Guckloch auf der schneebedeckten Windschutzscheibe auf die Straße. "Fahrlässig" sei das, brummt Gress - und schickt einen nicht druckbaren Fluch hinterher, als ein Fiat Panda hinter ihm ungeduldig die Lichthupe betätigt und dann den Schneepflug überholt. "Hoffentlich sehen wir den weiter vorne nicht wieder", meint Uhlig.

Schwere nächtliche Unfälle, zu denen er an solchen Wintermorgen als Erster kommt, gehören zu den unschönen Erinnerungen, die Gress in seinem Herzen trägt. "Über die spreche ich nicht so gerne", sagt er leise. Ja, er habe schon Tote gesehen - und natürlich viele Unvernünftige. Einen voll besetzten Schulbus mit Sommerreifen beispielsweise, und eine Fahranfängerin im Straßengraben mit Flipflops an den Füßen. Viel schöner findet er es aber, wenn ihm frühmorgens Füchse, Rehe und Wildschweine begegnen. Das sei ein schöner Start in den Arbeitstag.

Parkplatz Sand: Wendepunkt. Hier beginnt der Bereich der Bühler Kollegen. Es geht talwärts. Die Fahrbahn: weiß wie vorhin. Die B 500 ist an einem Tag wie diesem nicht mit einer einzigen Fahrt freizuräumen. Viermal fährt Gress zwischen Geroldsau und Sand hin und her. Dann gehen Salz und Diesel zur Neige. Acht Tonnen Streumaterial liegen auf der Straße, gut 45 Liter Sprit sind verbraucht. Es ist 8.15 Uhr. Zurück geht es in die immer noch weitgehend schneefreie Stadt - nachladen und tanken für die zweite Hälfte des Arbeitstages. "Ihr wart gute Beifahrer", sagt Gress lachend und lässt seine Begleiter zurück im Herbstregen. Er wird weiter zwischen den Jahreszeiten hin und her pendeln, damit die Autofahrer sicher unterwegs sind. Um 13 Uhr übernimmt die Spätschicht bis 21 Uhr. Und dann wächst die Schneedecke über Nacht wieder ungestört in die Höhe, bevor Kurt Gress oder einer seiner Kollegen erneut aufbrechen ins Ungewisse.

BeiträgeBeitrag schreiben 



Das könnte Sie auch interessieren

Rastatt
Parkscheinautomat aufgebrochen

19.12.2018
Parkscheinautomat aufgebrochen
Rastatt (red) - Unbekannte Täter haben in der Nacht auf Mittwoch einen Parkausweis am Rastatter Bahnhof aufgebrochen und diesen völlig zerstört. Eine Fahndung der Bundespolizei blieb bislang erfolglos. Die Ermittler suchen nun Zeugen (Foto: Bundespolizei). »-Mehr
Bühl
Chancen in Handwerk und Industrie grandios

11.12.2018
Preise und Lob für Berufsschüler
Bühl (wv) - Einen Prüfungsmarathon bewältigte die Gewerbeschule Bühl in nur drei Tagen: 96 Schülerinnen und Schüler aus 15 verschiedenen Ausbildungszweigen waren zum schulischen Teil der dualen Gesellenprüfung angetreten. Die Erfolgsquote war hoch (Foto: wv). »-Mehr
Baden-Baden / Hamburg
Reaktionen aus der CDU

08.12.2018
Reaktionen aus der CDU
Baden-Baden/Hamburg (dg/nof/fk/tt/for/bjhw) - Die CDU hat Annegret Kramp-Karrenbauer (Foto: dpa) zu ihrer neuen Bundesvorsitzenden und Nachfolgerin von Angela Merkel gekürt. Wie das Ergebnis CDU-Mitglieder aus der Region aufgenommen haben, hat das BT zusammengefasst. »-Mehr
Baden-Baden
´Wenn ich zwei Stimmen hätte...´

06.12.2018
Drei von 1001 Delegierten
Baden-Baden (kli) - AKK, Spahn oder Merz: Wenn beim Bundesparteitag über den neuen Vorsitzenden oder die neue Vorsitzende der CDU (Foto: dpa) entschieden wird, stimmen auch Delegierte aus dem Kreisverband Rastatt mit ab. Drei von insgesamt 1001 aus dem Bundesgebiet. »-Mehr
Stuttgart
Unterstützung für

05.12.2018
Initiative aus dem Land für Merz
Stuttgart (red) - CDU-Politiker aus dem Land haben eine "baden-württembergische Initiative für Friedrich Merz" (Foto: dpa) gegründet. Dort gebe es 80 Unterzeichner, darunter der EU-Kommissar und frühere Ministerpräsident Günther Oettinger sowie Landtagsfraktionschef Wolfgang Reinhart. »-Mehr
www.los-rastatt.de
Umfrage

Viele Bürger empfinden die Verwaltungssprache als zu kompliziert. Würden auch Sie sich einfachere Formulierungen auf Ämtern wünschen?

Ja, oft.
Ja, manchmal.
Nein.


Wetter in Mittelbaden


BT Kinospot


© Badisches-Tagblatt.de    Impressum | AGB | Nutzungsbedingungen | Datenschutz   
1