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Die Anwohner fühlen sich ohnmächtig
Die Anwohner fühlen sich ohnmächtig
14.10.2019 - 00:00 Uhr
Von Christina Nickweiler

Baden-Baden - Bananenschalen, Alupapier und anderer Abfall quellen aus einem verbeulten Abfalleimer aus Blech, der vor dem ehemaligen Gasthaus "Bacchus" steht. Im Schaufenster fristen verbleichte Pizzakartons ein jämmerliches Dasein. Die Szene könnte aus einer Fernsehreportage über verwahrloste Stadtviertel sein - sie ist aber mitten aus dem Zentrum von Steinbach.

In der Ortschaftsratssitzung heute Abend will CDU-Rat Arno Klein die Vorkommnisse, die die Anwohner umtreiben, thematisieren.

Der Anblick des "Bacchus" steht sinnbildlich für den Niedergang des gut funktionierenden nachbarschaftlichen Lebens durch eine in kurzer Zeit entstandene inhomogene Bevölkerungsstruktur in dieser Gegend. Seit einigen Jahren wohnen südosteuropäische Leiharbeiter in großer Anzahl auf engstem Raum im "Bacchus" und "Landprinzen", den beiden ehemaligen Gasthäusern mit Fremdenzimmern.

Ein Nachbar nennt im Gespräch mit dem BT die Anzahl von mehr als 110 Personen, die bis vor einiger Zeit in beiden Gebäuden untergebracht gewesen sein sollen. Nachdem aber im "Bacchus" brandschutzrechtliche Mängel festgestellt wurden, habe sich die Zahl reduziert. Nun hat der Eigentümer einen Antrag auf eine Umnutzung für Wohnapartments im "Bacchus" gestellt. Damit steigt die Befürchtung der Anwohner, dass sich die Zustände verschlimmern.

"Früher war dies eine liebenswerte Wohngegend, wo man gerne lebte, heute ist es ein sozialer Brennpunkt durch Leiharbeiterwohnheime. Wir fühlen uns verarscht, wie es sich hier entwickelt hat", erzählt ein Anwohner. "Wir fühlen uns hier nicht mehr sicher", sagt eine andere Nachbarin. Mehrere Faktoren lassen die Anwohner zu diesem Schluss kommen.

Da ist zunächst ein Lieferdienst für asiatisches Essen und Pizza in der ehemaligen Gaststube "Bacchus". Nach mehreren übereinstimmenden Aussagen von Anwohnern beliefert dieser bis nachts um zirka 2.30 Uhr seine Kunden. Manche würden auch nachts selbst ihre Pizza hier abholen. Die Nachtruhe der Anwohner ist meistens dahin, wenn Autotüren zugeschlagen werden oder junge Leute im Buswartehäuschen gegenüber mit Pizza und Bier lauthals feiern. "Morgens liegt dann der Unrat in den Vorgärten oder in den Höfen", erzählt ein Anlieger. Es wundere hier jeden, warum dieser Gastronomiebetrieb so lange öffnen dürfe, zeigt sich eine Nachbarin verwundert Der Pächter und seine Familie würden rund um die Uhr schuften, um die enorme Pacht an den Investor bezahlen zu können.

Weiter hat die Firma Focus Personalservice aus Rastatt die ehemaligen Fremdenzimmer im "Bacchus" und "Landprinzen" für Leiharbeiter angemietet. In großen Gruppen treffen sich dann die südosteuropäischen Arbeiter meistens im Hof des "Bacchus". Die massive Präsenz und die bisher erlebten Verhaltensexzesse verängstigen die Bevölkerung in der Spitalstraße, in der südlichen Steinbacher Straße und in der Sommerstraße. Wo so viele Menschen auf engstem Raum untergebracht seien, gebe es immer Probleme, versucht ein Nachbar die Exzesse zu erklären. "Entweder wird mit lauter Musik gefeiert und gesoffen oder die Männer geraten aneinander", sagt er.

So berichten mehrere Anwohner über Müllberge, die sich beispielsweise über die Weihnachtsfeiertage wochenlang im Hinterhof des "Bacchus" türmten und Ratten angelockt hätten. Müll, darunter auch "gebrauchte Unterwäsche", Bierflaschen und Zigarettenkippen würden regelmäßig über die Balkonbrüstung aus dem Fenster in die Gärten der Nachbarn geworfen. Nachts und früh morgens um fünf würden lange die Motoren der Kleinbusse lärmen, bis sich die Gruppen geräuschintensiv im Hof gesammelt hätten und in Kolonnen zur Schichtarbeit gefahren würden.

Dann erzählt eine andere Nachbarin eine Episode, dass sie und ihr Mann an einem Sonntagmorgen Blutflecken an der Hausfassade und am Auto entdeckt hätten. Sie erfuhr, dass es nachts eine Messerstecherei mit Polizeieinsatz gegeben hätte und ein betrunkener Bewohner aus dem Fenster gestürzt wäre. "Ich konnte nächtelang nicht schlafen", sagt sie mit zitternder Stimme.

Ein anderer Anwohner ergänzt: Einmal hätten Leute mit Atemschutz und Schutzanzüge eine Frau aus dem Gebäude "Landprinzen" geholt, die aus einer Klinik geflohen sei. Dies habe er von den Einsatzkräften des Rettungsdienstes erfahren. "Die Zustände sind schon längst von öffentlichem Interesse", sagt der Familienvater.

Mitte Oktober 2018 gab es eine große Razzia mit mehr als hundert Polizisten, die morgens um sechs Uhr den Ortskern komplett gesperrt hatten (wir berichteten). Drogenhunde waren im Einsatz und es gab Verhaftungen und Ausweisungen wegen illegaler Einreisen.

Die Anwohner fühlen sich ohnmächtig. Egal ob sie sich bisher bei der Ortsverwaltung, beim Umweltamt, Gewerbeaufsicht, Lebensmittelkontrolle oder sonstige Stellen der Stadt beschwerten, immer wieder wäre die Antwort, dass die Stadt nicht die Polizei sei. "Erstatten sie Anzeige", hieße es von dort regelmäßig. Bis Redaktionsschluss lagen keine Stellungnahmen der Stadt, der Polizei und von den Zollfahndungsbehörden aus Karlsruhe und Stuttgart vor.

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