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Brandhaus am Sonnenplatz hat bewegte Geschichte
13.07.2019 - 00:00 Uhr
Von Margarete Schick

Baden-Baden - Viel zerstört hat der Brand, der in der Nacht zum 15. Juni im Dachstock des Stadtbild prägenden Hauses am Sonnenplatz wütete und dank der rigoros handelnden Einsatzkräfte unter Kontrolle gebracht werden konnte. Das Feuer hat jedoch keine Staubspuren zwischen den vor der Eingangstüre angebrachten Erinnerungssteinen an die einst jüdischen Bewohner Theodor Köhler und Auguste Köhler geb. Stern hinterlassen.

Fast drei Jahrzehnte liegt es zurück, dass der damalige Bürgermeister Jörg Zwosta die Ausstellung "Juden in Baden-Baden" im Jesuitensaal des Rathauses eröffnete. Am 15. September 1992 wurden die Pforten für die von Angelika Schindler mit den stadtgeschichtlichen Sammlungen konzipierte Ausstellung für die Öffentlichkeit geöffnet. Vor einer der Stellwände berichtete die aus Kfar Saba bei Tel Aviv angereiste 78-jährige Ruth Grebenau geb. Köhler mit gebrochener Stimme von der Geschichte des Hauses am Sonnenplatz 1. Grebenau war eine der 77 von der Stadt eingeladenen ehemaligen jüdischen Mitbürger.

Nach dem Verkauf des von ihrer Mutter Auguste Gittel Stern in die Ehe mit Theodor David Köhler, ihrem Vater, eingebrachten Hotels "Nest" sei im selben Jahr, 1920, der Erwerb des Hotels "Tannhäuser" am Sonnenplatz 1 erfolgt. 1938 habe der Name in "Köhler-Stern" geändert werden müssen. Eine Zwangsveräußerung des bekannten Hotels sei eine weitere Folge der Nazi-Doktrin gewesen, so die Zeitzeugin damals. Bei dem Käufer der Immobilie habe es sich glücklicherweise um einen Freund ihres Vaters gehandelt, betonte Ruth Grebenau. "Herr Fisch-Höfele", wie sie ihn nannte, habe nach Wegen gesucht, ihren nach dem Synagogenbrand am 9. November 1938 im "Hotel Central" internierten Eltern Geld und Nahrungsmittel zuzustecken, wann immer ihm dies möglich gewesen sei. Doch seien Deportation und Ermordung ihrer Eltern, an welche die Pflastersteine vor der Tür Sonnenplatz 1 erinnern, unabwendbar gewesen.

Bis zu ihrem Tod Ende des vorigen Jahrhunderts war Ruth Grebenau in Briefen nach Baden-Baden nicht müde geworden, den von ihr geschätzten Herrn Fisch-Höfele, dem sie auch spätere Geldgaben verdankte, als "wunderbaren Menschen" zu beschreiben und in gleicher Weise den aus Oos stammenden nichtjüdischen Küchenchef und Patissier des "Tannhäuser", Johann Schneider (1895-1956), mit Lobeshymnen zu überschütten. Sie erinnere sich besonders an seine weichen Schultern, wenn er sie als Kind die Hoteltreppe hinauf getragen habe. Nach ihrer Auswanderung nach Palästina habe er ihr auf ihre Bitte hin ein solch gutes Kochzeugnis ausgestellt, das sie in ihrer neuen Heimat rasch Arbeit als Köchin habe finden können, nachdem das Studium der Zahnmedizin nicht vorangekommen sei.

Ein im BT am 19. September 1992 unter der Rubrik "Das besondere Porträt" erschienener Bericht über Ruth Grebenau fand die Aufmerksamkeit von Anneliese Bohnert, der inzwischen verheirateten Tochter des einstigen Küchenchefs. Dem anschließenden Briefwechsel zwischen den beiden Frauen, der uns in Kopie vorliegt, sind Details zur Baden-Badener Stadtgeschichte zu verdanken. Die mit im Hotel am Sonnenplatz lebende Schwester von Theodor Köhler, Eugenie Weill, hatte sich in der Pogromnacht vor den Häschern in Sicherheit bringen können. Nur der Küchenchef wusste von ihrem Aufenthalt in dem Haus, in dem viele Fensterscheiben zu Bruch gingen. Aber der vor Angst zitternde Schneider dachte mit keiner Wimper daran, das Haus zu verlassen und zu Frau und Kindern nach Oos zu eilen. Dies glaubte er der Hotelfrau schuldig zu sein, der er in Herrenalb fünf Jahre lang zu deren und seiner Zufriedenheit gedient hatte, bevor er Soldat im Ersten Weltkrieg wurde. Eugenie Weill gelang es später, ihrem Sohn nach Amerika zu folgen.

Nach der Schließung des Hotels wurde das Inventar versteigert. Nach zermürbenden Beschäftigungen im Hotel "Bock", der Pacht des Gasthauses "Neue Welt" in der Weinbergstraße und einer Kriegsdienstverpflichtung beim Rüstungsbetrieb "Telekin" reifte in Johann Schneider der Entschluss, später einmal ein Gasthaus zu erwerben. Denn wo immer er weilte, seine lange Tätigkeit bei jüdischen Arbeitgebern wurde ihm angekreidet. Die Kantine des "Telekin" war im Gasthaus "Zur Traube" in Oos eingerichtet. Nach Kriegsende wurde Schneider von der französischen Besatzungsmacht verpflichtet, für die französischen Generäle in der "Villa Berta" zu kochen. Am 1. Januar 1949 sollte es ihm vergönnt sein, zusammen mit seiner Frau das Gasthaus "Zur Traube" zu pachten und zu eröffnen. Aber seine Lebenskräfte näherten sich dem Ende. Mit 61 Jahren erlag er einem Krebsleiden. Die glücklichsten Jahre seines Berufslebens hatte er im Haus am Sonnenplatz verbracht.

Wenn sonntags seine beiden Kinder - er hatte eine Tochter und einen Sohn - ihn in seiner Freistunde zum gemeinsamen Spaziergang abholten, hatte Auguste Gittel Köhler durch den Geschirr-Aufzug in die Küche gerufen: "Chef, haben die Kinder schon Eis gehabt?" Zur Erstkommunion erhielt Töchterchen Anneliese von Eugenie Weill an einem goldenen Kettchen ein goldenes Kreuzchen und vom Hotelier-Ehepaar eine silberne Armbanduhr und weiße Lederschuhe. Dies bemerkenswert, weil weiße Leinenschuhe das gängige Geschenk waren.

"Zur Erstkommunion der Tochter hatte er im Hotel Tannhäuser eine herrliche Torte herstellen dürfen, eine Torte, die zur Verzierung ein aufgeschlagenes Marzipan-Gebetbuch und einen Psalm in Schokoladenschrift darbot", erinnert sich Anneliese Bohnert später im für die Stadtgeschichte geretteten Brief vom 9. Februar 1993 an Ruth Grebenau in Israel. Das Heilige Land ist seit jenem Februar-Brief nicht nur zum Sehnsuchts- und Reiseland von Karl und Anneliese Bohnert und ihren Kindern Birgit und Claus geworden. Der Sohn studierte in Jerusalem zwei Semester katholische Theologie und hat den Beruf des katholischer Priesters gewählt.

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