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Ein Straßenschild in der Weststadt feiert eine juristische Kopfgeburt
25.04.2019 - 00:00 Uhr
Baden-Baden - Es sieht aus wie ein Straßenschild. Eine Zusatztafel informiert über das Wirken des Namensgebers. Prominenz war dabei, als die Schilder 1986 angebracht wurden. Reiner Haehling von Lanzenauer schrieb über das Ereignis in der Aquae-Ausgabe 87: "Eine vielköpfige Menge lauschte in- und ausländischen Lobreden, dann griffen Bundesverfassungsgerichts-Präsident Zeidler, sein Vorgänger Benda und OB Carlein zur Schere, um gemeinsam das rote Band zu durchtrennen und die Fahrbahn unter ihrem neuen Namen freizugeben. Luftballons zogen das verhüllende Tuch vom Straßenschild himmelwärts."

Die so würdevoll getaufte Nagelmann-Allee findet sich in keinem Straßenverzeichnis. Vielleicht liegt dies daran, dass ihr Namensgeber seit Jahrzehnten nur als Phantom bekannt ist. Die Straße hat bisher, soweit feststellbar, auch nur einmal Eingang in ein amtliches Dokument gefunden. Das Verwaltungsgericht Karlsruhe nannte sie in einem Urteil vom 25. Februar 2002 als "Tatort" für eine Ordnungswidrigkeit: Ein Rechtsanwalt hatte dort sein Auto verbotenerweise auf einem Behindertenparkplatz abgestellt, was das sofortige Abschleppen des Fahrzeugs zur Folge hatte, während der Jurist im nahe gelegenen Amtsgericht einen Angeklagten verteidigte. Dem Falschparker brachte der Verstoß zudem eine Rechnung von 200 Euro ein. Der Fall wurde - betroffen war schließlich ein Jurist - bis zum Verwaltungsgerichtshof in Mannheim betrieben, der den Bußgeldbescheid bestätigte.

Der geringe Bekanntheitsgrad des etwas großspurig "Allee" genannten Anhängsels der Gutenbergstraße kommt aber nicht von ungefähr: Sie ist bundesweit ein Unikat, es gibt sie nur in Baden-Baden, kein Einwohner kann sie als Wohnadresse angeben und kaum ein Einheimischer wäre wohl in der Lage, Auskunft zu geben, wie man sie findet. Etwas abseits in der Weststadt gelegen ist ihr eine eher unspektakuläre Existenz beschieden. Genauso wie ihrem Namensgeber, obwohl dieser ein äußerst bemerkenswertes Leben geführt haben soll. Geboren 1889, hat Friedrich Gottlob Nagelmann das Kaiserreich, die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus, schließlich die Bundesrepublik und vielleicht sogar die Wiedervereinigung erlebt und damit wie manch andere Karrierejuristen Anpassungsfähigkeit an die wechselnden herrschenden politischen Verhältnisse bewiesen - so jedenfalls sehen es seine Biografen und Lobschreiber. Längst wurde ihm die höchste für einen Juristen denkbare Ehre zuteil: die Herausgabe einer voluminösen Gedächtnisschrift. Mit einem Umfang von mehr als 500 Seiten, verfasst von hochkarätigen Juristen wie Roman Herzog und Ernst Benda, erschien sie 1984 zum stolzen Preis von 98 Mark im renommierten Wissenschaftsverlag Nomos, ansässig an der kurstädtischen Waldseestraße. Ob Nagelmann damals noch gelebt hat, ist unsicher. Es gibt unterschiedliche Aussagen darüber. Die letzten Spuren von ihm verlieren sich 1959, als er seinen Verleger in Baden-Baden besucht hatte und danach nicht mehr an seinen Karlsruher Wohnort zurückgekehrt war. Er sei, so heißt es, Jahre später - vielleicht 1994 - gestorben, und zwar "qualvoll, als ihm ein Frosch im Halse stecken blieb".

Das Leben dieses sonderlichen Juristen umgibt ein Geheimnis. Er ist, so viel steht fest, eine "Kopfgeburt" ironiebegabter Juristen, die selbst vor schwarzem Humor nicht zurückschrecken. Seine ersten praktischen Erfahrungen soll er nach dem mit der selten vergebenen Note "besonders befriedigend" bestandenen ersten juristischen Examen als Referendar bei der ehemaligen deutschen Kolonialverwaltung in Ostafrika gemacht haben. Dort wurde er zu seinem Erstlingswerk über die Musik der Ovambo angeregt. Das war eine Pionierleistung, weckte er damit doch das Interesse deutscher Völkerkundemuseen zum Sammeln von Kunstschätzen Schwarzafrikas. Geradezu hochaktuell ist Nagelmanns Abhandlung "Jagdrecht im Stadtwald", wenn man an das bedrohliche Vordringen wölfischer Population denkt. Und auch ein weiteres Werk aus seiner Feder könnte sich als prophetisch erweisen. Sein Titel: "Der Parlamentarier als Störenfried - für mehr Ordnung im Bundestag". Der längst Verblichene schwebte zu Lebzeiten allerdings nicht nur in höheren juristischen Sphären. Nach dem Fall der Berliner Mauer sorgte er sich um den Artenschutz der Steinlaus, deren staatlich errichtetes Biotop zerstört worden war.

Na gut: Unser gesamtes Wissen über Nagelmann besteht nach heutigem Sprachgebrauch aus Fake News. Man könnte auch höherer Blödsinn dazu sagen. Der Unterschied zwischen beiden Phänomenen scheint nicht groß. Wer aber meint, Juristen seien humorlos, der irrt. Er sollte einen Spaziergang in der Nagelmann-Allee machen. Werner Frasch

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