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Das Städtl erkunden im Zickzack-Kurs
27.04.2019 - 00:00 Uhr

Von Christina Nickweiler

 

Baden-Baden - Kräftig weht der Wind, als Karl Keller am Steinbacher Postplatz eine Skizze aus seinem Futteral zieht und den Besuchern der historischen Stadtführung das ehemalige Stadttor um 1750 der ehemals selbstständigen Stadt Steinbach zeigt. Die Zeichnung stammt von dem Steinbacher Karl Schwab, der sich Zeit seines Lebens mit den baugeschichtlichen Verhältnissen im Rebland beschäftigt hat.

Heute profitiert Karl Keller von Schwabs visualisierten Erkenntnissen. Denn bei der geschichtlichen Stadtführung präsentiert er etliche Zeichnungen, um den Interessierten einen Eindruck zu vermitteln, wie es hier bis vor rund 250 Jahren ausgesehen haben könnte.

Bevor der Vorsitzende des historischen Vereins Yburg, Karl Keller, auf der Zufahrt zum Städtl die unterschiedlich farbigen Pflastersteine als die Umrisse des um 1806 abgebrochenen "Bühler Tores" identifiziert, weist er noch geschwind mit einem Augenzwinkern auf die Unterscheidung zwischen Unterdorf und Oberdorf hin. Diese Differenzierung der Einwohner hat bis heute noch Bestand, erfahren die Zuhörer.

Vorbei am Gebäude Gasthaus "Adler", das 1754 als Schul- und Wachhaus vor dem Stadttor errichtet worden war und von 1841 bis 2013 als Gaststätte betrieben wurde, arbeitet sich die Gruppe durch einen schmalen Treppenaufgang in der Stadtmauer hindurch. Die Teilnehmer erreichen den Hof zwischen dem ehemaligen Amtshaus, in dem der markgräfliche Verwalter bis 1798 seinen Dienst versah, und dem historischen Schutzwall. Dunkler ist es hier in der Dämmerung als anderswo in den gepflasterten Gässchen des Städtls. Das massive Mauerwerk, das seit dem Mittelalter über etliche Jahrhunderte einst die Stadt schützte, entfaltet an dieser Stelle noch heute seine imposante Wirkung. Gebannt schauen die Besucher an den wuchtig großen Steinen der Mauer hoch, auf der ganz oben noch Teile des Wehrgangs zu entdecken sind.

Vor dem Rathaus referiert der Vorsitzende dann über das Steinbacher Wappen mit dem Mühlstein und erwähnt den Straßburger Mühlstein-Erlass aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Dieser besagte, dass für das Zermahlen von Getreide wegen ihrer hervorragenden Qualität ausschließlich Mühlsteine aus Steinbach zu verwenden sind. Scharf sind die Kanten des Sandsteins, den Karl Keller zum Anfassen mitgebracht hat.

Aufmerksam folgen die Blicke der Teilnehmer einem Lichtkegel, der auf das Wappen am Zehnthaus zeigt. Die Jahreszahl 1698 ist über dem Torbogen zu lesen. Das heißt, das Gebäude wurde zehn Jahre nach dem verheerenden Brand von 1688 wieder errichtet, für die Zuhörer ein Hinweis darauf, dass sich die Bevölkerung nach der Zerstörung im Zuge des pfälzisch-orleanischen Erbfolgekrieges innerhalb der Stadtbefestigung nur sehr zögerlich wieder angesiedelt hatte. Einen letzten stummen Zeugen aus der Zeit der französischen Expansion nach Osten durch Ludwig den XIV. entdeckt die Gruppe bei der derzeitigen Baustelle neben dem Rathaus. Wie eine offene Wunde klafft das fehlende Mansarddach auf dem historischen Gebäude von 1690.

Auf dem Weg dorthin unternimmt der Städtl-Führer einen Epochensprung in die ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts. "Röhrlebrunnen" soll einmal der inzwischen demontierte Brunnen vor dem Rathaus geheißen haben - ganz in der Nähe, die Werkstatt des Schmieds. Von der besten Fleischwurst einer alteingesessenen Metzgerei im Städtl in den 1950er Jahren und einer Anekdote von der Qualität einer Seifenoper aus dem Mittelalter um eine Lisa von Steinbach erfahren die Ausflügler in der Nähe des legendären Erwingässls. Hier soll der große Baumeister der Gotik, Erwin von Steinbach, geboren worden sein. Keller erzählt die Geschichten so anschaulich, als wären diese erst kürzlich passiert. Im Zickzack-Kurs lotst er dann die Gäste erneut durch die Stadtmauer.

Im historisch gestalteten Hof der ehemaligen Essig- und Senffabrik Fleischer leuchten die Lichter aus der zweistöckigen verglasten Werkstatt eines Glaskünstlers. Während Keller über die Stadtkernsanierung vor rund 40 Jahren referiert, entweicht der letzte Hauch eines Schimmers am Abendhimmel - die Nacht hält Einzug. Plötzlich erklingt ein Glockenspiel in hohen Tönen. "Eine Szene mit viel Poesie", murmelt ein Besucher. Vorbei am ehemaligen Nordtor, an dem um 1648 die politisch motivierten Hexenprozesse stattfanden, und dem prägnanten Schulgebäude geht es auf den Friedhof.

Inzwischen ist es stockdunkel, manch einem Exkursionsteilnehmer gruselt es ein wenig. Zwischen dem Friedhofstor und den ersten Grabreihen im alten Areal beginnt Karl Keller darüber zu erzählen, warum Lebensbäume auf dem Friedhof gepflanzt wurden, und dass nach dem Glauben der Vorfahren die Friedhofsmauer die Seelen der Verstorbenen vor dem Teufel schützen sollte.

Der Gruselfaktor verstärkt sich, als alle wortlos Keller auf dem Weg durch den Friedhof und vorbei an den kleinen flackernden Grablichtern bergauf folgen. Nur das splitternde Geräusch der Kieselsteine unter den Schuhsohlen ist wahrzunehmen. Eigentlich ist der Aufstieg zum Erwin-Denkmal vorgesehen, aber aufgrund des einsetzenden Regens ändert Keller kurzfristig den Plan. Die Gruppe stellt sich bei der neu gestalteten Stadthalle unter, in der gerade Freizeitsportler trainieren. Gegenüber im Bühnengebäude üben hinter der großen Glasfront einige Musiker. Derweil erfahren die Teilnehmer einiges über das Werk von Meister Erwin von Steinbach am Straßburger Münster.

Die nächsten Führungen finden jeweils mittwochs am 15. Mai (19 Uhr), 7. August (19 Uhr) und 6. November (18 Uhr) statt. Treffpunkt: Gasthaus "Adler" in Steinbach. Anmeldung nicht erforderlich.

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