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Sieben Posaunen der Apokalypse
Sieben Posaunen der Apokalypse
26.03.2019 - 00:00 Uhr
Von Fabian Sauter-Servaes

Baden-Baden
- Der Florentinersaal im Casino ist kein Strafgefangenenlager. In einem solchen deutschen Lager für Kriegsgefangene fand aber im Jahr 1941 die Uraufführung des Stückes "Quatuor pour la fin du temps" des französischen Komponisten Olivier Messiaen statt. Räumlich gesehen hätte der Kontrast also kaum größer sein können.

Der Blick auf die allegorischen Darstellungen der Richesse und der Agriculture im Florentinersaal mit seinem lustvoll goldenen Dekor lässt selbst am dritten Fastensonntag weit Weltlicheres erwarten als vertonte Gedanken aus der Offenbarung des Johannes. Dem von Hunger und Kälte gezeichneten Publikum im Lager lagen damals die Gedanken an die Apokalypse wohl näher als einem der erfreulich zahlreichen Besucher der "Matinee classique" der Philharmonie Baden-Baden.

Hilfreiche historisch-musikalische Hinweise gab es zu Beginn von Udo Barth, der in seinen Einführungsvortrag auch viele Zitate Messiaens einbaute, die die Zusammenhänge von Entstehung und Thema des Stücks deutlich machten. Yasushi Ideue (Violine), Annette Konrad (Klarinette), Thomas Lukovich (Violoncello) und Angela Yoffe (Klavier) legten in der folgenden Stunde jedoch eindrucksvoll darüber Zeugnis ab, dass Messiaens Musik über das Ende der Zeit auch ohne diese Kenntnisse gehört werden kann.

So war zwar die eigentümliche Instrumentierung der Umstände im Lager geschuldet, in der Interpretation an diesem Morgen des Jahres 2019 wirkte sie geradezu sinnstiftend. Auch greift die Vorstellung von Kriegserlebnissen und Endzeitstimmung zu kurz, wenn Messiaen sein Werk in den letzten beiden von acht Sätzen mit dem Wirbel der Regenbögen für den Engel, der das Ende der Zeit ankündigt, und dem Lobpreis der Unsterblichkeit Jesu beendet. Das ganze Werk durchzieht bei allen Schrecken und Erschütterungen immer auch ein leichter, durchsichtiger, fast fröhlicher Ton, der den Triumph des rein Geistigen über Irdisches erahnen lässt.

Annette Konrad gestaltete das Klarinetten-Solo im dritten Satz entsprechend differenziert und ausdrucksstark. Vom schrillen bis hin zum nur noch gehauchten Ton ließ sie die ins reine Blau emporsteigenden Vögel erklingen. Thomas Lukovich malte den Lobpreis an die Ewigkeit Jesu im Cello-Solo des fünften Satzes klar, einfühlsam und verhalten. Nach dynamischem Aufwallen gelangte er spannungsreich zurück zum ätherischen Ausgangspunkt im Pianissimo. Yasushi Ideue brillierte im komplementären Geigen-Solo im achten Satz zum Lob der Unsterblichkeit. Wie der Cellist zuvor nur vom ruhigen Puls durch das Klavier begleitet, brachte er mit hoher Intensität im Spiel die Töne zart und schön zum Schweben.

Angela Yoffe gelang es am Flügel, dabei sowohl die Rhythmik und Impulsivität zu akzentuieren als auch die komplexeren Farben zu malen, die Messiaen so wichtig waren.

Die zahlreichen Unisono-Stellen, die die Dramatik und den Furor ausdrücken, gelangen dem Quartett überzeugend. Die sieben Posaunen der Apokalypse wurden von ihnen in den repetitiven Stellen nervig und rasend bis zum abrupten Ende dargeboten. Ein Kontrast zum schwebenden Ende des Stücks, der verdeutlicht, dass das Ende der Zeit doch nicht nur schön sein wird.

Bis dahin lohnt jedenfalls der Besuch solch intensiver Aufführungen so brillanter Stücke.

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