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"Ich hatte ein riesiges Glück"
10.10.2019 - 00:00 Uhr
Baden-Baden - Für das Projekt "Baden-Baden schreibt ein Buch" hat die 17-jährige Schülerin Vera Braun ihren 87-jährigen Großvater interviewt. "Mein Opa möchte, dass wir verstehen, wie schwierig es ist, aus seiner Heimat zu fliehen, um in Freiheit weiterleben zu können - und wie viele Menschen auf der Welt von einem solchen Schicksal verfolgt werden", erläutert die Schülerin, die das Richard-Wagner-Gymnasium besucht. Das BT veröffentlicht heute die Geschichte "Tallinn ist gefallen", die sie aus der Perspektive ihres Großvaters zu Papier gebracht hat. Er musste mit zwölf Jahren flüchten:

"Hallo, mein Name ist Vello Riomar. Ich erzähle euch die Geschichte meiner Flucht von Estland nach Schweden. Im September 1944, als der Zweite Weltkrieg dem Ende zuging und die Deutschen ihre Macht über Estland immer mehr verloren, wussten wir, was bevorstand. Die Sowjetunion würde Estland okkupieren. Für meine Familie bedeutete das: Wir mussten so schnell wie möglich weg, da wir mit höchster Wahrscheinlichkeit unter sowjetischer Regierung nach Sibirien deportiert worden wären. Mein Vater, ein estnischer Rechtsanwalt, war nämlich unter deutscher Besatzung für die Zivilbevölkerung tätig gewesen und befürchtete nun, Opfer der sowjetischen Säuberungswelle zu werden. Sie richtete sich gegen Menschen, die nicht dem sowjetischen, kommunistischen Gesellschaftsideal entsprachen. Dazu gehörten Kleinbauern, Handwerker, Beamte und Akademiker, also auch mein Vater.

Ich war 12 Jahre alt. In der estnischen Hauptstadt Tallinn war schon seit über einer Woche die Hölle los - über der Stadt flogen russische Militärflugzeuge wie Vogelschwärme. Die Stadt war überfüllt mit Menschen, die das Land verlassen wollten. Sie kamen aus ganz Estland, weil sie vom Hafen in Tallinn flüchten wollten.

Meine Eltern und ich, meine Tante, mein Onkel und meine Cousine Maiu entschieden uns also, das Land zu verlassen. Es gab Boote nach Schweden und nach Deutschland. Doch die Wahl fiel uns nicht sehr schwer, da wir den ständigen Krieg satthatten. Deshalb entschieden wir uns für Schweden - ein Land in Frieden.

Am Tag vor der Flucht begannen wir, unsere Koffer zu packen. Meine Mutter steckte warme Kleidung, Brot, Schinken und einige Fotos ein. Das Wichtigste war für mich aber mein Kaninchen-Kuscheltier. In der Nacht machten wir uns auf den Weg zum Hafen. Dort angekommen, waren wir erst einmal geschockt: Hunderte Menschen standen am Kai und kämpften darum, auf das Schiff zu gelangen. Doch das war nur mit einer besonderen Erlaubnis möglich. Wir hatten Glück und konnten einen Verantwortlichen, den meine Eltern kannten, überreden, uns an Bord gehen zu lassen. Dort warteten und warteten wir und sahen zu, wie das Schiff immer voller und der Platz immer enger wurde. Irgendwann konnte man sich gar nicht mehr bewegen. Das Schiff sei ursprünglich für 60 Personen gebaut, sagte man uns, doch wir waren inzwischen über 600. Und trotzdem standen am Kai immer noch ungeheure Menschenmassen, die verzweifelt waren. Es war grausam, dabei zuzusehen, wie sie darum kämpften, doch noch an Bord gehen zu dürfen. Gleichzeitig waren wir erleichtert, dass wir selbst es geschafft hatten.

Endlich fuhren wir los. Die Schifffahrt sollte 52 Stunden dauern. Diese 52 Stunden waren kaum erträglich: Es war eng, stickig, dreckig, und es gab nur eine Toilette. Gleichzeitig hatten wir schreckliche Angst, da wir eine Zielscheibe für russische und deutsche Militärflugzeuge und U-Boote waren. Jeden Moment hätten wir entdeckt und bombardiert werden können.

Als wir endlich im Hafen von Stockholm eintrafen, waren wir sehr erleichtert. Wir wurden von freiwilligen Helferinnen der schwedischen Armee mit heißer Schokolade und belegten Broten empfangen. Vor allem die Schokolade schmeckte mir unbeschreiblich gut, da es so etwas in Estland während des Krieges nicht gegeben hatte. In der Nacht kamen wir in einer Kirche unter. Was für ein großes Glück wir gehabt hatten, verstanden wir erst im Nachhinein, als wir von einem deutschen Lazarettschiff mit über 3 000 Verwundeten hörten, das in derselben Nacht bombardiert wurde und sank.

Am nächsten Morgen brachte man uns mit einem Bus in ein Flüchtlingslager. Auf der Fahrt dorthin sah ich etwas, das mir für immer im Kopf bleiben würde: An einem Kiosk hing eine Zeitung, auf der die Schlagzeile stand: "Tallinn ist gefallen". Tallinn war also von der Sowjetunion genau in den 52 Stunden okkupiert worden, in denen wir geflohen waren. Unser Schiff war das letzte Flüchtlingsschiff gewesen, das noch von Tallinn hatte ablegen können. Wir freuten uns sehr und die Stimmung in der Familie war zum ersten Mal seit Langem wieder besser. Ein paar Stunden später brachte man uns zum Flüchtlingslager, einer alten Turnhalle.

Dort war es nicht sehr angenehm, da wir wieder sehr viele Menschen waren und wenig Platz hatten. Ein halbes Jahr blieben wir dort, bis wir endlich die Möglichkeit hatten, einen Zug nach Göteborg zu nehmen. Uns wurde gesagt, dass man dort gute Chancen hätte, Arbeit zu finden. Und das hat sich bestätigt. Meine Eltern arbeiteten beide bei einer Bank und ich ging zur Schule. Auch wenn mein Vater nicht seinem ursprünglichen Beruf nachgehen konnte, waren wir zufrieden.

Ein paar Jahre später, als ich gut Schwedisch sprechen konnte und einige Schulfreunde hatte, wollte ich, genau wie sie, ein Fahrrad haben. Deshalb ging ich zu meinem Vater und fragte ihn, ob er mir eins kaufen könne. Seine Antwort darauf war: "Das können wir uns nicht leisten. Aber hier ist es besser als in Sibirien." In diesem Moment wurde mir Einiges klar. Ich hatte ein riesiges Glück, dass ich hier heil angekommen war und in Frieden leben konnte. Bis heute bin ich froh über mein Schicksal.

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